Es war ein normaler Mittwoch

(...) Der Tag begann wie immer. Aufstehen, frühstücken, Schulranzen packen, Zähne putzen, Haare kämmen, schminken, ein Blick auf die Uhr – Mist, wieder spät dran. (...) Mathearbeit geschafft, erst mal entspannen, noch eine Schulstunde, dann ist endlich große Pause.

Dritte Stunde – Deutsch.
9.33 Uhr.
Die Türe öffnet sich.
Jemand steht in der Tür.
Eine Minute später ist meine Welt nicht mehr dieselbe.
Schmerzen, Angst und Trauer herrschen.
Weg der normale Schülerwahnsinn, weg die normalen Sorgen –
Nichts mehr wie es einmal war.
Um kurz vor zehn dann endlich Erleichterung.
Wir können endlich raus aus unserem Klassenzimmer.
Raus aus Blut, Angst, Tränen und Ungewissheit.
Doch ist das, was uns dann draußen erwartet, besser?
Entsetzen und der wirkliche Schmerz kamen erst dann.
Mit dem Verlassen des Schulgebäudes an diesem Tag beginnt ein neues Leben, für uns alle.

(...) Es ist schwer, diesen Morgen in Worte zu fassen, weil er so furchtbar ist, dass es keine Worte dafür gibt. Ein schrecklicher Albtraum, aus dem man aufwachen will. Egal, wie fest man sich kneift, wie oft man sich abends ins Bett legt, und egal, wie oft man sich wünscht, es wäre nie passiert. Man stellt immer wieder das gleiche fest, man wacht nicht auf, die Welt hat den Tag nicht gestrichen, unsere Engel fehlen immer noch.

(...) Jeden Tag kämpfen wir alle zusammen, und manchmal auch jeder ein bisschen für sich, für eine neue Normalität, für eine kleine Sicherheit in der Welt, für einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Manchmal gelingt es uns, doch manchmal bleiben wir noch stehen und gehen nicht weiter.
Dieser Tag hat uns alle verändert, ob wir das wollten oder nicht, wir hatten keine Wahl.
Der Zusammenhalt und das WIR-Gefühl haben sehr stark zugenommen, man achtet mehr auf seine Worte anderen gegenüber, und auch kleine Gesten wie eine Umarmung haben an Bedeutung und Wertschätzung gewonnen.
Zu hoffen bleibt, dass die Menschheit irgendwann begreift, dass Liebe immer stärker ist wie Gewalt.
Doch egal, was in Zukunft auch geschehen mag, unsere Engel kommen nicht zurück.
Wir vermissen sie schrecklich, und das jeden Tag.

In Liebe und Erinnerung an Chantal, Jana, Kristina, Steffi, Selina, Nicole, Ibrahim, Viktorija, Jacqueline, Nina, Michaela, Sabrina, Franz, Peter, Dennis.

Elena Altmann, 17 Jahre

Brief an Jacqueline

Brief an Jacqueline

(...) Wenn ich an Dich denke, kommen immer wieder schöne Erinnerungen hoch. Aber leider auch die schlechten. Zum Beispiel, dass wir uns immer so sehr gestritten haben. Wir haben uns teilweise das Leben ganz schön zur Hölle gemacht. Doch jetzt ist es zu spät, sich zu entschuldigen. Ich hoffe, man sieht sich irgendwann wieder, sodass ich alles sagen kann, wozu ich nicht kam, als Du noch lebtest.

(...) Erinnerst Du Dich noch daran, wie ich immer gesagt hab, ich werde Dich nie vermissen? Leider kann ich Dir jetzt nicht mehr sagen, dass dies ein Irrtum war. Ich habe nie gedacht, dass ich Dich jemals so vermissen werde.

Erinnerst Du Dich noch daran, wie wir im Dezember 2007 Plätzchen gebacken haben und mir dabei so warm wurde, dass Du mir mit dem Backblech Wind zugefächert hast?

(...) Oder wie uns bei unserer Sauce alles übergekocht ist, weil uns das erste Mal aufgefallen ist, wie man Champignons richtig schreibt?

Das sind alles Erinnerungen, die ich an Dich habe. Aber sie werden immer weniger. Ich habe Angst, Dich zu vergessen. Angst, Deine Stimme zu vergessen. Angst, dass die Erinnerung an Dich verloren geht. Wenn ich das Video von Dir ansehe, ist das manchmal nicht meine Schwester, die da singt und tanzt. Und das tut weh. Wahnsinnig weh. Ich fühle mich, als würde ich Dich verraten. (...) Langsam werde ich wie du. Fang an, meine Haare so zu tragen wie Du. Liebe Lila. Und Pink. Lackiere meine Nägel knallbunt. Aber niemand kann Dich ersetzen. Manchmal fühle ich mich verantwortlich, Deine Träume weiterzuleben. (...)

Ich werde nie vergessen, wie Du in dem Sarg lagst. Niemals werde ich vergessen, wie der Bestatter den Deckel auf den Sarg gemacht hat. Als ich nach dem Gerichtstermin mit dem Gerichtsmediziner gesprochen habe, habe ich zufällig Bilder von Dir gesehen. Blut... Ich werde das nie vergessen.

Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Ich hoffe, Du kannst von dort oben sehen, wie wichtig du mir bist. Ich hoffe, Du warst nicht sauer auf mich, als Du gestorben bist. (...)

Nanni

Unendlichkeit

Unendlichkeit

Der Wind peitscht in ihr Gesicht, die Nacht lässt ihre Gestalt im Schatten verschwinden. Seit Stunden geht sie diesen Weg entlang, immer geradeaus. Längst liegt die Stadt hinter ihr, vor ihr erstrecken sich Reihen von Reben, sie geht ohne Ziel geradeaus. Die Kerzen liegen längst hinter ihr. Den letzten Schimmer ihres Lichtes trägt sie in ihrer Erinnerung. Er schenkt ihr Wärme, doch sie weiß, schon morgen wird der Platz leer sein, die Kerzen werden an einen anderen Ort gebracht.

Laute Musik dröhnt in ihren Ohren, schwere, düstere Klänge. Sie lassen sie nicht vergessen, doch sie übertönen sie. Ein Nachtfalter streift ihren Blick. Es bringt sie zum Lächeln, dass ein Wesen, so klein es ist, in der kurzen Dauer seines Lebens alles erlebt, so wie sie alles erlebt, nur ist die Zeitspanne eine andere.

Für ihn ist sein Leben lang, für sie ist es kurz, doch ihres erscheint ihm wohl wie die Unendlichkeit.

Unendlichkeit, ein so unglaublich kurzes Wort für einen solch langen Zeitraum.

(...) Unendlich waren nur ihre Erinnerungen, Erinnerungen an Lachen, ein Licht, an Abende auf dem Pausenhof, an Skaten, an eine Sektflasche und Bilder, unzählige Bilder. Und Wünsche, sie wollten gemeinsam leben, eine WG beziehen, sie wollten die andere zur Hochzeit begleiten, die Kinder der anderen aufwachsen sehen.

Das alles würde sie niemals erleben können, und so wollte auch sie es nicht mehr erleben. Es waren gemeinsame Träume. Und einsam blieben sie zurück. Sie hatte sie losgelassen, die Träume, als sie an ihrem Grab stand, zum ersten Mal.

(...)

Durfte man denn glücklich sein, träumen, wachsen, wenn anderen alle Chancen dafür genommen wurden? Sie weiß es nicht. Durfte man hassen, wenn alles, was man erträumte, durch Hass zerbrochen ist? Durfte man leben, während andere starben?

Tina Block, 18 Jahre

Ich habe einen Traum

Ich habe einen Traum

Ich habe einen Traum.
Jeder Mensch hat Träume.
Auch ich.
Ich träume manchmal von einem "normalen" Leben.
Von einem Leben, in dem ich nicht hätte miterleben müssen, wie schrecklich es ist, Menschen sterben zu sehen.
Die eigenen Klassenkameradinnen sterben zu sehen.
Jeder Mensch auf dieser Erde hätte in meiner Situation stecken können.
Der Tod, die Bilder, der Schreck, die Verzweiflung, die Angst, die Gewalt, die Sorge, die Sehnsucht, der Hass, aber auch
die Liebe, die Verbundenheit, die Gemeinschaft, der Trost, die Freundschaft, die Musik, der Glaube und die Solidarität.
Dinge, die mein Leben beeinflusst haben und immer noch beeinflussen.
Dinge, die mein Leben zu dem gemacht haben, was es ist.
Dinge, die mich zu der gemacht haben, die ich bin.

Und dann frage ich mich:
"Wäre mein Leben ohne diese Dinge besser gewesen?
Wäre mein Leben ›normal‹ gewesen?"
Es wäre nicht MEIN Leben gewesen.

Ich lebe meinen Traum.

Carolin Osmaston, 16 Jahre

Ich erzähle dir

Ich erzähle dir

Ich erzähle dir von einer Schule.

Die Schule hat viele Momente.
Die Schule hat viele Gefühle.
Die Schule hat schöne Augenblicke.
Und dann ganz schreckliche.
Die Schule hat auch die Trauer kennengelernt.
Die Schule bringt auch mal Gefahren mit sich.
In ihr hat man Menschen kennengelernt und Menschen auch verloren.

Die Schule ist nicht immer so, wie sie sein sollte.
Die Schule ist so.

Jennifer Schreiber, 17 Jahre

Die Ungewissheit war schrecklich

Die Ungewissheit war schrecklich

Damals, am 11.3.2009, war ich noch auf der Hauptschule. Um circa 10.35 Uhr hörten wir die vielen Helikopter. Wir wussten zwar nicht, was los war, aber dass etwas Schlimmes passiert sein muss, ahnten wir. Es war nicht normal, dass so viele Helikopter über das Bildungszentrum II flogen. Einige aus der Klasse fanden das Ganze spannend und aufregend. Nachdem unser Lehrer vom Rektor aufgeklärt worden war, erfuhren wir von ihm, dass in der benachbarten Albertville-Realschule (ARS) ein Amoklauf stattgefunden haben sollte. Alle waren geschockt! Die einen versuchten ihre Eltern oder Geschwister zu erreichen. Die anderen hatten Angst um ihre Freunde und ihre Geschwister. Ich selber habe einen Bruder, der auf die ARS geht, um den ich sehr Angst hatte.

Die Gemeinschaft in der Klasse war an diesem Tag ganz anders als sonst. Jeder war für den anderen da. Nachdem wir dann das Klassenzimmer verlassen hatten und in einem sicheren Raum waren, wollten wir natürlich genauer erfahren, was los ist. Also holten wir unsere Handys heraus und hörten Radio. Die Anzahl der Toten stieg immer höher. Keiner wusste, ob Freunde oder Bekannte unter den Toten waren. Diese Ungewissheit war schrecklich. Die Lehrer und Lehrerinnen versuchten, uns zu beruhigen, indem sie einen Film ablaufen ließen. Doch das brachte uns auch nicht wirklich viel. Zwei Stunden später war es endlich so weit, wir durften raus. Doch draußen sah es nicht mehr so aus wie am Morgen. Krankenwagen, Reporter, Polizisten waren am Ort. Wir wurden mit Bussen in eine Halle geliefert, wo viele andere auch waren. Wir durften unsere Eltern anrufen, damit sie uns abholten. (…) Daheim, als ich dann meinen Bruder sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. (…)

Jetzt sind schon fast zwei Jahre vergangen, und ich habe das Ganze ganz gut verkraftet. Ich glaube, ohne meine Freunde hätte ich das Ganze nicht so gut verkraftet. Das einzig Gute an diesem Amoklauf ist, dass die Gemeinschaft sehr gewachsen ist.

Tugce Aslan, 15 Jahre

Ich schreibe es einfach mal

Ich schreibe es einfach mal

Ich weiß nicht, ob das euch hilft, aber ich schreibe es einfach mal. Ich möchte es zum LETZTEN Mal durchgehen, es war so:

Wir, meine ehemalige Klasse 5a, lernten gerade Vokabeln, als eine ganze Schulklasse an unserem Fenster vorbeirannte. (...) Plötzlich hörten wir Helikopter und Sirenen. Da kam die Sekretärin herein und sagte, wir sollen alle raus und zum Wunnebad laufen. Das Wunnebad ist ein großes Schwimmbad gleich neben unserer Schule, unsere Notfall-Sammelstelle.

Als ich aus dem Klassenzimmer rausrannte, (...) begegnete ich meinem ehemaligen EWG-Lehrer. Ich fragte ihn, was los war, er wusste es nicht. Ich kam als Erster meiner Klasse [im Schwimmbad] an und rannte auf die Brüstung im Innenraum. Es ging die Rede von zwanzig Toten um. Ob es stimmte, wusste ich nicht.

Als ein schwarz vermummter SEK-Polizist das Gelände betrat, brach noch mehr Panik aus. (...) Jede Minute kam mir vor wie Stunden. (...) Als ich zu Hause war, schaute ich ununterbrochen auf die TV-Schleife, die kam. Wie SEK-Polizisten aus dem Van stiegen, wie Scharfschützen auf den Dächern waren, und wie immer dieselben Menschen auf und ab liefen. Und noch mal aussteigen. Scharfschützen. Auf und ab. Alle aus meiner Familie drückten mich ganz fest. (...) Und schon kamen wieder die Bilder, aber diesmal die realen Bilder und nur in meinem Gedächtnis, die rennende Schulklasse, der nichtwissende EWG-Lehrer, die vielen Polizisten, das SEK, die Panik, das überlastete Handynetz, all das, aber auch noch etwas mehr.

Heute, heute habe ich schon fast alles vergessen. Ich kann heute offen darüber reden, deshalb sitze ich jetzt hier in der Containerschule und schreibe dies – in Gedanken an die Opfer und alle, die sie kannten.

Jan Meissner, 12 Jahre

Wut

Wut

Da ist einfach die Wut, die Wut auf all die Medien, die die Trauer zerplatzen ließen, die uns dabei gestört haben, in Ruhe darüber nachzudenken und zu trauern. Einfach alle angequatscht und interviewt haben, selbst wenn man deutlich gesehen hat, dass wir alle allein sein wollten. Und das ist das, worüber ich ganz besonders aufgebracht bin. Dass man den Menschen nicht in Ruhe lässt, wenn so eine schlimme Tat passiert und man in Ruhe um die Opfer trauern will, und man von der Presse trotzdem so belagert wird.

Es reicht nicht einmal, wenn man Plakate an die Fenster hängt, auf denen steht: "Lasst uns in Ruhe trauern!" (...)

Ich frage mich, warum Menschen, die nicht dabei waren, einen immer daran erinnern müssen, indem sie so blöde Fragen stellen wie: "Winnenden? Oh, das muss ja arg schlimm gewesen sein?" Dann entsteht dieser Hass auf sie. Sie können es keineswegs nachempfinden, wie es war. Andere Menschen hatten Angst um ihre Familie, Freunde, Bekannte, sie wussten nicht einmal, ob sie zurückkehren würden, und sie schwätzen einfach so daher!

"Wie war’s? War’s arg schlimm?"

Da will man am liebsten auf sie einprügeln, doch man versucht es besser zu machen und versucht seine Aggressionen unter Kontrolle zu bringen. Wir wollen nicht daran erinnert werden, wie es war, wir wollen auch mal in die Zukunft blicken. Es gibt Dinge, die kann man nicht begreifen, nein, man will sie einfach nicht begreifen.

(...) Denn man wird jede Nacht von Albträumen geplagt, immer und immer wieder. (...) "Warum?" Diese Frage hämmert einem Tag und Nacht durch den Kopf. Warum hat niemand gemerkt, dass irgendjemand so etwas plant? Keiner wurde darauf aufmerksam, nicht mal die Familie. Er hatte keinen Grund, diese Menschen zu erschießen, er kannte sie nicht einmal, so viele Menschen mussten für ihn sterben, ohne zu wissen, warum, nur weil er seine Aggressionen nicht unter einen Hut bekommen hat. Aggressionen auf etwas, das wahrscheinlich nicht einmal er selber wusste. (...) Man muss sich befreien von den Gefühlen, dem Hass auf einen bestimmten Menschen, den man nur eines fragen will: "WIESO?" (...)

Alessa, 12 Jahre