Auch das ist der Arabische Frühling: Es brennt die israelische Botschaft in Kairo, jüdische Mitarbeiter müssen aus Angst vor einem ägyptischen Mob fluchtartig das Land verlassen; im Süden Israels töten Raketen Menschen, in der Türkei wird der israelische Botschafter ausgewiesen . Das ist keine zufällige Verkettung einzelner Konflikte . Aus Israels Sicht sind die Ereignisse in der muslimischen Welt außer Kontrolle geraten und bedrohen den jüdischen Staat.

Aber die größte Herausforderung steht Israel kommende Woche noch bevor: Der Versuch des palästinensischen Präsidenten Machmud Abbas, eine Vollmitgliedschaft seines Landes bei den Vereinten Nationen zu erstreiten . Es würde faktisch die Anerkennung Palästinas bedeuten.

Israels Regierung hat mit der Weigerung, sich ernsthaft mit einer Zwei-Staaten-Lösung zu befassen, die Palästinenser erst dazu getrieben, einseitige Schritte zu unternehmen. Die Palästinenser wiederum spekulieren darauf, dass am Tag nach dem 20. September die arabische Welt sich wegen des schon angekündigten Neins Amerikas und anderer westlicher Mächte empören und ihre Solidarität mit den Brüdern in Palästina zeigen wird; dabei haben ihre Regierungen selbst jahrzehntelang wenig dafür getan, die Situation der palästinensischen Flüchtlinge in ihren Ländern menschenwürdiger zu gestalten.

Es gibt auch ein anderes Israel, das die ewige Politik der Vergeltung satthat

Die Folgen dieser Politik sind gefährlich, nicht nur, weil sie enttäuschte Palästinenser auf die Straßen treiben dürften. Die muslimische Solidarität könnte sich in Zorn entladen, der Israel heftig trifft. Einerseits, weil der jüdische Staat in der Region verhasst ist. Andererseits, weil die israelische Regierung seit dem Beginn des Arabischen Frühlings keine Sprache für die neuen Ereignisse gefunden hat. Eine neue politische Lage entstand – aber Israel antwortete mit der alten Politik.

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Premierminister Benjamin Netanjahu hat alle Chancen für eine Kursänderung vorbeiziehen lassen. Er will nicht wahrhaben, dass sich etwas Grundlegendes ändert: Die arabischen Völker erheben sich und verlangen nach Demokratie. Araber und Demokratie, das war vermutlich für viele Israelis ein ähnlich widersprüchliches Wortpaar wie Hoffnung und Naher Osten. So führt sich Netanjahu mitten in der Revolution auf wie ein trauriger Besitzstandswahrer – aber im Umsturz lässt sich nicht business as usual betreiben.

Man sollte nicht vergessen, dass es auch ein anderes Israel gibt. Dieses Israel ist es leid, dass Politik zu Siedlungsthemen und Vergeltungsmanövern gerinnt. Zu Hunderttausenden demonstrierten die Menschen in Israel in diesem Sommer. Ihnen ging es nicht um Gaza, auch nicht um Ägypten oder Syrien. Aber sie zeigten, wie das jüdische Land sich von der Aufbruchstimmung in der arabischen Welt anstecken lässt, wie Ausweglosigkeit sich in Hoffnung verwandeln kann. Netanjahu erklärte diese Hoffnung zur Gefahr. Er hält an seiner Politik der Angst fest.

Der Angriff auf die israelische Botschaft in Kairo schürt diese Angst. Noch nie, mit Ausnahme der Erstürmung der amerikanischen Botschaft in Teheran 1979, ereignete sich solch ein Vorfall. Dass ein Land Botschaftsangehörige nicht schützen kann oder will, ist unerhört.