Im Dunklen wartet eine andere Bedrohung: Angela Winkler und Hannah Herzsprung in "Hell"

Hannah Herzsprung ) finden in der Gefahr zu schier übermenschlichem Mut.

Dabei beruht die Bannkraft der Bilder auch auf einfachen, aber souverän genutzten filmischen Mitteln. Etwa dem Wechsel zwischen Überbelichtung und Verdunkelung. Schattensatt sind die Bilder aus dem abgedunkelten Auto, dem verkohlten Wald und zum Ende aus den Innenräumen eines Bauernhofs. Tritt die Kamera hingegen ins Tageslicht, wird es auch im Kinosaal so hell, dass man sich schützend die Hand über die Augen legen will. Dazwischen gibt es nichts; die Farben sind aus der Welt verschwunden, die feinen Unterschiede ohnehin. Auch bei den Charakteren: Der anfangs großspurig auftretende Phillip (Lars Eidinger) erweist sich in der ersten brenzligen Situation sofort als eingefleischter Feigling, Tom (Stipe Erceg) und Marie hingegen (gespielt von einer mitreißenden

Als sich Marie allein auf die Suche nach ihrer entführten Schwester macht, gelangt sie zu einer verlassenen Bergkapelle, bricht dort zusammen und wird von einer alten Bäuerin aufgelesen. Angela Winkler spielt diese Figur so wunderbar bedächtig und in sich ruhend, dass wir uns für eine kurze Weile dem sanften Licht der Hoffnung hingeben können: Es gibt sie noch, die Zivilisation. Die Bäuerin Elisabeth nimmt Marie mit in einen am Fuß der Berge gelegenen Weiler und weist ihr ein Zimmer an, das auf einen Hof mit spielenden Kindern geht.

Umso härter trifft dann der Fausthieb, der unsere Illusion zerschmettert: Marie ist mitten ins Herz der Finsternis geraten. Statt der letzten Reste der Zivilisation gibt es ein kannibalistisches Schlachtfest.

Tim Fehlbaum, der bis 2009 in München an der Hochschule für Fernsehen und Film studierte und nun auf die 30 zugeht, hat einen geradlinigen, temporeichen Genrefilm gedreht, einen auch in den Details überraschenden Endzeit-Thriller. Hier vollzieht sich jeder Umschlag rasch und total. Die bipolare Konstruktion hat im Film aber noch eine tiefe Berechtigung, spiegelt sie doch dessen Sujet selbst: den Ernstfall als Regel postapokalyptischen Lebens. Ein Kampf, in dem sich jeder Einzelne immer wieder entscheiden muss: für sich – oder für den anderen. Rennen oder bleiben, helfen oder kneifen?

Schopenhauer lobte die Sonne, weil sie "für den Willen die Wärme" spende und "für die Erkenntnis das Licht". In der Hitze von Hell wächst dieser Wille ins Unermessliche. Er zeigt sich als verzweifelter Überlebenswille, der wie im Fall von Phillip auf Feigheit setzt oder wie bei Angela Winklers Elisabeth auf eine obszöne Bauernschläue, die ihre Unmenschlichkeit als Zweckrationalität legitimiert. Die Erkenntnis, die Hell in seiner Überbelichtung zeigt, lautet aber, dass es daneben noch einen völlig anders gearteten Willen zum Leben gibt. Der verlangt, vom eigenen Leben abzusehen, ja, es in äußerster Konsequenz für das der anderen aufs Spiel zu setzen. Und erst wer wie Marie diesen Willen aufbringt, wird wahrhaft leben.

Als Action-Film hat Hell die Wucht und Durschlagskraft jenes Bolzenschussgeräts, das im Metzgereibetrieb des Bauernclans zum Einsatz kommt. Dass der Film zugleich und völlig unangestrengt eine zart gewobene Vision des rechten Lebens ausstrahlt, macht ihn für das deutsche Kino zu einem Glücksfall.