Die Sonne, unser Feind – Seite 1

fast nie ist ein Sommer groß genug , und wer’s sich leisten kann, fährt jetzt im Herbst noch schnell in den Süden. Die Sonne: Das ist Licht, Wärme, Leben – Punkt. Nach ihren Verächtern muss man schon mit der Lupe im großen Buch der Kulturgeschichte suchen. Selbst Schopenhauer , dem fast alles auf den Senkel ging, gerät bei der Sonne ins Schwärmen, sodass man erst bei Thomas Bernhard fündig wird: "Ich hasse die Sonne."

Nichts erfährt in unseren nördlichen Landstrichen eine höhere Wertschätzung als die Sonne. Fast immer fühlen wir uns von ihr übergangen,

Das sagt der Kunstkritiker Reger in Bernhards Roman Alte Meister. Ebenso hätte der Satz aber auch in Hell (Kinostart 22.9.), dem erstaunlichen Kinodebüt von Tim Fehlbaum fallen können. Genauso gut hätte er "Helle" oder "Hölle" heißen können. Eine Klimakatastrophe hat die Welt verwüstet, auch in Deutschland liegen Wiesen und Wälder von der Sonne versengt. In den Städten lässt es sich nicht mehr leben. Nur in den Bergen soll es noch Wolken geben, Wasser und, wer weiß, ein Rest von dem, wofür einmal das Wort Zivilisation stand.

In die Berge. Dorthin sind drei Überlebende des Zusammenbruchs unterwegs. Ein voll gepackter Volvo, Phillip als Mann am Steuer, auf dem Beifahrersitz seine Freundin Marie, auf der Rückbank Maries kleine Schwester Leonie. Fast wirken diese anfänglichen Sequenzen des Films wie die familiäre Ferienfahrt in den Süden. Wenn da nicht die Tiergerippe am Straßenrand wären und die zugeklebten Scheiben des Autos als Schutz vor der Sonne. Die brennt so stark, dass die Truppe vermummt und mit Skibrillen geschützt aus dem Auto steigt, um eine verlassene Tankstelle zu inspizieren.

Eine filmische Dystopie aus Deutschland, mit einem Setting, das eher an die australischen Mad Max-Filme erinnert als an die traute Heimat, ist schon erstaunlich genug. Noch mehr erstaunt und erfreut, wie sehr dieser Film überzeugt. Hell erklärt uns nicht, wie es zur Katastrophe gekommen ist, er konfrontiert uns ganz einfach mit ihr. Wie das Grüppchen an der Tankstelle einen Wasserrest aus der Heizung lässt, wie der zwielichtige Tom dazustößt, der noch über einen Kanister Benzin verfügt, wie die Gruppe in die Berge gelangt, dort aber sogleich in eine Falle gerät mit dem Ergebnis, dass Tom und die kleine Leonie von Wegelagerern entführt werden: Das alles verfolgt man mit einer Beklemmung in der Brust, die sich erst legt, wenn man das Kino verlässt.

"Hell" hat die Durschlagskraft eines Bolzenschussgeräts

Im Dunklen wartet eine andere Bedrohung: Angela Winkler und Hannah Herzsprung in "Hell"

Hannah Herzsprung ) finden in der Gefahr zu schier übermenschlichem Mut.

Dabei beruht die Bannkraft der Bilder auch auf einfachen, aber souverän genutzten filmischen Mitteln. Etwa dem Wechsel zwischen Überbelichtung und Verdunkelung. Schattensatt sind die Bilder aus dem abgedunkelten Auto, dem verkohlten Wald und zum Ende aus den Innenräumen eines Bauernhofs. Tritt die Kamera hingegen ins Tageslicht, wird es auch im Kinosaal so hell, dass man sich schützend die Hand über die Augen legen will. Dazwischen gibt es nichts; die Farben sind aus der Welt verschwunden, die feinen Unterschiede ohnehin. Auch bei den Charakteren: Der anfangs großspurig auftretende Phillip (Lars Eidinger) erweist sich in der ersten brenzligen Situation sofort als eingefleischter Feigling, Tom (Stipe Erceg) und Marie hingegen (gespielt von einer mitreißenden

Als sich Marie allein auf die Suche nach ihrer entführten Schwester macht, gelangt sie zu einer verlassenen Bergkapelle, bricht dort zusammen und wird von einer alten Bäuerin aufgelesen. Angela Winkler spielt diese Figur so wunderbar bedächtig und in sich ruhend, dass wir uns für eine kurze Weile dem sanften Licht der Hoffnung hingeben können: Es gibt sie noch, die Zivilisation. Die Bäuerin Elisabeth nimmt Marie mit in einen am Fuß der Berge gelegenen Weiler und weist ihr ein Zimmer an, das auf einen Hof mit spielenden Kindern geht.

Umso härter trifft dann der Fausthieb, der unsere Illusion zerschmettert: Marie ist mitten ins Herz der Finsternis geraten. Statt der letzten Reste der Zivilisation gibt es ein kannibalistisches Schlachtfest.

Tim Fehlbaum, der bis 2009 in München an der Hochschule für Fernsehen und Film studierte und nun auf die 30 zugeht, hat einen geradlinigen, temporeichen Genrefilm gedreht, einen auch in den Details überraschenden Endzeit-Thriller. Hier vollzieht sich jeder Umschlag rasch und total. Die bipolare Konstruktion hat im Film aber noch eine tiefe Berechtigung, spiegelt sie doch dessen Sujet selbst: den Ernstfall als Regel postapokalyptischen Lebens. Ein Kampf, in dem sich jeder Einzelne immer wieder entscheiden muss: für sich – oder für den anderen. Rennen oder bleiben, helfen oder kneifen?

Schopenhauer lobte die Sonne, weil sie "für den Willen die Wärme" spende und "für die Erkenntnis das Licht". In der Hitze von Hell wächst dieser Wille ins Unermessliche. Er zeigt sich als verzweifelter Überlebenswille, der wie im Fall von Phillip auf Feigheit setzt oder wie bei Angela Winklers Elisabeth auf eine obszöne Bauernschläue, die ihre Unmenschlichkeit als Zweckrationalität legitimiert. Die Erkenntnis, die Hell in seiner Überbelichtung zeigt, lautet aber, dass es daneben noch einen völlig anders gearteten Willen zum Leben gibt. Der verlangt, vom eigenen Leben abzusehen, ja, es in äußerster Konsequenz für das der anderen aufs Spiel zu setzen. Und erst wer wie Marie diesen Willen aufbringt, wird wahrhaft leben.

Als Action-Film hat Hell die Wucht und Durschlagskraft jenes Bolzenschussgeräts, das im Metzgereibetrieb des Bauernclans zum Einsatz kommt. Dass der Film zugleich und völlig unangestrengt eine zart gewobene Vision des rechten Lebens ausstrahlt, macht ihn für das deutsche Kino zu einem Glücksfall.