DIE ZEIT: Herr Widmer, am Dienstag ist Ihr Verleger Daniel Keel im Alter von 80 Jahren gestorben. Was verliert die deutschsprachige Kultur an ihm?

Urs Widmer: Ich bin erschüttert. Daniel Keel war nicht nur mein Verleger, er ist mir im Laufe der Jahre ein guter Freund geworden. Er fehlt mir jetzt als Freund. Keel war ein Verleger, der ein literarisch bedeutendes wie ökonomisch erfolgreiches Programm machte. Das kann er jetzt nicht mehr. Als Verleger war er allen seinen Autoren außerordentlich treu. Und er hat auch Bücher von uns gemacht, von denen er schon im voraus wusste, dass sie nicht profitabel sein werden. Dafür ist ihm höchste Anerkennung zu zollen. Ach, man musste mit dieser Nachricht rechnen, aber ich habe sie offenbar erfolgreich verdrängt.

ZEIT: Sie sind doch ein Verfechter der Verdrängung, oder?

Widmer: Ich habe eine geradezu Woody-Allen-ähnliche Psychoanalyse hinter mir – das ist ja ein Gegengift zur Verdrängung. Mir hat das gut getan, ich bin ein großer Freund der Freudschen Methode. Eine geglückte Verdrängung hat aber auch etwas Wunderbares – wenn man es nicht zu weit treibt. Es kommt auf das richtige Maß an.

ZEIT: Haben Sie es mit der Verdrängung schon mal zu weit getrieben?

Widmer: Ich arbeite lebenslang daran, genau diese Balance zu finden – zwischen dem Gewinn und der Abwehr von Erkenntnis. Die Kunst bewegt sich in dem kleinen Bereich dazwischen. Werfen Sie sich einem bedrängenden Problem in die Arme, spüren Sie das zwar sehr deutlich, aber Sie schreiben nicht mehr. Das Schreiben geschieht oft aus der Distanz: Man schaut auf das Problem wie durch eine Milchglasscheibe. Manchmal schreibe ich etwas Grauenvolles, bin dabei aber bester Laune. Eben weil ich darüber schreiben kann und die entsprechende Form dafür finde. Das ist ein Triumph! Ich komme dann nach Hause und sage zu meiner Frau: "Heute habe ich den Tod meiner Mutter beschrieben. Saumäßig gut!"

ZEIT: Die Schweizer Literaturszene scheint der Situation in Wirtschaft und Politik gegenüber ziemlich gleichgültig zu sein. Warum?

Widmer: Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Seit 40 bis 50 Jahren verfolge ich sehr genau, was in der Politik und in der Wirtschaft geschieht. Ich habe auch immer wieder darüber geschrieben, etwa in dem Stück Top Dogs . Und gerade ist ein neues, fettes Theaterstück von mir fertig geworden, es heißt Das Ende vom Geld. Im März wird es in Darmstadt uraufgeführt . Eigentlich hatte ich es für das Schauspielhaus Zürich geschrieben, in der Annahme, dass es dieses interessieren würde. Man hat es mir zurückgegeben. Die freundliche Dramaturgin von Frau Frey ließ mir ausrichten: Bis das Ganze auf dem Spielplan stünde, sei die Krise ja sowieso schon längst vergessen.