Wien hat es den Mächtigen aus der Ukraine angetan: Kurz vor der Revolution von Kiew ließ sich 2004 der künftige Präsident Wiktor Juschtschenko in einer Döblinger Privatklinik von den Folgen eines heimtückischen Giftanschlages kurieren. Auch Wiktor Janukowitsch, sein Gegenspieler und Nachfolger, findet an der Donaumetropole Gefallen. Und das gleich mehrfach, obwohl offiziell kein Besuch des derzeitigen ukrainischen Staatsoberhauptes in Österreich bekannt ist.

Trotzdem wird Janukowitsch dieser Tage unentwegt mit der österreichischen Hauptstadt in Verbindung gebracht. Schuld ist der kleine Wiener Mandelbaum-Verlag, der kürzlich das Buch Opportunity Ukraine verlegte. Als Autor firmiert der Präsident selbst. Auf knapp 320 Seiten preist er darin sein Reich als Eldorado für Investoren an. "Ein Land mit endlosen Möglichkeiten", verheißt er. Er selbst, weiß der Autokrat zu berichten, sei ein weltoffener und visionärer Staatsmann.

"Kuriose Umstände" hätten dazu geführt, dass der Mandelbaum-Verlag, eigentlich spezialisiert auf Kulinaria und Judaika, diese Propagandafibel verlegte, erzählt Verlagsleiter Michael Baiculescu. Im Juli habe die Verlagsdruckerei Nowyj Swit aus dem ukrainischen Donezk nach einem westeuropäischen Verleger für den englischen Text gesucht. Startauflage: 50.000 Stück. Lieferung rechtzeitig zum ukrainischen Unabhängigkeitstag, dem 24. August. Für andere Verlage während des Sommers ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch damit nicht genug: Die Ukrainska Prawda, das führende Aufdeckerblatt des Landes, wirft dem Opus des Präsidenten nun vor, ein "banales Plagiat" zu sein: Der Text sei ein Amalgam aus Zeitungsartikeln, Schriften anderer Politiker und diverser, zumeist russischsprachiger Aufsätze. In Janukowitschs Umgebung liegen deshalb die Nerven blank. Hanna Herman, einflussreiche Beraterin des Präsidenten, widersprach empört dieser "Provokation". Der Verlag lässt den Text nun prüfen: "Der Übersetzer teilte uns mit, manche Stellen seien zwar kein Plagiat, aber die Quellen würden nicht immer ordentlich benannt sein, da Fußnoten weggefallen seien", erklärt Baiculescu.

Das Buch ist allerdings nicht die einzige Wiener Beziehung, die dem Präsidenten Ungemach bereiten könnte. Eine weitere Causa führt in die Grüngasse im fünften Bezirk: Nicht nur die Euro Invest Bank AG, die zuletzt mit Kursmanipulationen der Telekom-Aktie in Verbindung gebracht wurde, sitzt hier im Haus Nummer 16. Sondern auch die vom Exdirektor der Bank, Johann Wanovits, geleitete Euro East Beteiligungs GmbH, die zu 65 Prozent der Euro Invest Bank und zu 35 Prozent einer Briefkastenfirma in London gehört. Wanovits’ Unternehmen besitzt wiederum 99,97 Prozent einer Firma in Kiew namens Tantalit, die in einem engen Bezug zum Präsidenten steht. Der wohnt nämlich in der ehemals staatlichen Residenz Meschyhirja, in bester Lage nördlich von Kiew in einem pittoresken Park am Dnjepr gelegen. Kurz bevor Janukowitsch Ende 2007 als Premierminister zurücktrat, wurde der Park auf fragwürdige Weise privatisiert: Der größte Teil wurde zu Schnäppchenkonditionen für 49 Jahre an die ukrainische Tochter der Euro East Beteiligungs GmbH verpachtet. Inmitten des riesigen Areals, das von dieser unscheinbaren Wiener Firma kontrolliert wird, befindet sich ein vergleichsweise kleines Grundstück. Das ist an Janukowitsch vermietet – hier steht die Datscha des ukrainischen Präsidenten.

Noch eine weitere Wiener Adresse spielt eine wichtige Rolle in der Ukraine: die Schwindgasse im vierten Bezirk. Seit über einem Jahr ist hier die Group DF ansässig. Zuvor hatte diese Holding des ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch in der Löwelstraße residiert – im selben Haus wie die grüne Parlamentsfraktion. Die Hausgemeinschaft war nicht immer von Harmonie geprägt. Nationalrätin Gabriele Moser hatte regelmäßig Auseinandersetzungen mit ukrainischen Chauffeuren, die eine Auffahrt zuparkten und ihr als Radfahrerin damit das Leben schwer machten: "Einmal habe ich mit dem Fahrrad deshalb eine Stoßstange angetupft – sie haben wütend reagiert. Am Abend hatte ich dann keine Luft mehr in den Reifen", erzählt sie. Die Gorillas der Oligarchen sind Meister subtiler Grausamkeit.

Kleinigkeiten für Businessman Firtasch. Er besitzt 45 Prozent des umstrittenen Gashändlers Rosukrengero, dazu eine Bank und Chemiefabriken in der Ukraine. Seine Centragas Holding weist im österreichischen Firmenbuch einen Bilanzgewinn von fast 300 Millionen Euro aus. Er sieht sich auch als Berater des Präsidenten und gilt als einer der wichtigsten Unterstützer des Autokraten. Janukowitsch sei, so erklärte Firtasch, von Gott gesegnet. Auch Janukowitsch macht sich Gedanken über den Oligarchen. Als im Juni erstmals Journalisten seine Datscha in Meschyhirja betreten durften, fotografierten sie den privaten Schreibtisch des Präsidenten. Obenauf: Unterlagen der Group DF, Firmensitz Wien.