Wer völlig schutzlos und unbekümmert in diesem Netz herumsurft, erlebt ein blaues Wunder: Im April stellte die Polizei im niedersächsischen Rotenburg auf einem einzigen Rechner 3.800 Schadprogramme fest; die Besitzerin konnte wohl von Glück sagen, dass ihr am Ende bloß 650 Euro abhandengekommen waren.

"Angesichts der Computerkriminalität kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Informationssicherheit gerade scheitert", sagt Adam Shostack, ein ehemaliger Hacker, der heute als Sicherheitsexperte bei Microsoft arbeitet.

Ob das Internet als Waffe gedacht war oder als drogenfreier Trip für langbärtige Ingenieure, ist nicht ganz ausdiskutiert. Tatsache ist: Das amerikanische Verteidigungsministerium hat die Entwicklung bezahlt. Tatsache ist auch: Es hat dafür ein paar denkbar ungewöhnliche Typen angeheuert.

Vint Cerf . Larry Roberts. Robert Kahn. John Postel. David D. Clark . Es ranken sich viele Geschichten um diese Männer – die Erfinder des Internets. Jene Gruppe von Ingenieuren, die in den sechziger und siebziger Jahren die Sammlung technischer Übereinkünfte entwarfen, die man heute das "Internet-Protokoll" nennt. Bis heute gibt es den Rahmen für jeden Datenaustausch im Netz vor, ob es nun um den Versand einer Kurznachricht geht, die Übertragung eines Films auf YouTube, um Geschäfts- oder Staatsgeheimnisse.

Gründerväter ließen Anarchie zu

Das Pentagon wollte ein Netzwerk für seine Computer haben, das unter den widrigsten Bedingungen funktioniert. Die Antwort der Gründerväter auf diese Herausforderung lautete: Anarchie zulassen! Schon im Vorläufer des Internets (Arpanet) wurden Daten aller Art in kleine Pakete zerhackt, und die fanden ihr Ziel, ohne dass eine zentrale Poststelle ihre Strecke geplant und überwacht hätte. Sie suchten sich ihren Weg durchs Netz.

So etwas konnte nur in den Sechzigern passieren: Ausgerechnet im Dienste der Armee schufen die Gründerväter eine Welt frei von Hierarchien.

Die Eliten aus Akademikern und Ingenieuren behielten lange Zeit die Kontrolle. "Wir lehnen Könige und Präsidenten ab", sagte Gründervater David D. Clark großkotzig, "und Abstimmungen auch. Wir glauben an groben Konsens und an funktionsfähige Programme."

Erst als in den neunziger Jahren der große Internetboom begann, übernahmen Staaten und die schnell gewachsenen Internetkonzerne das Sagen. Aber die bis dahin geschaffenen Grundlagen haben sich im Kern nicht verändert.

Aus Teenagern werden Riesen

Was die Gründerväter unterlassen haben, damit ärgert sich Kriminalrat Helmut Picko heute regelmäßig herum. Er kennt sie gut, die Saboteure des Internets. Verhöre mit frisch ertappten Hackern könnten gut und gerne zehn Stunden am Stück dauern, und hinterher sind sämtliche Beteiligte vollkommen am Ende. Manchmal kann der Düsseldorfer Kriminalbeamte, der das Dezernat für schwere Cyberverbrechen leitet, gar nicht fassen, wer seine Widersacher sind. "Da sitzt dann vielleicht ein junger Mensch vor Ihnen", sagt er und fügt dann schnell hinzu, dass das aber keineswegs etwas zu bedeuten habe.

Wenn man den Erzählungen von Picko und seinen Kollegen lauscht, dann werden aus Teenagern Riesen mit Muskelpaketen, sobald man ihnen in der Parallelwelt des Cyberspace begegnet. Dann sind das anonyme Bösewichte, die binnen 15 Minuten ein Hintertürchen programmieren, in Computer eindringen und riesige Schäden anrichten. "Es wird heute nicht nur ein bisschen gehackt", sagt der Kriminalrat.

Sein Kollege, der leitende Kriminaldirektor Markus Röhrl, ergänzt: "Es sollte bei niemandem der Eindruck entstehen, wir hätten es hier überwiegend mit jungen Leuten zu tun, die nur spielen wollen. Hinter denen stehen auch andere, ältere Leute. Wir reden auch von Organisierter Kriminalität. Wir reden von Straftaten und Straftätern."

Picko und Röhrl arbeiten beim Landeskriminalamt in Düsseldorf – das jetzt einen großen, demonstrativen Schritt tut: Die Behörde gab bekannt, dass Nordrhein-Westfalen ein polizeiliches Cyber-Abwehrzentrum bekomm t. Gut 100 Beamte aus bisher fünf verstreuten Abteilungen werden einer neuen Einheit unterstellt. Das Personal wird aufgestockt.

Selbst ein Milliardenbudget reicht nicht zum Schutz

Deutschland errichtet seine Internetwacht am Rhein. 40 Autominuten von Düsseldorf entfernt, in der alten Bundeshauptstadt Bonn, baut das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ein brandneues "Lagezentrum". Von dort aus will es laufend die strategisch wichtigen Internetverbindungen des Landes prüfen. "Manipulationsversuche auf die Hard- und Software unserer deutschen Infrastruktur? Die gibt es", sagt Harald Niggemann, der Cyber Security Strategist des BSI, ein Mann mit kurzen, grauen Haaren, fleischigen Lippen und einer randlosen Brille; ein Hackerschreck im Dienste des Bundes.

In einem Bonner Vorort betreibt das BSI außerdem mit dem Katastrophenschutz, dem Verfassungsschutz, dem Bundeskriminalamt, dem Bundesnachrichtendienst, dem Zoll und anderen Behörden ein Informationsdrehkreuz für Netzbedrohungen. Und im malerischen Rheinbach schult die Bundeswehr um die hundert Mann in den neuesten Methoden des Cyberkriegs. Dort wird die Doktrin inzwischen so formuliert: "Der Cyberspace ist neben Land, Luft, See und Weltraum zum fünften Operationsraum geworden."

100 neue Cyberwächter sind gut. 1.000 wären besser. Aber die Wahrheit ist: Selbst ein 15-Milliarden-Budget zur Verteidigung des Cyberspace, wie es sich die USA leisten, schützt nicht.

Die USA konnten auch damit nicht verhindern, dass ihr Baupläne für ein neues Kampfflugzeug gestohlen wurden. Dass dort Stromnetze gehackt werden. Dass Cyberkriminelle bei ihren Einbrüchen Jahr für Jahr höhere Summen erbeuten. Richard A. Clarke, der ehemalige Cybersicherheitsberater von George W. Bush, sagt: "In jedem großen Konzern haben Hacker ihre Türchen in den Computersystemen hinterlassen, damit sie dort aus- und eingehen können."

Experten fordern Trennung der Netze

Das alles ist nur möglich, weil Industrieanlagen, Finanzinstitute, Militärs und das große weite Internet überhaupt an so vielen Stellen miteinander verbunden sind. Aus Kostengründen wurden all diese Dienste und Funktionen auf die gleiche wacklige, aber vorhandene Infrastruktur aufgeladen.

Jeden Tag werden mehr Menschen und noch mehr Dinge daran angeschlossen. Kein Tag vergeht, an dem nicht frisch erfundene Internetdienste online gehen. Täglich wird eine neue Softwareschicht auf die alten Schichten gelegt.

So geht es nicht weiter. "Wir müssen die unterschiedlichen Informationsflüsse unterschiedlich schützen. Eine Möglichkeit ist die Trennung der Netze", sagt der Leiter des Oxford Internet Institute Mayer-Schönberger.

Die Internetgesellschaft und ihre Visionäre sind schon einmal abgestürzt. Ende der neunziger Jahre, im überschwänglichsten Boom des vergangenen Jahrhunderts, übersahen Unternehmer, Politiker und Intellektuelle den großen Schwachpunkt des Booms: Die hochgejubelten Unternehmen schrieben keinen Gewinn. Ihren Geschäftsplänen fehlte das Fundament.

Im Spätsommer 2011 wird deutlich, dass dem ganzen Internet das Fundament fehlt. Es könnte zum neuerlichen Rückschlag kommen.

Diesmal braucht die Welt keine anderen, stabileren Unternehmen, sie braucht ein neues Netz.

Ab 13 Uhr diskutieren die beiden Autoren ihre These gern mit Ihnen in den Kommentaren.