In dem Augenblick, da eine Sache anfange, "ein Beruf zu werden", hat Egon Friedell einmal geschrieben, und somit aufhöre, "etwas allgemein Menschliches zu sein, verliert sie ihre beste Kraft und ihren geheimnisvollen Reiz". Das trifft voll und ganz auf die Entwicklung der Fernsehtalkshows in Deutschland zu. Sie haben sich professionalisiert und multipliziert, mit einer zentralen Gästedatenbank bei der ARD, demnächst wahrscheinlich mit Talk-Unterausschüssen in den Rundfunkräten. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat kürzlich bemerkt, dass in den Talkshows der 1970er und 1980er Jahre noch Gesamtpersönlichkeiten als Gäste gefragt gewesen seien, heute fast nur noch "one-trick-ponys" – also Figuranten, von denen dramaturgisch eine ganz bestimmte Haltung erwartet wird. Die Talkshows sind heute scripted reality, in der Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi ihre feste Funktion haben wie einst Slatko und Jürgen bei Big Brother.

Auf dem Werbefoto der ARD ("Wir sind eins") für ihre Fünf-Talkshows-Woche posieren Jauch, Beckmann, Maischberger, Plasberg und Will wie die B-Mannschaft einer US-Anwaltsserie. Jeder Eingeweihte weiß, dass sie sich im wirklichen Leben nicht besonders mögen. Die Verpflichtung von Jauch hat die Konkurrenzverhältnisse noch einmal verschärft – es ist nicht klar, wer sich wie lange auf welchem Sendeplatz halten kann.

Günther Jauch, der alte Fuchs, hat es geschickt gemacht. Erst verspottete er die ARD-Häupter als "Gremlins", ließ sich dann von ihnen einkaufen und übermittelte schließlich: Seht her, ich mache überhaupt nichts Neues. Ich moderiere einfach so etwas wie stern TV unter größerer Kuppel, wähle ein möglichst unoriginelles Thema wie "9/11" zum Sendestart am 11. September und lade ganz wie die anderen Teilnehmer am ARD-Talkathlon nur Gäste ein, von denen man weiß, was sie sagen werden. Mathias Döpfner verteidigt die Freiheit des Westens, Jürgen Todenhöfer ist gegen den Krieg in Afghanistan, Peter Struck begründet, warum eine deutsche Beteiligung daran doch notwendig war. Elke Heidenreich erzählt, dass sie am 11. September auf dem Weg in die Harald Schmidt Show war.

Zu Beginn die Betroffene vom Dienst, Marcy Borders, die "dust lady". Ja, 9/11 war schrecklich, es hat lange gedauert, das zu verarbeiten. Und auf Wiedersehen. Günther Jauch kann es sich leisten, so überraschungsfrei aufzutreten, weil er seinen "Gremlins" nur sagen muss: Ich bin der Günther, euer neuer Wizard of Talk. Mit mir wird euer Programmschema siegen oder untergehen. Da kann es schon passieren, dass Jürgen Klinsmann als der Intellektuelle in der Runde erscheint, weil er darauf hinweist, dass die US-Bürger zu viele obskure Nachrichten von Fox News sehen.

Bei Maischberger sitzen auffallend häufig Kollegen

Verblüffenderweise war der Lichtblick der vergangenen Woche Reinhold Beckmann. Obwohl für seinen bemüht investigativen Stil bekannt (und schon karikiert), ließ er diesmal unaufgeregt den Vater eines Islamisten aus der "Sauerland-Gruppe" zu Wort kommen. Wie sich brave deutsche Jugendliche in Anhänger des Dschihad verwandeln können, bleibt zwar rätselhaft, aber die Erzählungen des Vaters machen zumindest den familiären Schock konkret. Zwar will auch Beckmann mit Peter Scholl-Latour auf einen der alten Dauertalker nicht verzichten, aber seine Sendung zeigte doch, was es bringt, wenn Interviewpartner ihre Geschichte erzählen dürfen.

Anne Will, Sandra Maischberger und Frank Plasberg taten sich dagegen schwer mit ihrer neuen Zweitrangigkeit. Will hatte sich für das Opening die unglücklich geliftete und gespritzte Gräfin Brandstetter aufschwatzen lassen, sodass man ohne Ton gedacht hätte, bei der Sendung gehe es um die schrecklichen Folgen von Schönheitsoperationen. Die in Monaco residierende Gräfin ist leider schon in zahllosen RTL-Reportagen totgesendet worden. Zudem litt die Themensetzung "Euer Geld möchte ich haben!" daran, dass Reiche im Fernsehen nicht so gerne über ihren Reichtum sprechen.