Es gibt Geschichten, die haben keinen Anfang, weil niemand weiß, wieso sie geschehen. Sie lassen sich erzählen, aber sie lassen sich nicht begreifen. Sie werfen nur Fragen auf und bieten keine Antworten. Die Geschichte von Grace ist so eine Geschichte.

Grace singt. »If you’re happy and you know it, clap your hands« , sie klatscht in die Hände, klapp, klapp, Grace singt und klatscht vergnügt wie alle anderen Kinder, »If you’re happy and you know it, clap your hands« , klapp, klapp, es ist acht Uhr morgens, die erste Stunde des christlichen Kindergartens in Meru, Kenia, hat begonnen, erst mit einem Bibelvers, »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde«, und nun mit diesem Lied der Freude, die man sehen und hören muss, »If you’re happy and you know it, then you really got to show it, clap your hands« , klapp, klapp, Grace trägt wie die anderen achtzehn Kinder ihre Schuluniform, einen blauen Jeansrock und ein rotes Polohemd unter einem blauen Wollpullover. »If you’re happy and you know it, tap your toe«, Grace stapft mit ihrem Fuß auf den Boden, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, tap, tap, morgens hatte noch ihr großer Zeh aus einem Loch im Socken geschaut, und Grace hatte lachen müssen über das nackte Ding, das dann eilig in ihren etwas zu großen Schuhen versteckt wurde. »God is love« , steht in einem rosafarbenen, gemalten Herz auf der Wand ihres Schulzimmers, und Grace singt und klatscht und stampft, wie alle anderen Kinder, und wenn sie nicht an manchen Tagen unkontrolliert erbrechen und urinieren würde, könnte man denken, Grace sei ein glückliches Kind.

Man könnte sogar denken, dass Grace nicht dieselbe Grace sein kann wie die, deren kurzes Leben bereits eine lange Akte mit der Nummer RI/R/113/10 füllt. Das Mädchen in der Akte trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen, wie auch ihre Verwandten. Warum, das wird schnell klar, wenn man weiß, was in der Akte steht. Darin beginnt Grace’ Leben nicht mit ihrem Geburtstag, der ist nicht verzeichnet, sondern mit jenem 3. März 2010, dem Tag, an dem sie, halb bewusstlos, von ihrer Tante Joyce auf dem Arm ins Krankenhaus getragen wurde. »Blut und Flüssigkeit auf der Unterhose«, steht mit blauem Kugelschreiber auf dem schmucklosen Zettel, der in der Akte abgeheftet ist und auf dem ein Arzt im Methodist Hospital von Maua die Ungeheuerlichkeit notiert hat: 13 Kilo Gewicht, Körpertemperatur 37 Grad, eine eingehende Vaginaluntersuchung sei nicht möglich gewesen, weil die Patientin große Schmerzen gehabt habe, der Arzt schließt mit der Diagnose »Vergewaltigtes Kind mit genitalen Verletzungen«.

Aufnehmen wollte sie trotzdem niemand im Methodist Hospital. Das hätte Geld gekostet. Geld, das Grace’ Tante nicht aufbringen konnte. Das steht nicht in der Akte. Das erzählt Esther Mburu, die Frau, die gerufen wird bei Fällen wie dem von Grace. Ohne Esther Mburu und Ripples International, die kenianische Hilfsorganisation, für die Esther arbeitet, wäre Grace nie behandelt worden, ohne Esther und Ripples hätte Joyce das wimmernde Kind wieder mitnehmen müssen, von Maua den ganzen Weg zurück, mit einem der überfüllten Taxis über die Landstraße, und dann zu Fuß, vorbei an den Feldern, die rotbraunen Lehmwege entlang, vorbei an den ärmlichen Hütten, bis zurück nach Kabuitu, in das Dorf, in dem Grace vergewaltigt wurde. Ohne Esther hätte niemand die Kosten für die Ärzte übernehmen können. Ohne Esther gäbe es nicht einmal diese Akte, denn niemand sonst würde das Verbrechen an diesem Kind so ernst nehmen, niemand würde ein solches Kind so ernst nehmen, dass eine Akte angelegt würde, in der alle medizinischen Untersuchungen sauber und ordentlich abgeheftet sind.

»Vergewaltigung durch eine Person, die der Mutter bekannt ist«, notiert am 25. März 2010 ein Gynäkologe an der Frauenklinik von Meru, zu dem Grace gebracht worden ist, der sie untersucht und festgestellt hat, dass der erwachsene Vergewaltiger den Unterleib des vierjährigen Kindes so verletzt hat, dass Vagina und Anus »miteinander kommunizieren«. In den Wochen nach der Vergewaltigung, so vermerken es die Krankenakten, kann Grace weder Stuhl noch Urin halten. Im April bringt Esther Mburu Grace zum ersten Mal in die Hauptstadt Nairobi, ins Kenyatta Hospital, wo sie einen künstlichen Darmausgang gelegt bekommt. Im September führt ein Chirurg vom Nairobi’s Women’s Hospital eine rekonstruktive Operation durch, bei der ihr Damm nachgebildet wird. Im November 2010 schließlich wird Grace der künstliche Darmausgang wieder entfernt.

Der Kindergarten ist aus. Grace rennt im Garten des Tumaini Girls’ Rescue Centre herum, des Heims für sexuell missbrauchte und misshandelte Mädchen, das von Ripples International betrieben wird und das ihr Zuhause geworden ist. Sie umkurvt die hoch aufgeschossene Frau in Uniform, die das schwarze Stahltor bewacht, das Fremden die Zufahrt verwehrt, Grace rennt an den Pinienbäumen vorbei, um die Rosenbüsche vor den vergitterten Fenstern herum, sie quietscht und lacht, immer ihrer besten Freundin hinterher.

»Anfangs konnte Grace nicht sprechen«, sagt Esther Mburu, 31, Grace hatte keine Worte für das, was geschehen war. Esther schaut hinüber zu Grace, die inzwischen mit einem der älteren Mädchen zusammen seilspringt, wie soll ein Kind das auch verstehen. »Sie hat immer nur geweint.« Esther Mburu liebt Kinder, und sie liebt Grace. Esther ist die Team-Leiterin des Girls’ Rescue Centre, und sie betreut Grace und all die anderen Mädchen, die dort, wo einmal ihr Zuhause war, nicht mehr sein können, weil sie dort misshandelt oder missbraucht wurden, vergewaltigt oder verstümmelt, von ihrem Vater oder vom Nachbarn, weil sie, die noch Kinder sind, geschwängert worden sind und nun selber Kinder haben, Kinder, deren Väter gleichzeitig ihre Urgroßväter sind, Kinder, die mit einer Machete verwundet oder mit Wasser verbrüht wurden, weil sie HIV-positiv sind und deswegen ausgesetzt oder weggeworfen wurden, Kinder, die ausgeschlossen oder eingeschlossen wurden, versehrt oder verletzt wie Grace.