Der alte Mann und die Bar am Meer – Seite 1

Er steht da an der Espressobar im Flughafen München und zieht gleich voll die Show ab: gleich bisschen peinlich, gleich voll cool. Die Leute sehen ihn an, und er weiß, dass die Leute ihn gerade ansehen: blaugrauer Anzug, sein berühmtes silberweißes Haar, die aufrechte Gestalt, die tänzelnden Schritte: hin zur Bar, von der Bar weg. Zu seinen Füßen liegen zwei schwarze Stoffbeutel, das soll wohl sein Gepäck sein. Wie alt ist er noch mal – 69 Jahre, schon weit über 70, noch keine 60 Jahre alt? Er hat kein Alter, der Mann, der in dieser Woche 70 Jahre alt wird.

"Un caffè macchiato, per favore."

Dieser Charles Schumann – Deutschlands bekanntester Barmann , eine Barlegende, Typ aus der Baldessarini-Werbung, der im Gegensatz zu den jungen und jugendlichen Männern auf der Welt wie ein echter, wie ein erwachsener Mann aussieht – er ist der Mann, der gerade eine Riesenfreude daran hat, hier am Flughafen München auf Italienisch einen Espresso zu bestellen. Er ist der Mann, der jetzt erst mal volle Pulle angeben muss. Angeben, das versteht der Mensch im Anblick des Charles Schumann – das ist eine Kunst, die aus der Lust am Spielen kommt: ein helles, leichtes, harmloses Vergnügen. Diese Angeber, die wollen ja alle nichts Böses. Gute Angeber, das denkt der Reporter im Anblick des Charles Schumann, nehmen sich selber nicht ganz ernst (sonst wird es eng, sonst wird es ganz furchtbar). Charles Schumann sagt, den Espresso in der Hand, den Reporter von oben bis unten abschätzend, mit dem er fünf Tage auf Reise gehen wird: "Wurscht." Dann sagt er: "Schaun mer mal, sagt der Beckenbauer." Dann, das berühmte Charles-Lächeln lächelnd, das gleichzeitig eine Freundlichkeit und eine Unverschämtheit, eine Herausforderung ist, irgendwo dazwischen: "Verstehst, ich hab’s nicht gerne, wenn zu viel Milch auf dem Espresso ist."

Sieben oder acht Jahre ist es her, dass Charles Schumann in der berühmten Bar Schumann’s am Odeonsplatz am Münchner Hofgarten, im Vorbeigehen, das Tablett mit dem Bier und dem Espresso durchs Lokal tragend, über eine Schulter seiner Kellnerschürze zum Gast gesagt hatte: "Wir fahren mal ein paar Tage zusammen nach Marseille, das machen wir." Das hatte dann als Ansage, als Erklärung für die anstehende Reise vollkommen genügen müssen: Wir fahren mal nach Marseille. In Ordnung, dann machen wir das. Vor bald 40 Jahren, in den Jahren 1971, 72, 73, das hatte der Reporter unter den vielen Gerüchten gehört, die über Charles Schumann erzählt werden, da hatte der Barmann in Diskotheken und Nachtlokalen in Südfrankreich gearbeitet, in Montpellier, Toulon, Perpignan. Ein gutes, weil verboten klingendes Gerücht lautete, dass der Charles Schumann an der spanischen Grenze mal ein Erotiklokal betrieben habe – das war natürlich alles ganze Urzeiten her: 40 Jahre. Aus Frankreich hatte der Charles Schumann, der als Bauernbub Karl Georg Schuhmann in der Oberpfalz geboren worden ist, den Charles, den fremd klingenden Vornamen mitgebracht: Der Charles wurde merkwürdigerweise immer englisch, also wie der Prince of Wales, nie französisch ausgesprochen. Und dieser Charles hatte natürlich immer ein Gefühl dafür gehabt, welchem Gerücht er besser nicht widersprach. Kaum jemand hatte mit dem Charles Schumann je länger als zehn Minuten geredet – das waren die Minuten, in denen er sich, wenn er die Kellnerschürze trug, ein wenig zu seinen Gästen setzte und irgendeinen schönen, flüchtigen, gekonnt gleichgültigen Kram erzählte. Es schien, zwischendrin, unwahrscheinlich, dass der Mann, der kein Leben außerhalb seiner Bar zu haben schien, den kaum je ein Mensch an einem öffentlichen Ort, in einem Restaurant, einem Kino, bei einer Party, Galerieeröffnung, Preisverleihung gesehen hatte, die Wände seiner Bar verlassen und eine Reise an die Orte seiner Vergangenheit antreten würde.

Charles Schumann: Muss man den eigentlich kennen? Er ist die klassische Halbberühmtheit (das heißt, man muss ihn nicht kennen, gleichzeitig kennt ihn ja praktisch jeder). 1982 eröffnete er auf der Münchner Maximilianstraße das Schumann’s, die American Bar, in der es die klassischen amerikanischen Drinks gibt und in der die Kellner gut aussehen und weiße Kittel tragen, in die mit roter Schreibschrift die Vornamen eingenäht sind. Er wurde damals "der Charles" – jeder, wirklich jeder, der sein Lokal betrat, durfte ihn duzen (eine andere Frage war, ob er, der Boss, eine Antwort gab). Innerhalb weniger Jahre hatte es der Charles zu nationaler Berühmtheit und seine Bar zu einer Institution gebracht, was auch daran lag, das es die goldenen achtziger Jahre in München waren: Die Drinks waren echt gut, die Kellner sahen echt gut aus, und die Menge der Tische im alten Schumann’s, die nur an Stammgäste gingen, war begrenzt. Zu den guten Drinks gab es einige wenige gute Gerichte zu bestellen, das Schinkenbrot, Käsebrot, das Roastbeef mit Bratkartoffeln. Vor acht Jahren war das Lokal an seinen heutigen Standort am Münchner Hofgarten gezogen (mehr Tische, Kellner, Gerichte), etwa zur selben Zeit hatte es Charles als Model zu Bekanntheit gebracht: Sein Gesicht mit dem Werbespruch What separates the men from the boys hing auf der ganzen Welt, in Los Angeles, in Tokyo und Moskau.

Charles Schumann erklärt nun, während das Flugzeug nach Südfrankreich fliegt, dass er keinen Bock hat, sich bei unserem Ausflug nach Südfrankreich wie ein verdammter Tourist zu benehmen, er sagt "keinen Bock", weil er offensichtlich wirklich keinen Bock hat. Natürlich: Wir wollen wenig, kein Hotel und kein Sternerestaurant testen, keine Kirche besichtigen, keine hochinteressante Sozialforschung in Problemvierteln betreiben. Charles sagt den erfrischenden Satz: "Von mir aus können wir fünf Tage lang nicht einmal gut essen gehen, kein Problem." Um was geht’s dann auf dieser Reise? Wir wollen, Entschuldigung, einen gescheiten Scheiß erzählen. Wir wollen angeben, Zeit verplempern, an einer Hausecke stehen, an der nichts ist, und wenn da weiter nichts passiert: super.

Schon 1985, also wenige Jahre nach Eröffnung des ersten Schumann’s, hatte Charles einem Reporter erklärt, dass er mit seiner American Bar etwas aufgemacht habe, das es so eigentlich gar nicht mehr gebe. So etwas wie Barkultur gebe es nicht mehr – die Idee, dass ein Mann Abend für Abend ein Lokal betrete, wo er seinen Drink hingestellt bekomme und von der lauten Welt da draußen für ein paar Stunden seine Ruhe habe: Das sei alles hoffnungslos von gestern. Deshalb, so erfuhr der verdutzte Reporter, wolle er seine Bar auch bald dichtmachen und lieber etwas aufmachen, wo er als Barmann seine Ruhe habe: irgendein kleines Lokal, einen Sandwichladen in Südfrankreich zum Beispiel. Den Sandwichladen gibt es in Gesprächen mit Charles bis heute, mal heißt er "Sandwichladen am Meer", mal "Sandwichladen in Deauville", mal ist es ein Hotel in Bordeaux. Wenn wir nun also in Südfrankreich unterwegs sind, dann wird es nebenbei auch immer die Suche nach dem ewigen Sandwichladen sein.

 In einer Hühnerbraterei begann die Gastronomie-Karriere

Typisch Charles Schumann. Was ist typisch Charles Schumann? Der Schumannsche Knallhuster – er hat das Talent, mit einer Mischung aus Räuspern und Husten ein pistolenschussartig lautes Geräusch in seinem Körper zu zünden, wobei er sich selbstverständlich nicht die Hand vor den Mund hält. Der schroffe Tonfall. Die Standardfragen: "Brauchst noch was? Hast du Hunger?"

Die Frage lautet doch auch: Wie konnte ein Barmann zu einer von vielen bewunderten Gestalt, zu einem Helden des deutschen Alltags werden? Schwer zu beantworten. Versuch einer Antwort: Im Tamtam des Alltags, beim Geld-Verdienen, Frauen-Aufreißen, Bier-Bestellen – geht vielen Menschen so etwas Hochinteressantes und Hochkompliziertes wie die Würde verloren. Dieser Charles Schumann scheint zu wissen, wie man seine Würde – als Barmann, Mann, als Mensch – behält. Während noch nie so viel über Stil und Coolness nachgedacht, debattiert und unsäglicher Blödsinn zusammengeredet worden ist wie heute, scheint dieser Mann sie zu besitzen: Stil, Grandezza, das Gefühl für die schönen, wahren, ursprünglichen Dinge (vielleicht hat man im Anblick des Charles Schumann auch nur den Eindruck, dass hier einer versucht, mit Anstand durchs Leben zu gehen, mehr nicht). So gesehen wäre dann aller Bla spannend, den einer wie er erzählt. Er ist – natürlich – auch einfach ein Mann der guten Sprüche.

A7. L’autoroute du Soleil . Das Baumlose: eine Erholung für die Augen. Die vielen Brauntöne in der Landschaft. Die Salzfelder. Es ist gleich angenehm eintönig. Der Zauber der Provence ist von so vielen Leuten gepriesen und auf Gemälden, die heute 100 Millionen Dollar kosten, gemalt worden – da brauchen wir uns nicht mehr großartig aus dem Fenster zu lehnen. Wir erlauben uns das schöne altmodische Kartenlesen, das macht außer ihm wahrscheinlich kein Mensch mehr in Europa.

Arles, so erzählt Charles auf dem Beifahrersitz, ist die Stadt, die er im Kopf hat, als er 1971 von München nach Südfrankreich aufbricht. Er ist damals 30, also "auch nicht mehr ganz taufrisch": geboren 1941 in der Oberpfalz, der Vater Landwirt, die Mutter sehr katholisch, bischöfliches Gymnasium in Regensburg, das Priesterseminar ("Das war eine böse, dunkle Zeit"), mit 17 abgebrochen, um Geld zu verdienen, sechs Jahre beim Bundesgrenzschutz ("viel zu lang"), Ausbildung als Konsulatssekretär im Auswärtigen Amt in Bonn. Er arbeitet dann einen Sommer lang am Lido degli Estensi bei Ravenna an der Adria in einer Hühnerbraterei. Charles kommt nach München, jobbt nachts in einer Diskothek, tagsüber als Koch. Er muss damals kaum eine Ahnung gehabt haben, welche Richtung er diesem taumelnden Leben geben sollte: "Ich war immer verträumt. Die Selbstsicherheit kam später."

Ist das Erinnern an ganz früher für ihn eigentlich eine einfache Übung? Das ist doch alles schon 40 Jahre her. Es grinst der Barmann nun sein spöttisches Grinsen: "Deshalb erfinde ich im Nachhinein ja auch immer alles, weil ich mich so sowieso an nichts erinnern kann." 1971 fährt er in einem roten Mini gen Süden, hinter Nizza liefert er sich mit einem Alfa Romeo ein Rennen, das er verliert. In den Mini passen alle seine Habseligkeiten hinein: ein paar Bücher, paar Hemden. Die Diskothek Tiffany’s in München plant, eine Zweigstelle in Montpellier zu eröffnen, und sie fragen den Charles, ob er den Geschäftsführer geben möchte. In der Stadt Arles liegen alle Sehnsüchte, die einer, der noch nicht viel von der Welt gesehen hat, mit Frankreich verbindet: Sonne, Leichtigkeit, schöne Frauen, Kultur, die große Literatur, Montaigne, Rousseau, Voltaire, Balzac, natürlich Camus und Sartre, die einer wie Charles – wie damals viele seiner Generation – vielleicht nicht gelesen hat, aber immerhin schick findet. Sehnsuchtsland Frankreich: "Ich wusste genau, wie es da aussieht, obwohl ich nie da war."

Durch Arles rennen wir wie die letzten Touristen-Dödel: auf der Suche nach einem Mittagessen. Zweimal sitzen wir in einem Straßencafé, er studiert die in Plastik eingefasste Speisekarte, dann springt er auf, legt die Karte weg, steckt die Lesebrille ein und schlendert wieder los: "Nein, komm. Das hat keinen Zweck." Charles Schumann hebt nun an diesem Mittag in Arles zu einem Zwischenvortrag über die ins Katastrophale gesunkene Qualität des französischen Baguettebrots an: "Es gibt ja immer weniger Brot, das nicht halbgefroren angeliefert und aufgebacken wird. Der Beruf des Bäckers stirbt aus." Er sieht nun plötzlich, ganz im Widerspruch zu dieser Aussage, das Mittagessen vor sich, das er hier in Arles einnehmen möchte: "Weißt was, wir kaufen uns ein Brot und einen Schinken selber, und dann belegen wir unsere eigenen Sandwiches." Stopp vor einer Boulangerie und einer Charcuterie. Wir sitzen in einem Café, die Espace Van Gogh nebenan, eine Flasche Wasser und zwei Noisettes, Espresso mit Milch vor uns auf dem Cafétisch, und der Barmann Charles Schumann belegt Brote. Er schneidet das Brot nicht, er reißt es mit den Händen auf, woraus sich gleich eine eherne Regel des Sandwichbelegens ableiten lässt: "Ein gerissenes Brot schmeckt viel besser als ein mit dem Messer geschnittenes. Man zerstört beim Schneiden die Struktur." Er hält einem das offene Baguette hin, das noch heil ist, weil er es nicht geschnitten, sondern mit den Händen aufgerissen hat: sofort einleuchtend. Sitzen, kauen, Zufriedenheit hier in der zweitausend Jahre alten Kulturstadt Arles. Charles Schumann: "Bevor man irgendeinen Scheiß isst – gutes Brot, guter Schinken, aus." Nebenbei, so nimmt der Barmann mit einem Lächeln zur Kenntnis, hat er, gleich in dem ersten Café, in dem wir sitzen geblieben sind, den ersten eigenen, wenn auch noch kleinen Sandwichladen gegründet, von dem er seit 25 Jahren spricht.

Abend in Montpellier. Bei der Einfahrt in die Stadt hatten wir beiläufig nach der Tiffany’s-Diskothek geguckt, die damals auf einer Wiese vor der Stadt stand. Da stehen heute Wohnparks in Rosa und Gelb, eine Mischung aus Disneyland und Forum Romanum. Im historischen Zentrum: exakt dasselbe Karussell wie in Arles, und da fährt auch schon wieder die Touristen-Bimmelbahn. Die ganze Altstadt ist ein einziges Straßencafé, was dem Spaziergänger Charles mächtig auf die Nerven geht: "Kein Müll auf den Straßen, aber die ganze Stadt zugepflastert mit Cafémöbeln. Das ist ja auch eine Art von Müll."

 Am Strand kann man nichts besprechen – oder nur die ganz großen Dinge

In einem Café, das immerhin den Charme eines Geldwäscher-Ladens hat, versuchen wir es im weichen Licht der Abendsonne dann noch mal mit dem Erinnern: "Montpellier war ja ganz harmlos. Eine hübsche, kleine Studentenstadt." Jede Nacht steht Charles im Tiffany’s Club: Er ist der Personalchef, hat 50 Angestellte, spricht kaum Französisch. Nach vier Wochen kennt ihn das ganze Städtchen: Mit dem schulterlangen schwarzen Haar und den hellblauen Augen sieht Charles fremdländischer aus als viele Südfranzosen. Er trägt eine verwegene Garderobe, die schwarzen Samthosen lässt er sich bei einem Schneider herstellen. Vom Personal der Kneipen und Diskotheken in Montpellier wird Charles zum schönsten Mann von Montpellier gewählt ("Das darfst aber bitte nicht schreiben, das ist mir peinlich"). Gab es ein wildes Nachtleben, damals in Montpellier? "Es gab viele Immigranten, die keine Arbeit hatten, da waren auch unangenehme Leute darunter, aggressiv, mit Minderwertigkeitskomplexen, ohne Erziehung." Einen Teil seiner Ausbildung zum versierten Barmann, den erhält Charles als Diskotheken-Chef in einer südfranzösischen Kleinstadt. "Es gab auch Frauen, die sich um Männer geschlagen haben, nicht ungefährlich." Von seinem Chef bekommt Charles das Angebot, einen Stripteaseclub bei Perpignan an der spanischen Grenze zu führen. "Das war doch kein Sexladen, wie ihr ihn euch vorstellt." Lustig, jetzt ärgert sich der Mann, der sich erinnern soll. "Das war ein Unterhaltungsclub: roter Plüsch, ein Ableger vom Crazy Horse in Paris. Die Spanier kamen übers Wochenende mit ihren Mätressen, haben gespielt, gut gegessen, Frauen angeguckt." Charles bleibt zwei Sommer in Frankreich, länger bleibt er nicht: Im Sommer 73 geht er zurück nach München.

Es läuft nun die Suche nach einem machbaren Hotel. Etwa zehn Dreisternehotels führen ihre Zimmer vor. Charles spricht, mit seiner Lesebrille auf den Straßen von Montpellier herumwinkend, mit wunderbar leichter Laune: "Reisen kann so einfach sein, wenn du ohne Frauen unterwegs bist." Moment, war das jetzt frauenfeindlich? Widerspruch: So kann natürlich nur jemand daherreden, der viel mit Frauen unterwegs ist, sein Leben also mit den Frauen teilt. Er bleibt stehen, um sich des Schauders dieses Gedankens ganz zu entledigen: "Wie dir eine Frau jetzt die Hölle heiß machen würde – neun Uhr abends, Gepäck im Auto und noch kein Hotel!"

Wir landen dann in einem wirklich schauderhaften Kasten, auf eine Art entspannend, weil es ein restlos von allem Charme gesäuberter Ort ist: das Golfhotel Montpellier Massane mit Spa, außerhalb gelegen.

Den ersten vollen Ferientag liegen wir an einem Strand in der Camargue: weißes Licht, weißer Strand. Menschenleere. Dumme Frage, aber kann man diesen Charles Schumann fragen, ob er einem den Rücken mit Sonnencreme eincremt? Eher: nicht. Er trägt eine knielange Surferbadehose mit Schlingpflanzenmuster. Der Mann mit der Badehose aalt sich da im Sand herum. Er sieht für sein numerisches Alter von 70 Jahren so unsäglich schlank und stark und frisch aus. Worin liegt der Sinn dieses jung gebliebenen Körpers? Möchte dieser Mann 120 Jahre alt werden? Die weiche Haut, so Charles, hat er vom Salzwasser: Vier oder fünf Mal im Jahr, also immer wenn ein paar Tage Zeit sind, reist er in ein Hotel nach Biarritz zum Surfen. Die jungen Leute am Atlantikstrand halten ihn für einen Surfer-Dude, einen Super-Surfer-Daddy, der seit Jahrzehnten die große Welle gesucht hat – dabei hat Charles mit dem Surfen erst vor ein paar Jahren angefangen.

Am Strand kann man nichts besprechen – oder nur die ganz großen Dinge. Charles sagt: "Hier könnte man sterben, wäre vielleicht ganz schön." Charles bezieht nun zu der gewichtigen Frage Stellung, ob man einem guten Freund Geld leihen darf: "Dem Freund, der 10.000 Euro haben will, dem gebe ich 500 Euro. Und die will ich nicht zurückhaben, die vergesse ich dann. Ich habe den Kumpel noch nicht gesehen, der die 500 nicht nimmt." Das schöne Wort "dösen" fällt: Mittagsschlaf in der Sonne der Camargue. Seine Haut verbrennt nicht, sie ist seit seinen ersten Tagen in Südfrankreich vor 40 Jahren gleichmäßig dunkelbraun. Charles soll nun etwas über das immer grandios spannende Thema "Stammgäste" erzählen. Charles: "Ich sage ja normalerweise nichts über meine Gäste." Wie definiert er Stammgast? "Das ist – meistens – ein unangenehmer Mensch. Weil er alles will. Und wenig gibt. Ein Laden wie das Schumann’s ist darauf angewiesen, dass die Gäste hier wirklich zu Hause sind." Über den großen Stammgast Bernd Eichinger sagt Charles: "Wie der sich bei uns aufgeführt hat... Gott habe ihn selig." Unter den FC-Bayern-Spieler, die immer gerne ins Schumann’s kamen, ist ihm der Bastian Schweinsteiger einer der liebsten: "Super Typ." Und der Barmann sagt einen anderen Charles-Schumann-Klassiker, den es seit 1985 immer wieder zu hören gibt: "Die besten Stammgäste sind tot, oder sie kommen nicht mehr."

Plauderplauder. Faselfasel. Was hat Charles nach 30 Jahren als Barmann noch zum Thema Alkohol zu sagen? "Alkohol ist ein Genussmittel. Wer davon profitieren möchte, der muss es in Maßen genießen." Was ist mit den schweren Trinkern? "Die kannst du ja nicht stoppen." Charles sagt: "Ich habe vor keinem Säufer Respekt, vor gar keinem. Ich finde es entsetzlich." Der glamouröse Säufer, den es früher angeblich gab, der sei natürlich ein Mythos: "Die wenigsten stehen das durch. Die Leber stirbt, die Liebe geht kaputt. Der Trinkertod ist ein grausamer Tod."

Lustig, im Bistro à Côté, das neben dem Zweisternerestaurant L’Atelier von Jean-Luc Rabanel liegt und von derselben Küche betrieben wird, hat es Charles dann auch nicht besonders geschmeckt. Er rührt lustlos, aber natürlich wieder grandios anzusehen, mit dem Griff seiner Gabel in den Eisstücken seines Campari Soda herum: "Der ist zu stark, weil er nicht geschüttelt ist." Er muss dann beim Kellner reklamieren: "Im Sommer muss ein Rotwein kühl, zumindest temperiert serviert werden. Das predige ich auch ständig meinen Leuten." Charles sagt auch: "Ein Teller ist bei mir weiß und rund, niemals schwarz und eckig." Übernachtung im Hotel Jules César. Eine herrschaftliche Halle. Blümchentapeten, 100 Jahre alte Heizkörper, Emailleklinken. So mag es der Charles.

 Bullaugen, Segelschiffe, Fischernetze: Da wird es auch der Barlegende warm ums Herz

Wir stürzen mit dem Auto durch das Braun der Berge in die vorletzte Station unserer Reise hinab: Marseille, die Großstadt. Charles liest die Sportzeitung L’Équipe . Er trägt eine hellblaue Leinenhose, die spektakuläre Flecken hat, dazu eins der weißen Polohemden, die zu seiner Münchner Kellneruniform gehören (sind von H&M und kosten 9,90 Euro). Charles fragt: "Was tankt das Auto? Egal, hau einfach das Falsche rein." Schwer zu beschreiben: Aber exakt so eine Flapsigkeit, eine an unerheblicher Stelle hingeworfene Nachlässigkeit, das ist der Charles-Schumann-Humor. Man hat komischerweise immer das Gefühl, dass die Welt danach ein Stück größer, freier, leichter geworden ist.

Er hat nun – auf die denkbar vergnügteste und leichteste Art – plötzlich wieder spektakulär schlechte Laune. Er schnauzt schon wieder so toll rum. Wenn er keinen Bock zu reden hat, dann ist dies natürlich auch ein Fazit aus 30 Jahren Berufserfahrung: In einer Bar wird ja unendlich viel Mist erzählt, da muss sich der Mensch, dem das gesprochene Wort nicht gleich ist, vor schützen. Gleichzeitig ist die Schroffheit, Schlechtlaunigkeit, Härte des Charles Schumann ja immer auch ein Angebot an die Menschen, eine verborgene Aufforderung zum Gespräch. Mit schlechter Laune kann man die Menschen abholen, schlecht gelaunt sind wir doch alle irgendwie: Also, wir zwei können reden.

Wir wohnen im Hotel Bellevue am alten Hafen: einfacher, runtergehängter Laden. Im ersten Stock gibt es eine Bar, die selbst die Barlegende Schumann glücklich macht: Bullaugen, Segelschiffe, Fischernetze, Flaschen, blinde Spiegel an den braunen Wänden, kaum Licht, obwohl draußen die Sonne brennt. Wir müssen gleich losrennen. Wenn Charles nach New York kommt, so erzählt er, dann muss er auch immer erst mal fünf Stunden durch die Stadt rennen, um sich zu beruhigen, so ist das auch in Marseille.

Ansage Charles: "Ich gehe mir jetzt bei Starbuck’s einen Kaffee kaufen – nach vier Tagen Frankreich ist es so weit: Ich brauch einen anständigen Espresso." Die Stadt ist gleich auf den ersten Metern so, wie es in den Reiseführern steht: tolles Durcheinander, tolle Gegensätze. Die zwei Kontinente Afrika und Europa schlagen hier aufeinander. Im Marktviertel Noailles liegt der Müll auf der Straße, dazwischen der Mist, der verkauft werden soll: Turnschuhe, Fernbedienungen, Elektrokabel, Mekkabilder, Taschenkorane. Überall stehen die Spezialisten herum, die Dealer, Hehler, kleinen Gangster, und checken die Lage. Ein Junge zielt mit einem Plastikrevolver auf Charles.

Und da kommen auch schon die Gestalten angetaumelt, die im Gitter der Wohlstandsgrenze hängen geblieben sind. Eine Frau mit Einkaufswagen trägt eine Papptafel um den Hals: "J’ai faim" . Ein Fertiger mit Schrammen und Blutergüssen im Gesicht. Unter den Brücken liegen die Penner mit ihren Hunden auf Matratzen. Ein Schwarzer mit Jackett, Schal, Wollmütze und Hornbrille – man könnte ihn für einen Chef-Styler wie Charles halten, sähe man nicht, dass es dem Alten überhaupt nicht gut geht.

Nach Tagen des Abhängens und Gut-gehen-Lassens (Strand, Kleinstädte) geht durch den eh immer gespannten Körper des Charles Schumann ein Schub: Er rennt, er fliegt durch die Straßen. Er fängt jede Minute ein neues Gespräch an. Er muss jetzt eine Tüte mit Chilischoten kaufen. Und hier, in den Straßen von Marseille, möchte Charles auch endlich wieder rauchen (Cohiba-Zigarillos). Da spielen fünf Jungen mit nackten Oberkörpern Straßenfußball, und Charles muss zugucken: "Jetzt denken die natürlich, wir sind die Talentscouts von Olympique Marseille." Wo ist der Cours Julien? Wo die Bar La Dame Noir? Wo ist das Panier, das ehemalige Viertel der schweren Jungs vom Hafen und ihrer leichten Mädchen? Im Urteil von Charles ist das In-Viertel von Marseille heute in etwa so aufregend wie der Prenzlauer Berg in Berlin: "Nur Seifenläden, Keramikläden, billige Galerien. Die größte Gefahr ist hier, dass du in Hundescheiße trittst." An einem geschützten, dreieckigen Platz, der von einer Platane beherrscht wird, vor Rollläden, über denen in verwitterten Buchstaben "Bar du Platane" steht, werden beide, Charles und der Reporter, von einem Gefühl angeweht: Ist er das, der neue Laden, den Charles seit Jahrzehnten im Süden Frankreichs sucht?

Wir hängen am Touristenstrip in der auf Anhieb komplett richtigen Bar de la Marine (Holz, Kupfertheke, Zeichnungen aus den zwanziger Jahren). Was erzählt man sich, nachdem man sich fünf Tage am Stück praktisch ununterbrochen gesehen hat? Mit ihm ist das einfach. Charles sagt: "Ich liebe Reggae." Charles sagt: "Das beste Wasser auf Erden ist Badoit, wunderbar weich." Charles sagt: "Eine gute Salami gehört nicht in den Kühlschrank. Die muss schwitzen. Bei mir zu Hause liegt die Salami zwischen den Tellerstapeln." Charles erklärt: "Ich bin immer auf der Suche nach der perfekten Rosinenschnecke." Über die Frauen sagt Charles: "Vielleicht war es nicht die schlechteste Zeit – Anfang des letzten Jahrhunderts, als Frauen noch nicht in Bars durften." Charles-Lächeln, ein grimmiges: "Schreib das. Dann machen sie mich fertig." (Da ist er wieder, der alte Frauenliebhaber.) Über seine Zukunft als nun 70-jährige Barlegende sagt er: "Ich kann nach dem Schumann’s ja eigentlich nirgendwo mehr arbeiten. Obwohl? Als Grüß-Gott-Sager in einem Grandhotel, am besten am Atlantik, das ging schon noch." Irgendwas sagt er immer. Dann sagt Charles, es ist die Stunde vor dem Abendessen, etwa zehn Minuten lang nichts. Das ist die Kunst des Abhängens: Den Moment gilt es zu erwischen, an dem es möglich ist, einmal nichts zu sagen. In der Bar de la Marine in Marseille – es war gegen sieben Uhr abends, die Abendsonne pumpte, und der Wind vom Wasser roch leicht nach Müll – war so ein Moment. War gut.

 Seinen 70. will Charles mit seinem Sohn und seiner Freundin in einem Hotel feiern

Und noch mal, was ist typisch Charles? Er will seine Ruhe haben. Er kann so schön murmeln. Beim Erzählen kommt er vom Hundertsten ins Tausendste. Er sagt: "Jetzt horch zu." Charles’ Lieblingswort für "Trottel" ist "Dodel". Charles brüllt ins Telefon, er denkt, dass die am anderen Ende der Leitung ihn sonst nicht hören. Charles kaut mit offenem Mund. Eine der typischen Charles-Gesten ist das geräuschvolle Stuhl-vom-Tisch-Wegziehen: demonstrativ nachlässig. Wenn Charles sich an einem Kaffeehaustisch setzt, dann kehrt er mit der Karte die Krümel vom Tisch, und wenn Charles sich die Hände wäscht, dann wischt er mit dem Handtuch das Waschbecken trocken: Er kann nicht anders, der ewige Barmann.

Der Reporter fragt den Barmann, was jetzt, gegen zwölf am Sonntagmittag, im Schumann’s gerade passiert. "Die putzen", sagt Charles, "die Espressomaschine läuft." Und aus einer Laune heraus hebt Charles zu einem Vortrag auf einen seiner Kellner an, Ibrahim, genannt Ibi, den Mann an der Spülmaschine, den Chefspüler, Nachtchef, Mann von den Komoren, Grandseigneur der Bar. Wenn Charles einen Kellnerkittel trägt, dann selten den mit seinem Namen, lieber den mit dem Vornamen Ibrahim: "Er kommt gegen acht Uhr abends, genehmigt sich erst mal ein Bier. Dann schaut er, ob alles in Ordnung ist. Dann übernimmt er für ein paar Stunden seinen Job. Er gibt keine Maschine ab. Ein Gräuel sind ihm die neuen Maschinen. Zwischen zehn und elf Uhr abends trinkt er ein paar Kaffee, so stark, da kriegst du einen Herzinfarkt. Dann schaut er ein bisschen, ob er irgendwo was findet, das er nach Afrika schicken kann. Dann checkt er die Küche, guckt: Ist was? Lässt sich ein Essen machen. Setzt sich in die Küche, isst.

Am Donnerstag und Freitag, das sind die vollen Abende, da hat er jemanden, der für ihn die Maschinen übernimmt, da wird’s ihm zu viel. Wenn er ganz gut drauf ist, macht er um ein Uhr ein paar Brote. Vor 20, 25 Jahren kam der Ibi zu uns ins Schumann’s – zwischendrin haben sie ihn auch mal eingesperrt, es gab Probleme mit falschen Papieren, wir haben ihn mit zwei Anwälten wieder rausgeholt. Im Schumann’s-System ist Ibi der Chef. Keiner traut sich, zum Ibi etwas zu sagen, keiner. Den Ibi brauchst’ mal angreifen, das geht gar nicht. Alle wissen, der Ibi ist mein Freund. Ich habe mal gesagt: Der Einzige, der was erbt, ist der Ibi, damit ihr’s wisst. Das steht in meinem Testament. Warum Ibi? Weil er mein Freund ist. Weil er nicht klarkommt. Was wird aus dem, wenn ich mal nicht mehr bin? Einer wie der Ibi, der ist entfremdet von der Welt."

Am Abflugtag an der Promenade von Bandol. Unter den 20 Restaurants an der Uferstraße, von denen Menschen auf der ganzen Welt träumen – da ist kein Lokal dabei, in dem Charles zu Mittag essen würde. "Alles ein Schmarrn." Wir ziehen wieder die Baguette-Schinken-Nummer durch: auf der Hafenmauer kauernd, ums uns herum die Boote. Seinen 70. will Charles mit seinem Sohn und seiner Freundin in einem Hotel feiern, bloß nichts Besonderes, vielleicht auf den Kanarischen Inseln. Noch einen Espresso? Nein, nein. Genug Espresso. Der Espresso in Frankreich, der hat dem Charles noch nie geschmeckt.