Der erste Eindruck ist der eines Hauses, in dem sich einiges angesammelt hat über die Jahrhunderte, aus manchen Epochen mehr, aus anderen weniger. Es scheint hier die Hand eines Kunstliebhabers zu walten, der sich von seinen Bildern nicht trennen mag und lieber ein paar mehr aufhängt, auch wenn es nicht so edel ausschaut wie in einem kühl kalkulierten Museum. Und dieser Eindruck ist nicht ganz falsch angesichts der Geschichte der Dessauer Sammlung, die turbulente Zeiten überstand – wichtiger als Details ist zunächst einmal, dass sie überlebt hat.

Am Anfang steht eine verstoßene Prinzessin: Henriette Amalie von Anhalt-Dessau, 1720 bis 1793. Einer standeswidrigen Liaison und eines unehelichen Sohnes wegen musste sie den Fürstenhof verlassen und als Stiftsdame nach Herford gehen. Alle Versuche ihres Vaters Fürst Leopold I., sie mit einem Mann von Stand zu verheiraten, scheiterten an Henriette Amaliens eigenwilligem Lebensstil. Sie lebte inzwischen in Frankfurt am Main mit einem fünfzehn Jahre jüngeren Baron in wilder Ehe. Wichtiger für die Nachwelt ist der Umstand, dass die Prinzessin sich als geistig rege und kunstsinnig erwies und überdies als tüchtige Landwirtin. So erwirtschaftete sie die Mittel, um eine naturwissenschaftliche Kollektion und eine Bibliothek aufzubauen und rund 700 Gemälde zu sammeln. Als französische Revolutionstruppen 1792 Frankfurt bedrohten, floh sie heim nach Dessau und starb dort im Jahr darauf. Schon zwanzig Jahre zuvor hatte sie ihr Testament verfasst und darin festgelegt, ihr Vermögen solle der Armen- und Krankenpflege zugute kommen und ihre Sammlung öffentlich zugänglich sein – eine ungewöhnliche Geste in der damaligen Zeit. Ihre Familie hatte sie der Heimat verwiesen, sie vergalt es der Stadt mit reichen Geschenken.

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Fürst Franz, der 1757 die Regentschaft in Dessau übernommen hatte, baute die Sammlung seiner Tante aus. Er hatte sie oft besucht, sein Interesse an Kunst, namentlich an altdeutscher Malerei, war Henriette Amaliens Erbteil. Anhaltische Fürstenporträts gibt es, dazu biblische, bürgerliche und Landschaftsmotive deutscher und europäischer Maler. Zu den Höhepunkten gehören Werke des jüngeren Pieter Brueghel (Das Pfingstbraut-Spiel), eine Anbetung der drei Könige von Hans Baldung, ein Rubens-Porträt des französischen Königs Ludwig XIII., eine grandiose Landschaft mit orientalischem Brautzug des viel reisenden Regensburgers Agricola sowie Bilder von Johann Heinrich Roos, des älteren Bartel Bruyn und des jüngeren Lucas Cranach. Es ist die größte Sammlung alter Meister in Sachsen-Anhalt.

Vom älteren Cranach zeigt man in Dessau unter anderem ein Porträt der Erzherzogin Margarethe von Österreich, Tochter von Kaiser Maximilian und Ziehmutter Kaiser Karls V., sowie die kunst- und religionsgeschichtlich interessante Verlobung der Hl. Katharina von 1516 – Maria mit dem Jesuskind im Kreise von fünf heiligen Frauen. Cranachs ursprünglich himmelsköniginblaues Mariengewand wurde später pastorenschwarz übermalt und so der Beweis erbracht, dass sogar Kunstwerke reformiert wurden, um dem Geschmack protestantischer Fürsten erträglich zu sein. Geblieben ist dem Bild die große Stille und Eleganz.

Im 20. Jahrhundert gerieten auch Dessau und seine Kunstsammlung ins Kraftfeld der großen zerstörerischen Mächte. Tradition und Moderne, Malerei und Propaganda, linke und rechte Weltenstürze – das alles deutete sich an, aber zunächst, ein paar unruhige Jahre lang, existierten die verschiedenen Richtungen nebeneinander, ohne der jeweils anderen das Lebensrecht streitig zu machen. Der als Alt-Impressionist angesehene Paul Riess malte seine geliebten Dessauer Landschaften zur selben Zeit, in der Bauhaus-Künstler radikal andere Wege gingen. Noch in der Eröffnungsausstellung der neu gegründeten Gemäldegalerie Dessau im September 1927 hingen Riess und die Bauhäusler vielleicht nicht einträchtig, aber doch friedlich nebeneinander. Bilder blieben Bilder, sie wurden nicht zur Waffe. Ein Zeitgenosse, der Kunsthistoriker Wilhelm van Kempen, schrieb damals: "Wer da meint, die ältere, d. h. Impressionistische Kunst vertrüge sich nicht mit moderner, mit abstrakter, der sehe sich an, wie überraschend köstlich Riess mit Feininger und Moholy zusammensteht." Die ideologische Waffenruhe währte aber nicht lange. Was kunstinterne Spannung zwischen einer regional verwurzelten Landschaftsmalerei und der abstrakten Moderne der Zwischenkriegszeit gewesen war, heizte sich innerhalb weniger Jahre auf. 1933 wurde der Kunsthistoriker Ludwig Grote, der die fürstliche Sammlung 1927 in die neue städtische Gemäldegalerie überführt und diese geleitet hatte, von der Nazipartei als "Kulturbolschewist" abgesetzt – er war es, der das Bauhaus von Weimar nach Dessau geholt hatte.

Nach Kriegsende verschwanden Teile der Sammlung in der Sowjetunion, auch im New Yorker Kunsthandel tauchten Werke auf. Vieles war gezielt geplündert, anders von Soldaten auf eigene Faust gestohlen worden. Immer noch fehlen rund 200 Werke. Doch anderes als in vergleichbaren Fällen konnte zumindest der Beutezug der sowjetischen Sieger großenteils revidiert werden. Dessau, du hast es besser!