Es kommt der Punkt, da ist die Bühne einfach nicht mehr genug. Anfangs waren da noch Wände, ein häuslicher Raum. Zwei Frauen trinken Wasser, sie atmen in ihre Gläser, und schon sind diese zu Astronautenhelmen geworden, und die Frauen befinden sich im All. Am Ende gibt es kein Haus mehr, die Wände sind zu Landschaften erklärt worden, die Bühne wird zum Universum.

The Nowness Mystery, das jüngste Stück der Konzeptkünstlerin Cuqui Jerez, fragt sich, wann, wo und was eigentlich das Jetzt ist. Es zeigt eine brüchige Gegenwart, zerklüftet von Assoziationen und Abschweifungen: das Mysterium des Augenblicks, erfahrbar in jedem noch so banalen Moment. »Wenn du jetzt diesen Kaffee trinkst, bringt dich das auf einen Gedanken, der mit diesem Kaffee zu tun hat und immer so weiter. Der Moment danach ist immer unbekannt.«

Cuqui, das spricht sich wie »Cookie«, und süß mag man sie finden, die 1973 in Madrid geborene Regisseurin, klein und schmal wie sie ist. Auch was sie auf der Bühne anstellt, mag auf den ersten Blick niedlich aussehen, doch es ist zu clever, zu überlegt, um noch als süß durchzugehen. Am Anfang ist da ein Gedanke nachgerade philosophischer Natur, in diesem Fall die Frage nach Raum und Zeit – nicht erst seit Kant ein Dauerbrenner. Für diese Überlegungen sucht Cuqui Jerez nach der richtigen Form.

Lange galt sie als Geheimtipp, mittlerweile tourt sie als Hoffnungsträgerin der konzeptuellen Bühnenkunst durch Europa. Ihre Konzepte verzichten auf penetrant-krampfiges Bemühen um gedankliche Originalität, sie stellen stattdessen einfach die richtigen Fragen. Jerez hat keine Angst vor dem Banalen und Albernen, was ihre Stücke charmant, aber nicht minder gescheit macht. Immer noch wird sie oft als Tänzerin gehandelt, hat sie doch Klassisches Ballett und Modern Dance studiert. Doch reiner Körpereinsatz war ihr nicht genug. »Ich brauchte einen sehr guten Grund, um nur den Körper zu benutzen – den habe ich nicht gefunden. Die Frage ist doch, was will ich herausfinden? Welche Codes eignen sich dafür am besten?« Es wird nicht mehr viel getanzt bei ihr, doch dass Regisseurin wie Darstellerinnen Fachfrauen sind, die mit dem Werkzeug Körper umzugehen wissen, das ist nicht zu übersehen.

Waren ältere Stücke noch streng durchchoreografiert, sollte The Nowness Mystery naturgemäß anders werden, geschrieben erst im Moment der Aufführung: »Weil wir mit der Gegenwart arbeiten, sollte auch alles im Hier und Jetzt passieren.« Anfangs experimentierten Cuqui Jerez und die Darstellerinnen, ihre Schwester Maria und die Tänzerin Amalia Fernández, mit dem Prinzip Abschweifung. Sie stellten sich stundenlang auf die Straße und machten einfach, was ihnen gerade in den Sinn kam. »Es war anstrengend. Aber du siehst, wie dein Gehirn funktioniert, wenn du kein Ziel, keinen Plan hast.« Auf der Bühne funktionierte dieses Springen von einem Gedanken zum anderen, von einer Zeitebene zur nächsten zuerst nicht: In der brüchigen Gegenwart verloren sich auch die Zuschauer. Deshalb bekommen sie in der überarbeiteten Version, wie sie auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wurde, zur Orientierung einen kleinen Handlungsfetzen dargeboten: Brad Pitt und Angelina Jolie trennen sich. Daran entspinnt sich die Assoziationskette, und auch der erste Versuch findet noch seinen Platz. Man erzählt Brad Pitt von den anfänglichen Wirrnissen und führt ihm das Stück vor, vom Haus bis ins Universum.

Was genau zunächst nicht funktionierte, muss Cuqui Jerez noch herausfinden: »Uns fehlt bisher die Distanz.« Sie kämpft weiter um den richtigen, den besten Ausdruck und scheut sich nicht, zu zeigen, dass sie dabei auch mal eine Schlacht verliert. Schließlich wirft auch das Scheitern noch eine existenzielle Wahrheit ab: »Du suchst etwas, aber du weißt nicht genau, was. Das braucht Zeit.«