Oft sind sie noch grün hinter den Ohren. Dennoch sind sie unbequem und mischen sich ein. Ungefragt. Und sie verhalten sich gegen den Trend. Während junge Österreicher immer häufiger angewidert von Skandalen und Intrigen der Politik den Rücken kehren und höchstens noch in Nichtregierungsorganisationen gegen Schweinekobel oder Gengemüse kämpfen, setzen sie einen überraschenden Schritt. Sie treten ein in die SPÖ, in die stolze Traditionspartei, die bald 125 Jahre auf dem Buckel hat und als überaltert und strukturkonservativ gilt, der die Ideen ebenso abhandengekommen sind wie ein Leitbild ihrer selbst.

Das sind nicht die smarten jungen Roten, die sich flink auf der Karriereleiter hochhanteln und sich brav der täglichen Befehlsausgabe fügen. Die neuen Genossen sehen sich überwiegend als Störenfriede, die ein wenig Unruhe in die Machterhaltungsmaschine der Zentrale bringen wollen.

Einen Vorgeschmack darauf, was sich da im Schoß der Partei zusammenbrauen könnte, erhielten die roten Würdenträger am Parteitag der nach wie vor mächtigen Wiener Landesorganisation. In einem sorgfältig vorbereiteten Handstreich überrumpelte die aufrührerische Truppe der Sektion 8 rund um den 28-jährigen Volkswirt Niki Kowall den gut geölten Abstimmungsautomaten. Mit einem leidenschaftlichen Plädoyer überzeugte er eine Mehrheit der Delegierten, sich für ein Verbot des kleinen Glücksspiels auszusprechen.

Anfänglich glaubten die Spitzenfunktionäre, es handle sich lediglich um einen blöden Betriebsunfall. Natürlich dachten sie keine Sekunde daran, den nach den Statuten bindenden Beschluss in die Tat umzusetzen, schließlich spülen die Abgaben für die einarmigen Banditen jährlich 55 Millionen Euro in die Stadtkasse. Doch der Konflikt ist weit davon entfernt, entschieden zu sein. Die Fußsoldaten verweigern den Gehorsam. Rädelsführer Kowall kryptisch: "Ich habe den Eindruck, die Basis, die Masse derer, die am Parteitag für das Verbot gestimmt hat, wird sich nicht so einfach mit einer Alibilösung abspeisen lassen."

Das Wiener Beispiel ist keine Eintagsfliege. In vielen Bundesländern fanden in den vergangenen Monaten junge Genossen den Weg zur Glucke Sozialdemokratie. Sie taten dies nicht, wie das früher häufig der Fall war, weil sie sich einen persönlichen Vorteil erhoffen würden – die Posten und Pfründen, über die rote Funktionäre noch die Verfügungsmacht in Händen halten, schwinden zunehmend dahin. Zumeist klingen die Motive ein wenig diffus, die Vorstellungen über konkrete Politik sind oft unbestimmt und bescheiden sich mitunter in einer Schlagwort-Moral. Doch fast alle sind zugleich beseelt von dem Wunsch, sich an der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Land zu beteiligen. Und sie sind davon überzeugt, dass die SPÖ nach wie vor über genügend gestalterische Kraft verfügt, um den alten sozialdemokratischen Idealen zum Durchbruch zu verhelfen. Das mag sich zwar als gehöriger Trugschluss herausstellen – doch einen Versuch ist es den Novizen der Bewegung allemal wert (siehe die Selbsteinschätzungen auf dieser Seite).

Für die Parteizentrale kommt der unbotmäßige Neuzugang überraschend. Seit Jahrzehnten verwaltet sie den Niedergang der einstigen Massenpartei. Auf ihrem Zenit, in der Ära von Bruno Kreisky, versammelte sie 1979 noch 721.000 Mitglieder in ihren Reihen, genau vierzig Jahre später (aktuellere Zahlen sind nicht verfügbar) sind von dieser breiten Basis noch 243.462 Genossen übrig geblieben (zum Vergleich: Die Volkspartei zählt 700.000 Mitglieder zu ihren Gefolgsleuten, eine Zahl, die jedoch nur mit Vorsicht zu genießen ist). Damit ist die SPÖ im europäischen Vergleich zwar nach wie vor eine mächtige Partei, ihre deutsche Schwester SPD verfügt in Relation dazu nicht einmal über ein Fünftel dieser Mitgliederstärke, doch der Erosionsprozess nagt seit Langem ungehindert an der roten Substanz, die gerade noch für einen Kanzlerwahlverein ausreicht.

Verantwortlich dafür, das behaupten Wissenschaftler der Universität Göttingen in einer neuen europäischen Studie (Genossen in der Krise), sei vor allem die Partei selbst. Sie reagierte hilflos auf den strukturellen Wandel in Österreich, wo nicht mehr Sozialpartner und verstaatlichte Industrie den Ton angeben. Früher war das tradierte Konzept einer hierarchisch organisierten Kaderpartei maßgeschneidert. Nach dem "Bruch des sozialpartnerschaftlichen Friedensabkommens" habe es allerdings ausgespielt. Heute benötige die SPÖ "glaubwürdige Botschaften" und "schlüssige Perspektiven" und müsse sich zu einer "offenen Partei" wandeln, die "interessierten Bürgern Gelegenheit zur Mitbestimmung ermöglicht". Selbst wenn dadurch der Wille der Hierarchen in die Schranken gewiesen wird. Je mehr es unten an der Basis unter ihren Röcken rumort, desto besser ist es um die Zukunft der alten Dame bestellt.