Der Papst kann kommen – Seite 1

Da hängt es, an der Stirnwand der Nähwerkstatt, auf einem stummen Diener aus Holz: das neue Gewand des Papstes. Es ist grün, die liturgische Farbe jenes Abschnitts im Kirchenjahr, in den kein Heiligenfest fällt – zwischen Pfingsten und Advent. Dem Papst wäre es dennoch gestattet, Weiß zu tragen, sagt Schwester Roswitha. Dass er es nicht tue, spreche für seine unendliche Bescheidenheit.

Das Papstgewand ist aus Baumwolle, durchsetzt mit einer Synthetikfaser. Das Besondere sind die aufwendigen Stickereien auf der Vorderseite und dem Rücken – züngelnde Flammen in Rot und Gold. Die dazugehörige Stola ist ebenso reich verziert. Schwester Roswitha dreht den Saum um und zeigt das Stich für Stich von Hand vernähte Futter aus gelber Seide. Die goldenen Fäden bestehen aus reinem Blattgold, das kommt aus Japan, die Seide stammt aus China. Und was kostet das alles? Sie schweigt. "Für Gott ist das Beste gerade gut genug", sagt sie dann lächelnd. Ihr weißes Gesicht errötet.

Schwester Roswitha, 65 Jahre alt, im schwarzen Nonnengewand, leitet die Paramentenwerkstatt im Mutterhaus der Franziskanerinnen in Gengenbach. Es erfüllt sie mit Stolz, dass sie vom Erzbistum Freiburg beauftragt worden ist, das Gewand zu nähen, das der Papst bei der Heiligen Messe auf dem City-Airport Freiburg tragen wird. Auch die vier Gewänder für die Bischöfe und Priester, die mit dem Papst die Messe feiern werden, wurden hier genäht. Sie hängen ebenfalls auf stummen Dienern, je zwei links und rechts neben dem des Papstes.

Der Papst wird sein Gewand nur einmal tragen. Dann wird es in die Sakristei des Freiburger Münsters wandern. Welch ein Aufwand für eine Stunde! Allein an dem flammenden Kreuz auf der Vorderseite des Kleides haben Stickerinnen 90 Stunden gearbeitet. Damit man die Stiche nicht sieht, wurden dünne, spitze Nadeln verwendet. Die Stickerinnen mussten aufpassen, dass ihre Fingerkuppen nicht bluteten und womöglich das edle Gewand besudelten. Und was, wenn es doch passiert wäre? Dann hätten sie diese Hälfte eben neu genäht, sagt die Schwester. Im Übrigen gebe es Spezialreinigungen.

Die Stickerinnen sieht man nicht, sie arbeiten eine Etage höher. Man hört auch keine Geräusche. Während der Arbeit wird nicht gesprochen, nur für die stündlichen Gebete unterbrechen sie ihr Schweigen. Hier, im Souterrain, arbeiten einige Näherinnen an langen Tischen, einen Raum weiter verzieren Nonnen Kerzen. In den hinteren Räumen ist eine Ausstellung der hier gefertigten sakralen Kunst eingerichtet – Madonnen, Ikonen, Altardecken, Kreuze, Fahnen, Rosenkränze, Krippen. Wie in einer Himmelswerkstatt.

Um 14 Uhr tritt eine Besuchergruppe zaghaft herein. Es sind Rentner, die Ausstellung interessiert sie nicht. Aber es hat sich herumgesprochen, dass das Papstgewand hier wartet. Die Rentner bleiben vor den fünf Gewändern stehen und staunen sie wortlos an. "Das Papstgewand ist aber klein", sagt schließlich eine Frau. In der Tat – es ist das kleinste von allen. Die Robe gleich daneben – für Erzbischof Robert Zollitsch – wirkt dagegen wie ein riesiges Gespenst, das den Heiligen Vater erschrecken will. "Ist der Papst so klein?", fragt die Besucherin zweifelnd. "Wir haben das Gewand genau nach den Maßen geschneidert, wie sie uns vom Vatikan übermittelt wurden", sagt Schwester Roswitha und errötet schon wieder.

Der Papst kommt nach Deutschland, und das Land ist im Ausnahmezustand. Nach seinen Visiten 2005 auf dem Kölner Weltjugendtag und 2006 in seinem oberbayerischen Geburtsort Marktl ist dies der erste Staatsbesuch des Heiligen Vaters. Mit Repräsentanten aller drei Staatsgewalten wird er zusammenkommen, und im Bundestag wird er eine Rede halten. Er wird Heilige Messen unter freiem Himmel feiern, sich mit Protestanten und Muslimen zu Gesprächen treffen. Er wird in einem Tross aus 60 schweren Limousinen durchs Land fahren, eskortiert von 15 Motorrädern. Einmal wird er in einem Schwarm aus 13 Helikoptern schweben. Autobahnen werden gesperrt werden und Kinder schulfrei haben, Fußballspiele werden aus Sicherheitsgründen verschoben und Güterzüge umgeleitet.

Der Besuch des Papsts beschäftigt ganze Protokollabteilungen in Berlin, Erfurt und Freiburg. Tausende Polizisten und Sicherheitsexperten des Bundes, der Länder, des Vatikans und Italiens rangeln miteinander um die Sicherheit des Nachfolgers Petri. Im Internet heißen die Menschen den Heiligen Vater schon seit Wochen auf einer Facebook-Seite willkommen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat den "offiziellen Onlineshop" zum Papstbesuch eröffnet. Es werden Baseballkappen, T-Shirts, Rosenkränze und Sitzkissen feilgeboten, bedruckt mit dem Motto "Wo Gott ist, da ist Zukunft".

Die viertägige Visite wird ein Spektakel ohnegleichen

In Berlin wollen Schwule, Lesben und Linke gegen den Papst auf die Straße gehen, kreativ und gewaltfrei, garantiert! Die Organisatoren versichern: Auf das Papamobil werden keine Farbeier klatschen, wie das 1996 beim Besuch von Johannes Paul II. in Berlin der Fall war. Die viertägige Visite des Papstes vom 22. bis zum 25. September wird ein Spektakel ohnegleichen werden, in Minuten getaktet: der teuerste Staatsbesuch, den es in Deutschland je gab.

"Es gilt Sicherheitsstufe eins", sagt Polizeidirektor Berthold Fingerlin, der in Freiburg die eigens zusammengestellte Sondereinheit "Mitra" leitet. Nur fünf Personen weltweit erhalten diesen Schutz. Neben dem Papst sind es die Präsidenten Amerikas, Russlands, Afghanistans und Israels.

Das Freiburger Münster wird voller Polizisten in Zivil sein

Der durchtrainierte 53-jährige Fingerlin hat sich schon allerhand Verdienste erworben, was Staatsbesuche dieser Kategorie angeht. An der Wand neben seinem Schreibtisch hängt ein Foto von Barack Obama hinter Glas, versehen mit einer handschriftlichen Widmung: "To Berthold Fingerlin, with best wishes, B. Obama". Ein Dankeschön dafür, dass Fingerlin den Nato-Gipfel vor zwei Jahren, am 60. Geburtstag des Bündnisses, vor Störungen bewahrt hat. Er durfte Obama sogar die Hand schütteln.

Der Papstbesuch ist für Fingerlin keine geringere Herausforderung. Dass Attentäter auch vor christlichen Würdenträgern nicht zurückschrecken, weiß die Welt seit 1981, als Johannes Paul II. auf dem Petersplatz angeschossen wurde . Denkbar, sagt Fingerlin, seien auch "Geiselnahmen aus der Entourage des Papstes". Wird Fingerlin dem Heiligen Vater persönlich vorgestellt? Vielleicht, sagt Fingerlin knapp. Immerhin sei ein Fünf-Minuten-Termin im Priesterseminar geplant, bei dem sich der Heilige Vater bei den Organisatoren bedanken wird.

Freiburg ist die letzte Station der Papstreise. Und die wichtigste. So zumindest sieht es der Polizeidirektor. Hier habe die Visite starken Staatsbesuchscharakter, aber auch pastorale Schwerpunkte: Benedikt XVI. wird die 16 Richter des Bundesverfassungsgerichts empfangen, auch den bekennenden Katholiken Helmut Kohl – eine auf 25 Minuten angesetzte Begegnung, die angeblich auf Wunsch des Papstes nachträglich ins Programm geschoben wurde. Schließlich wird der Heilige Vater auf dem City-Airport mit 100.000 Gläubigen einen Mammut-Gottesdienst feiern.

Weil auf dem Freiburger Flughafen nur kleine Sportflugzeuge landen können, wurde eigens für die Papstmaschine der ehemalige Militärflughafen Lahr vorübergehend wiederbelebt. Eine hässliche Anlage mit verwitterten olivgrünen Baracken, erdrückt von Fläche fressenden Gewerbebetrieben und Speditionen. Wenn die heilige Maschine am Samstag, dem 24. September, um 12.50 Uhr auf der Piste ausrollen wird, wird am Ende des roten Teppichs der Katholik und Ministerpräsident Winfried Kretschmann warten, nebst einem Ehrenspalier der Polizei und 100 Kindern. Alsbald werden Papst und Ministerpräsident dem unwirtlichen Ort entfliehen.

Von Lahr wird der Tross die nahe gelegene Autobahn 5 ansteuern, die auf den 50 Kilometern bis Freiburg für den Verkehr gesperrt sein wird – "in beiden Richtungen", sagt Fingerlin. Mehr als einen Kilometer lang wird die Kolonne sein. Besetzt mit Bischöfen, Kardinälen, Politikern, Sekretären, Ärzten, deutschen Personenschützern, Schweizergardisten und italienischen Carabinieri.

Wenigstens die Eskorte hätte Fingerlin gern verkürzt, von 15 auf 7 Motorräder, das wäre in den engen Altstadtgassen Freiburgs sicherer, aber aus protokollarischen Gründen konnte er diese Schrumpfung nicht durchsetzen. Die 60 Limousinen in den engen Gassen bereiten dem Polizisten Kopfzerbrechen. Die Fahrer müssten "eine Art Ballett einstudieren, eine Choreografie", mahnt Fingerlin. Biege nur eine Limousine falsch ab, "haben wir das Chaos".

Am Amtsgericht soll der Tross anhalten, der Papst wird das Papamobil erklimmen und darin die letzten Meter bis zum Freiburger Münster zurücklegen. Die Fahrt mit dem Papamobil hat die Polizei schon einmal geprobt, mit einem Prototyp, den Mercedes zur Verfügung gestellt hat. Schließlich ist das Fahrzeug groß und sperrig und wiegt über vier Tonnen.

Durch das Hauptportal wird der Papst schließlich das Münster betreten, einen kurzen Rundgang machen und durch das Seitenportal herauskommen. Dort wird er sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen und einen "Gruß an die Stadtbevölkerung" entbieten, ehe er sich zur Mittagsruhe ins nahe gelegene Priesterseminar zurückziehen wird. Das Münster wird vollgestopft sein mit SEK-Beamten, "aber keinen einzigen wird man sehen", schwört Fingerlin.

Dem Minutenauftritt auf dem Münsterplatz sind wochenlange Vorbereitungen vorausgegangen. Jahrelang war das Gotteshaus ringsherum eingerüstet, weil der rote Buntsandstein bröckelte. Nun wurde das Gerüst eilig abgebaut, weil man keine Fernsehbilder eines hinter Baustreben verschwundenen Münsters in die Welt schicken wolle – heißt es bei der Polizei. Nein, ganz falsch! – widerspricht der Domkapitular und lächelt maliziös. Pünktlich zum Papstbesuch seien die jahrelangen Renovierungsarbeiten zufällig erfolgreich abgeschlossen geworden! Ein Wunder!

Am Samstag, wenn der Papst kommt, erstirbt das gewohnte Leben. Die 180 Stände des traditionellen Münstermarktes müssen abgebaut und verschwunden sein, ebenso Tische und Stühle der umliegenden Gaststätten. Sämtliche Geschäfte schließen. Alle Papierkörbe werden abgeschraubt, die Gullideckel versiegelt. Nichts Bewegliches darf sich auf dem Platz mehr zeigen – keine Kinderwagen, Fahrräder, Werbeschilder. Rundherum werden BKA-Beamte und Polizisten in Zivil Stellung beziehen und die umliegenden Häuser nicht aus den Augen lassen. Für die Dauer des Papst-Auftritts müssen alle Fenster und Türen geschlossen und die Menschen in ihren Wohnungen bleiben. Balkone sind verbotenes Gebiet. Besucher müssen Tage vorher angemeldet werden, und wer sein Haus verlassen oder betreten will, solange der Papst da ist, darf dies nur noch in Begleitung eines Polizisten.

Nichts überlassen Fingerlin und seine Spezialisten dem Zufall. Deswegen haben sie sich auch mit jenem unerfreulichen Zwischenfall beschäftigt, der sich auf der Christmette vor zwei Jahren im Petersdom zutrug. Damals setzte eine junge Frau über die Absperrung und stürzte sich auf den Papst, sodass der zu Boden ging. Die Frau, eine Schweizerin, war offenbar harmlos. Bei der Polizei gab sie an, sie habe den Papst "umarmen" wollen. Doch ein Risiko will Fingerlin nicht eingehen: "Wir haben gecheckt, ob die Frau in Freiburg ist." Und? Ist sie da? "Bislang noch nicht."

Die Furcht vor Störern ist groß

Noch jemand anderen, dessen Gefährlichkeit schwer einzuschätzen ist, müssen Fingerlins Leute im Auge behalten: Atilla Selek , Terrorhelfer der Sauerland-Gruppe. Die Islamistenzelle hatte fürchterliche Anschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen geplant. Der heute 26-jährige Selek hatte die Zünder beschafft und war zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er saß zuletzt in Freiburg ein, im Juli ist er vorzeitig entlassen worden – mit einer Bewährungsauflage, die der Polizei Kopfweh macht: Selek darf Freiburg nicht verlassen. Eine Dauerbewachung kommt aber nicht infrage, weil die Polizei mit der Observierung mehrerer freigelassener Sicherungsverwahrter bis an die Schmerzgrenze ausgelastet ist. Vielleicht sollte man mit Selek ein Gespräch führen, damit er während des Papst-Besuchs einfach daheim bleibt, meint Fingerlin. Aber das müsste dann ja auch wieder jemand kontrollieren. Selek selbst möchte sich zu der Angelegenheit nicht äußern, teilt seine Bonner Anwältin mit.

Auch bei der Deutschen Bischofskonferenz ist die Furcht vor Störern groß – so groß, dass sie sogar vor fragwürdigen Sicherheitsprüfungen nicht zurückschreckt. Wer eine der Messen besuchen will – die Deutsche Bischofskonferenz rechnet mit bis zu 200.000 Gläubigen –, muss nicht nur Name und Adresse angeben. Auch Geburtsdatum und Geburtsort will man wissen. Die Bischöfe wollen die Daten bei Bedarf ans Bundeskriminalamt weitergeben, um Personen überprüfen zu können. Datenschützer und Journalisten liefen Sturm. Eine "unzulässige Rasterfahndung" nannte das Thilo Weichert, schleswig-holsteinischer Datenschutzbeauftragter. Die Bischofskonferenz rechtfertigte das Vorgehen zunächst damit, dass man wenigstens diejenigen überprüfen müsse, "an denen der Papst dicht vorbeifährt oder denen er die Kommunion austeilt". Nach dem Aufruhr erklärte die Kirche aber, auf weiteres Datensammeln verzichten zu wollen und schon erhaltene Daten zu löschen.

Doch da ist nicht nur die Angst vor Anschlägen, da ist noch ein zweites Szenario, das den Verantwortlichen den Schlaf raubt und das sie in einer Metapher des Schreckens zusammenfassen: Duisburg . "Duisburg darf sich auf keinen Fall wiederholen!", heißt es an allen Orten entlang der Papstroute. Bei einer Panik auf der Love-Parade in der Ruhrgebietsstadt wurden vor einem Jahr 21 Menschen erdrückt und totgetrampelt. Um Ähnliches zu vermeiden, hat die Stadt Freiburg jene Aachener Verkehrsexperten engagiert, die das arabische Pilgerzentrum Mekka so umgebaut haben, dass es keine Massenpanik mehr geben kann. Zu- und Ablaufströme auf dem Münsterplatz werden streng getrennt. Außerdem werden Scouts ausschwärmen, die Alarm schlagen, sobald sich an einer Stelle zu viele Menschen ballen.

"Duisburg" – da wollen auch die Erfurter kein Risiko eingehen. Auf den Domplatz, wo der Papst eine Messe feiern wird, werden weniger Menschen zugelassen, als der Platz fassen könnte. Und um bloß keine Unruhe aufkommen zu lassen, werden die Pilger im Eichsfeld mit kostenlosem Wasser und Müsliriegeln versorgt, damit niemand dehydriert oder unterzuckert.

"Das eigentliche Duisburg-Problem ist ja, dass keiner mehr Verantwortung übernehmen will!", klagt der 52-jährige Bayer Peter Kittel. Kittel hat mit Freuden die ganze Verantwortung für Organisation und Sicherheit während der Marienvesper übernommen, die der Papst bei der Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld feiern will. "Jede Großveranstaltung braucht ein Gesicht, und hier ist es meines", sagt Kittel.

Am Freitag, dem 23. September, um 17.30 Uhr wird der Papst im Hubschrauberschwarm einfliegen, um 17.45 Uhr beginnt die Vesper. Peter Kittel hat die Wetterdaten aller 23. September der zurückliegenden Jahre analysiert – jetzt ist er sicher: Es werden ideale Bedingungen herrschen. "Es wird 24 Grad haben, überwiegend sonnig sein, und es wird ein leichter Wind wehen", prophezeit er.

Kittel, der in Regensburg eine Veranstaltungsagentur führt, hat schon den Papstbesuch 2006 in Bayern organisiert. 260.000 Pilger strömten damals herbei. Sein früherer Religionslehrer soll ein guter Freund des Heiligen Vaters sein. Das Amt des "Regionalkoordinators Papstbesuch" im Eichsfeld versteht er als "demütige Verneigung vor den Menschen, die dem Irrsinn einer Diktatur getrotzt haben". So sagt es Kittel. Die Menschen im Eichsfeld im Norden Thüringens hat seit je der katholische Glaube zusammengeschweißt. Wer seine Kinder in der DDR zur Jugendweihe schickte, musste mit dem Zorn der Dorfgemeinschaft leben.

Auf der hügeligen Weide hinter der Kapelle, wo bis vor Kurzem Kühe grasten, ist inzwischen eine Infrastruktur für Zehntausende Pilger entstanden, inklusive Souvenirläden und Imbissbuden, aber, betont Kittel, "alles umweltfreundlich und rückbaubar". Nichts soll man hinterher mehr sehen. Nichts von der betonierten Fläche, auf der der MDR seine Übertragungswagen aufstellen wird, um die ganze Welt zur Vesper ins Eichsfeld zu holen. Nichts von der riesigen Altarbühne mit ihren gigantischen Aufbauten für Ton und Licht. Und nichts von den Fußwegen, die das Gelände durchschneiden. Der Schotter ist in Ökotextil gebettet, erklärt Kittel, sodass man ihn ohne Rückstände wieder entfernen kann.

Die Pilger kommen in Bussen, die letzten Kilometer müssen sie zu Fuß gehen. Ein 65 Kilometer langer Abschnitt der Autobahn 38 wird für 30 Stunden gesperrt und zum Busparkplatz umfunktioniert. "Das ist eine Fußwallfahrt", sagt Kittel. "Wer im Auto anreist, bedient sich des falschen Fortbewegungsmittels." Für Behinderte soll es Shuttles geben.

Vor allem Pferde und Autos werden gesegnet

Nach der Landung steigt der Papst ins Papamobil und wird fünf bis sieben Minuten "einen Giro drehen, wie die Italiener sagen", ehe er den Altar besteigt. Kittel selbst wird auf einer Bühne neben dem Altar thronen. Jede beteiligte Organisation, vom Technischen Hilfswerk bis zu den Krankenhäusern, hat dann einen "Verbindungsoffizier" zu ihm entsandt: "Ich bin in jeder Sekunde Herr der Informationen." Am Abend der Marienvesper, prahlt Kittel, werde es "nirgends auf der ganzen Welt eine Region geben, wo Sie medizinisch besser versorgt sind als hier."

Im katholischen Eichsfeld werden vor allem Pferde und Autos gesegnet

Kittel ist gläubiger Katholik, und er will nicht nur, dass der Gottesdienst ohne Störungen verläuft – er will, dass sich das Ereignis den Menschen ins Gedächtnis brennt. Deswegen hat er alles mehrfach abgesichert. Ton und Bild werden doppelt aufgezeichnet, damit nicht, wie letztes Jahr beim Papstbesuch in England, wegen starken Regens plötzlich das Bild ausfällt. Kittel stellt sich vor, wie die Pilger erst nur die Rotoren der sich nähernden Hubschrauber hören, wie diese dann am Himmel auftauchen, sich gegen die untergehende Sonne abzeichnend. Wie es ganz still werden wird und wie dann, wenn der Papst den Altar betreten haben wird, "die tiefe Gläubigkeit, die die Menschen erfasst, körperlich greifbar sein wird. Wenn Paare sich innig in den Armen liegen. Wenn alte Männer sich wie vor Schmerzen krümmen. Das ist so unglaublich! Dieses Gemeinschaftsgefühl! Dieses Gefühl der Entschleunigung!" Kittel ist beseelt. Seine Marienvesper wird "der emotionalste Teil der ganzen Reise sein". Kittel ruft: "Etzelsbach ist nicht der Appendix, es ist der Höhepunkt!"

Schlagartig verfinstert sich Kittels Gesicht, wenn das Gespräch auf die Kosten kommt. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihren Beitrag mit 25 bis 30 Millionen Euro angegeben. Wie viel der Besuch den Staat darüber hinaus kostet, lasse sich "schwer berechnen", bekommt man in Berlin, in Erfurt und in Freiburg zu hören. Verschiedene Zahlen kursieren – 50 Millionen Euro, 100 Millionen Euro. Nur neun Prozent der Berliner sind katholisch und nur sieben Prozent der Thüringer, in Baden-Württemberg ist es auch bloß ein Drittel. Diese Kostendiskussion hält Kittel für "unwürdig, hochgradig unwürdig. Das ist, wie wenn der Gastgeber seinen Gästen beim Essen vorrechnet, wie viel jeder Gang kostet".

Ein kleiner Teil des Geldes fließt allerdings auch in die Wallfahrtskapelle Etzelsbach. Die gut hundert Jahre alte Kapelle wird im Innern derzeit renoviert. Die Plastikummantelungen der Votivkerzen hätten Wände und Decke über die Jahre verrußt, sagt der Pfarrer Franz-Xaver Stubenitzky. Er betreut vier Gemeinden in der Umgebung. "Vier Orte, fünf Kirchen", sagt er lachend. Die fünfte ist diese Wallfahrtskapelle, auf die bald die Augen der Welt gerichtet sein werden. Stubenitzky sitzt auf der Bank im Schatten seiner Kapelle und sieht den Bauarbeiten zu. Zwei Fliesenleger erneuern die Platten des Weges zu einem Gnadenstock.

Dem Pfarrer kommt das alles ein bisschen unwirklich vor. Im Januar sei es gewesen, erzählt er, "ich saß auf meinem Drehstuhl im Pfarramt, da hat mir eine Stimme ins linke Ohr gesagt, dass der Papst kommt". Es war nicht die Stimme des Herrn, sondern die des Generalvikars am Telefon, und Pfarrer Stubenitzky konnte danach drei Nächte lang nicht schlafen vor Aufregung. "Ich hatte ja auch noch Schweigegebot!"

Stubenitzky ist beglückt, dass durch den Papstbesuch das fast schon verloren gegangene Wallfahrtsleben im Eichsfeld jäh wieder aufleben wird. All die Pilgerpfade, die in der DDR-Zeit verrotteten und zugerichtet waren, sind nun erneuert und ausgebaut worden. "Noch ’e Loch, und hält doch", hätten die Leute damals gesagt. Nun sind aus den holprigen Wegen befestigte Straßen geworden.

14 Wallfahrtskapellen gibt es im kleinen Eichsfeld. Jede Familie hier nehme mindestens einmal im Jahr an einer Wallfahrt teil, sagt Stubenitzky. Die Kapelle Etzelsbach, die einsam am Waldrand steht, ist wegen der großen Pferdewallfahrten bekannt. Der Legende zufolge wurde hier im Jahr 1801 bei der Feldarbeit eine Pietà gefunden. Die Ackerpferde sollen den Bauern auf das Gnadenbild aufmerksam gemacht haben, und der fromme Mann errichtete daraufhin eine kleine Wallfahrtskirche. Seitdem gibt es hier jedes Jahr Wallfahrten, bei denen auch Pferde gesegnet werden.

Vor Kurzem, erzählt Stubenitzky stolz, habe er 375 Rösser bei einem einzigen Wallfahrtsgottesdienst geweiht. Auch Pferdestärken segnet der Pfarrer, immer am 24. Juli, dem Namenstag des Heiligen Christophorus. Beim letzten Mal sind um die 200 Autos gekommen.

Lothar Schmelz möchte die Vesper im Eichsfeld gern in den Schatten stellen. Seine Hoffnung ist, dass die Station davor – seine Station – das Eichsfeld aus den Schlagzeilen verdrängt. Der Protestant Schmelz leitet das Augustinerkloster in Erfurt. Wer weiß, sagt er, vielleicht gehe die Visite des Papstes hier sogar in die Geschichte ein. Bei Schmelz im Kloster treffen sich nämlich die Spitzen der evangelischen und katholischen Kirche mit dem Papst zu einem Gespräch, und der Kurator hofft, dass der Papst etwas Überraschendes im Gepäck hat, irgendetwas, was die Ökumene voranbringt.

Vom Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Präses Nikolaus Schneider, wird der Papst am Eingang des Kreuzgangs begrüßt werden. Im Kapitelsaal in der Mitte des Kreuzgangs treffen die Delegationen beider Kirchen zusammen – hinter verschlossenen Türen natürlich. Bevor sie sich austauschen, werden der Papst und Präses Schneider kurze Ansprachen halten.

Nach der halbstündigen Begegnung wird in der Kirche des Klosters vor 300 geladenen Gästen ein Wortgottesdienst gefeiert. Katrin Göring-Eckardt, die Präses der Synode der EKD, wird eine Begrüßung sprechen, die Landesbischöfin Ilse Junkermann das gemeinsame Gebet eröffnen. Anschließend wird Papst Benedikt XVI. predigen und ein Gebet für die Einheit der Christen sprechen.

"Ich find’ das absolut irre!", sagt Kurator Schmelz. Der Papst in jenem Kloster, in dem Martin Luther als katholischer Mönch aufgenommen wurde und wo er lebte, bevor er die Kirche mit seinen Thesen in Stücke schlug! Und dann: Der Papst mit Frauen am Altar! Das sei jedoch kein Novum, das habe der Papst schon öfter gemacht, wiegelt ein Sprecher der Bischofskonferenz sogleich ab.

Lothar Schmelz steht in der Mitte des Kapitelsaals, links und rechts warten schon die Stuhlreihen für das hohe Treffen. Vom Klostergarten fallen Sonnenstrahlen durch die spitzbögigen Fenster auf den rot und weiß gefliesten Fußboden. Es sind noch dieselben Fliesen, auf denen Martin Luther jeden Abend kniete und seine Sünden beichtete. Und nun wird der Papst darüberschreiten!

Händeschütteln mit Wowereit

Händeschütteln mit Wowereit – "höchstens eine Minute dreißig"

Es war die Begegnung mit einem Mann aus Rom, die Lothar Schmelz so hoffnungsvoll gestimmt hat. Lange bevor der Papst sich auf den Weg machen wird, hat sein Reisemarschall alle Stationen der Visite besucht. Alberto Gasbarri heißt der Mann, er ist 65 Jahre alt und einer der engsten Vertrauten des Papstes, sämtliche Reisen bereitet er für ihn vor. Dabei hält er sich stets im Hintergrund, gibt keine Interviews und lässt sich ungern fotografieren. Jene, die ihn getroffen haben, beschreiben ihn als groß gewachsen und stets in elegantes dunkles Tuch gehüllt.

Reisemarschall ist ein fast ausgestorbener Beruf. Herrscher und Angehörige des Hochadels hatten früher einen, heute ist der Papst das einzige Oberhaupt der Welt, das noch einen Reisemarschall beschäftigt. Gasbarri war in den vergangenen Monaten dreimal in Deutschland, um die "Locations" für den Besuch Benedikts XVI. zu inspizieren. Nicht alle ließen sich realisieren. In Berlin hatte er als Kulisse für die Heilige Messe unter freiem Himmel das Schloss Charlottenburg im Auge. Doch der Innenhof erwies sich als zu klein, jetzt wird die Messe im Olympiastadion gefeiert, das weit weniger lauschig ist. Für das ökumenische Gespräch hatte Gasbarri statt ans Augustinerkloster zunächst an die Wartburg gedacht. Auch diese "Location" sei wieder verworfen worden, sagt Schmelz – geschichtlich zu belastet, logistisch zu kompliziert.

Das nächste Mal wird der Reisemarschall an der Seite des Papstes nach Deutschland kommen. Dann wird er darüber wachen, dass der Heilige Vater genügend Ruhepausen hat – terminfreie Stunden, die Gasbarri als Erholungspausen für den 84-jährigen Petrus-Nachfolger freischlägt. Denn ein Reisemarschall bestimmt nicht nur die Orte der Reise, er verfügt auch über die Zeit, legt fest, wer den Papst wie lange sprechen darf. Fünf Minuten mehr oder weniger können diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen. Die jüdische Gemeinde bekommt 45 Minuten – die orthodoxe Kirche nur 30? Warum?, heißt es dann. Ist das als Zurücksetzung zu verstehen?

In Berlin ist die Papstvisite vor allem Staatsbesuch. Begrüßung durch den Bundespräsidenten, Treffen mit der Kanzlerin, Rede im Bundestag. Um 18.30 Uhr soll die Messe im Olympiastadion beginnen. Und dazwischen muss der Papst auch noch in der Stadionmitte von Bürgermeister Klaus Wowereit in Empfang genommen werden.

Joachim E. Thomas lächelt. "Ja, das Zeitfenster ist sportlich", sagt der Geschäftsführer des Olympiastadions. Aber es werde gottlob eine grüne Welle geben, alle Straßen sind abgeriegelt. Und der Eintrag ins Goldene Buch samt Händeschütteln mit Wowereit – "höchstens eins dreißig". Mehr kann der Bürgermeister auch kaum erwarten, nachdem er vor Kurzem "großes Verständnis" für die Proteste gegen den Besuch Benedikts XVI. geäußert hat.

Thomas’ größte Sorge gilt nicht dem Zeitplan, sondern dem Aufbau des Altars. Er soll auf dem Marathontor errichtet werden, dem Tor auf der Westseite des Stadions. In einem Aufzug soll der Papst auf den sechs Meter hohen Altar schweben, der so hoch ist wie die Bühne eines Popstars. "Auf dem Altar stehen ja nicht nur Dinge, die liturgisch wichtig sind", sagt Thomas. Da müssten auch Scheinwerfer und Lautsprecher drauf "und das ganze Monitoring, damit die Leute auf der Bühne verstehen, was sie selber sagen". Der Aufbau des Altars ist aufwendig, ein Teil der Stahlkonstruktion muss schon eine volle Woche vorher stehen. Dann müssen die Arbeiten unterbrochen werden, weil am Wochenende vor dem Papstbesuch Hertha BSC noch ein Heimspiel absolviert.

An die 750.00 Besucher erwartet Thomas im Stadion zur Messe. In den geschlossenen VIP-Lounges werden die Geräte der Fernsehsender untergebracht. Weil niemand hinter oder neben dem Papst sitzen darf, bleiben auch die Ränge in der Westkurve geschlossen. Die Spitzen aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Kultur sitzen in der Mitte des Stadions, auf dem grünen Rasen, wo 10.000 Stühle aufgestellt sein werden – die einzigen Plätze, die nicht überdacht sein werden und auf denen man bei Regen klatschnass wird. Thomas grinst.

Ansonsten wird der Auftritt wie bei jedem Popstar sein, sagt der Manager: Der Tross der Limousinen wird über das Maifeld heranbrausen und von der betongrauen Tiefgarage unter dem Marathonturm verschluckt. Dort liegt der Backstage-Bereich. Die Garderoben heißen an diesem Abend Sakristeien, der Papst, die Bischöfe und die Priester werden sich darin umkleiden. Ein großer Kirchenchor und eine Band für moderne Kirchenmusik machen sich ebenfalls hier für ihren Auftritt warm. Der Papst sei, lobt Geschäftsführer Thomas, "sehr genügsam", was seine Wünsche ans Catering betreffe. Details will er nicht nennen, nur so viel: "Wenn man die Bühnenanweisungen von Rock- und Popstars kennt, dann ist eine Flasche Mineralwasser schon sehr bescheiden."

Bevor er sich auf den Altar liften lässt, wird der Papst im Papamobil eine Runde auf der blauen Tartanbahn drehen. Gegen 20 Uhr ist die Messe vorbei, und der Heilige Vater wird sich zur Nachtruhe in die Apostolische Nuntiatur zurückziehen, die Botschaft des Vatikans.

"Schon enorm", sagt Thomas bewundernd, "wie ein einziger Mann ein ganzes Stadion füllen kann." Das habe bisher nur Mario Barth geschafft. Der aber gleich zweimal nacheinander.