Wie könnte er das Meer nicht geliebt haben? Seinen ewigen Gesang, die furchtbare Gewalt? Das einsame Umherstreifen am Ufer, den Blick auf endlose, bewegte Weiten? Natürlich hat Max Beckmann, gerade er, das Meer und all die grandiosen Schauspiele geliebt, die es bietet; jene "geheimnisvollen Geständnisse zwischen Mensch und Meer", die schon der große Historiker Jules Michelet beschwor.

Max Beckmann reiste, sooft er konnte, ans Meer. Schon als junger Mann, inmitten des Ersten Weltkriegs, berauscht er sich an der flämischen Küste. Später dann, im Verlauf der zwanziger Jahre, als er in Frankfurt lebt, berühmter wird und mit dem Erfolg auch Geschmack findet am mondänen Leben, am Flair der Grandhotels und Seebäder, wird er noch häufig hinfahren, an die Nordsee oder ans Mittelmeer, als Urlauber, als Beobachter und auch als Maler. Sein Leben hat sich bei Weitem nicht nur zwischen Atelier und Bar abgespielt, wie manche behaupten. Das Meer und die Küste sind Hauptschauplätze seiner geistigen und künstlerischen Existenz, neben dem Zirkus und dem Nachtclub, der Großstadtstraße und dem Varieté.

Viel und oft ist Max Beckmann in den letzten Jahren gezeigt worden, und doch, das beweist der Reigen drei großer Ausstellungen in diesem Herbst, war noch längst nicht alles von ihm zu sehen. In Basel, Leipzig und Frankfurt präsentiert man zwar nicht einen völlig neuen Beckmann, doch wird unser Bild von ihm und seinem Werk bereichert und geschärft. Zum Auftakt zeigt das Basler Kunstmuseum den epochalen Figurenmaler ausgerechnet als Landschaftskünstler – und eben als großen Verehrer des Meeres.

Viele Landschaften hat er gemalt, mehr etwa als jene Selbstporträts, für die er weltberühmt ist. Bei über hundert seiner Gemälde steht die Landschaftsschilderung im Vordergrund, und wenn diese Werke auch weniger bekannt sind als seine Figurenbilder, so gelten sie doch schon lange als "Geheimtipp" und werden von einigen Interpreten zu den Höhepunkten der Gattung im 20. Jahrhundert gezählt. Der Kunstkritiker Benno Reifenberg etwa hielt ihn für den bedeutendsten Landschaftsmaler der ganzen Moderne. Allerdings kann man sich beim besten Willen nicht durchwegs für alle diese Bilder begeistern. Man möchte sie oft für fast belanglose Gelegenheitsarbeiten halten: eine von Zeit zu Zeit willkommene Abwechslung und Erholung von den strapaziösen Figurenbildern.

Anders verhält es sich mit seinen Ansichten der Küste und der See. Der gewaltige Beckmann hat das gewaltige Meer wirklich geliebt. Er hat seine Nähe ersehnt und die Musik des "brüllenden Meeres" (Lord Byron) zutiefst genossen. An den Meer- und Strandbildern lässt sich eine "biografische Inszenierung der Welt" beobachten, wie der Kunsthistoriker betont, darin liegt ihre tiefe Bedeutung, wenn sie auch künstlerisch nicht immer frappieren. Als Augenzeuge des Spektakels bleibt der Maler in den Bildern stets gegenwärtig: Mit ihm blicken wir von der Hotelterrasse, von der Strandpromenade, aus dem Strandkorb auf das anrollende Meer.

Anders als Belting, der Beckmanns Meerstücke deutlich von seinen mythischen Tableaus trennt, könnte man sie aber auch im engsten Zusammenhang mit ihnen sehen. Beckmann hat die Küste stets als Zone des Übergangs gemalt, wo sich Ewiges und Heutiges berühren, Urlaub und Urzeit, das Mondäne und das Mythische, deren Zusammentreffen ihn zeitlebens faszinierte und zum Leitmotiv seines Schaffens wurde. Deswegen hat ihn neben der Großstadt mit ihrem schäumenden Menschenozean das Meeresgestade so besonders angezogen: Als "pauvre Odysseus", wie er sich selbst einmal nannte, steht er im Frack an der Küste, das Champagnerglas in der einen, die Zigarette in der anderen Hand, um Ausschau nach der verlorenen Heimat zu halten. Nur über das grausam weite Meer scheint die Rückkehr dorthin noch möglich.

Deswegen haftet diesen maritimen Sehnsuchtslandschaften oft etwas insgeheim Schreckliches, latent Bedrohliches an. Kein Zufall, dass man kaum je Badende in den Fluten sieht. Beckmanns Meer erinnert an eine Theaterbühne mit prächtiger Kulisse, der die Schauspieler fehlen. Eine zwar grandiose, aber noch menschenleere Bühne: eine Spielstätte, bevor die eigentliche Aufführung beginnt.