In Ankara residiert Präsident Abdullah Gül, in Istanbul erholt er sich, wenn er kann. Die Aussicht sei hier schöner, sagt er beim Gespräch in der Präsidentenresidenz im grünen Stadtteil Tarabya und zeigt auf den Bosporus. Es sei hier einfach zu schön, vor allem, wenn der Vollmond scheine. Manchmal verlege er offizielle Gespräche oder Treffen mit Amtskollegen auch nach draußen, dann sitze man direkt am Wasser unter einem Sonnensegel. Heute ginge das leider nicht, entschuldigt Gül sich, da seine Frau dort bereits ein Treffen habe und natürlich den Vorzug bekomme. Wir nehmen also vor einem Springbrunnen im Salon Platz. Gül empfängt die ZEIT und die türkische Zeitung ZAMAN (deutsch: "Zeit") im fünfzigsten Jahr der türkischen Migration nach Deutschland. Aus diesem Anlass wagen wir zum ersten Mal ein kleines Experiment: ein gemeinsames Interview der ZEIT und der ZAMAN.

DIE ZEIT: Herr Präsident, vor 50 Jahren begannen die Türken nach Deutschland auszuwandern. Sie selbst waren damals 11 Jahre alt. Dachten Sie als kleiner Junge: "Hoffentlich gehen wir auch nach Deutschland?"

Abdullah Gül: Um ehrlich zu sein: nein. Auch niemand aus meiner Verwandtschaft ist als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen. Aber ich habe die Zeit hautnah miterlebt. Ich stamme aus Kayseri, von dort sind viele nach Deutschland ausgewandert. Wie viele es waren, hat man besonders in den Sommerferien gemerkt. Da kamen sie mit ihren schönen Autos. Volkswagen, Opel, Ford Taunus. Sie fielen auf, auch weil sie schicke Hüte und Kleidung trugen. Die Gastarbeiter waren das Stadtgespräch! Kayseri ist eine Handelsstadt, und immer, wenn die Arbeiter aus Deutschland kamen, freute man sich auch aufs Geschäft. Das war immer sehr aufregend.

ZAMAN: Deutschland ist ja das Land der Dichter und Denker. Gibt es unter diesen einen, den Sie besonders mögen?

Gül: Nicht nur einen. Deutschland hat viele Denker hervorgebracht. Kant, Hegel. Goethe verehren wir Türken ja sowieso wegen seines West-östlichen Divans. Glücklicherweise gibt es viele der deutschen Klassiker auf Türkisch. So konnten sie auch das türkische Denken beeinflussen. Diesen Einfluss gab es auch durch die Wissenschaft, vor allem durch deutsche Juden, die in den dreißiger und vierziger Jahren in die Türkei kamen.

DIE ZEIT: Haben die türkischen Gastarbeiter in Deutschland genug Anerkennung bekommen?

Gül: Die Türken sind damals einer Einladung gefolgt. Deutschland brauchte Arbeitskräfte, die Türken machten sich auf den Weg. Natürlich wusste man hier auch damals schon, wie fleißig und diszipliniert die deutsche Gesellschaft war. Und bei den Türken ist es so: Wenn das Umfeld stimmt, können sie sehr hart arbeiten. Und das haben sie.

Sie haben Deutschland dabei geholfen, wieder auf die Füße zu kommen. Die türkischen Gastarbeiter haben mit Schweiß auf der Stirn ihren Beitrag dazu geleistet, dass Deutschland eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt geworden ist. Und ich bin sicher, dies wurde auch genug gewürdigt. Besonders in der damaligen Zeit. Jetzt scheint dieser türkische Beitrag vergessen. Die Probleme sind in den Mittelpunkt gerückt. Die gibt es auch, klar – schließlich sind die Türken damals aus einer völlig anderen Kultur nach Deutschland gekommen. Viele kamen direkt aus dem anatolischen Dorf in Großstädte wie München oder Frankfurt, ohne vorher je in Istanbul, Ankara oder Izmir gewesen zu sein. Das war ein Kulturschock. Weder die Türkei noch Deutschland gaben diesen Menschen eine Orientierung.

ZAMAN: Seit 2005 verfolgt Deutschland eine aktive Integrationspolitik. Ungefähr zur gleichen Zeit begann die Türkei, sich mehr um die "Auslandstürken" zu kümmern. Gibt es einen Wettbewerb um die Deutschtürken?

Gül: Das glaube ich nicht. Viele unserer Landsleute leben im Ausland. Wir wollen uns auf ihre Bedürfnisse einfach professioneller einstellen. Deshalb haben wir dafür eine eigene Behörde gegründet, die im Arbeitsministerium angesiedelt ist. Die Türkei und Deutschland haben doch eigentlich ein gemeinsames Ziel: die Integration dieser Menschen. In den ersten Jahrzehnten ging es darum, die Wirtschaft in Gang zu bringen, jeder war mit Arbeiten beschäftigt, man dachte nicht daran. Jetzt denkt man daran.

DIE ZEIT: Wie wichtig ist die Sprache?

Gül: Alles steht und fällt mit der Sprache. Heute sollte es so sein, dass ein deutscher Staatsbürger türkischer Abstammung akzentfreies Deutsch spricht. Und wie lernt man das am besten? Im Kindergarten. Und wenn Türken in Deutschland ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, dann muss man herausfinden, warum das so ist. Das bedeutet doch Integration: die Regeln des Landes befolgen, in dem man lebt. Diesem Land dienen. Das wiederum braucht Motivation. Was mich traurig macht, ist, dass die Motivation manchmal ausbleibt.

DIE ZEIT: Woran liegt das?

Gül: Das kann man zum Beispiel an der deutschen Visapolitik sehen. Ich erhalte E-Mails von namhaften Geschäftsleuten und Wissenschaftlern, die mir von der restriktiven Vergabepraxis deutscher Behörden berichten. Die Staatsbürger anderer Länder, die nicht, wie wir, EU-Beitrittskandidaten sind, kennen solche Hürden aus Deutschland nicht. An so einem Visum kann ein individuelles Schicksal hängen. Man tut so, als gäbe es die engen Bande zwischen unseren beiden Ländern nicht. Das demotiviert auch die Türken, die in Deutschland leben.