Als George A. Romero 1968 zum ersten Mal seine modernen Untoten auf die Leinwand ließ, in Night of the Living Dead , veränderte er nicht nur ein Genre, den Horrorfilm, sondern möglicherweise auch das filmische Erzählen, die klassische 5-Akt-Struktur des Spielfilms. Was Godard nicht gelang, das erreichten die Untoten. Zombies machen eben alles kaputt, auch die Regeln von Repräsentation und Semantik.

Es entstand auch ein Subgenre dieses Subgenres: Aus dem Zombiefilm wuchs der Zweig der Zombie-Apokalypse-Filme. Die Basis der Erzählungen in diesen ist sehr einfach: Die Welt "gehört" den Untoten, die Zivilisation ist untergegangen, und mit ihr kollabieren auch die sozialen Ordnungen, die Werte, die Beziehungen. Kleine Gruppen durchstreifen das Land, meist haben sie untereinander noch heftige Konflikte auszutragen, auf der Suche nach einem sicheren Ort, auf der Suche nach anderen Überlebenden, auf der Suche nach, nun ja, Heimat. Damit entsteht ein auf den Kopf gestellter Western; die Zombies sind nicht bloß zeitgemäß eklige Nachfolger der "wilden" Indianer, sondern Sinnbilder der Unwirtlichkeit schlechthin.

Seit 2003 erscheint eine Comicserie, geschrieben von Robert Kirkman, gezeichnet (in realistischem Schwarz-Weiß) zunächst von Tony Moore, danach von Charlie Adlard, die in ihrem schon homerisch epischem Atem alle Möglichkeiten des Zombie-Apokalypse-Motivs auslotet: Zivilisationsparabel, Soap-Opera, schwarzer Humor, moralische Fabel, Horror (nicht zu wenig), Gesellschaftskritik, Thriller, Roadmovie, Erziehungsroman... Wenn jemand wissen will, wie und warum Comics eine Kunstform sind, in The Walking Dead ist es zu erfahren.

Daraus einen Kinofilm zu machen, wie es zunächst geplant war, erwies sich als unmöglich: Wie kann man eine Geschichte, die potenziell unendlich ist, in einen Zweistundenplot verwandeln? Also musste es eine Fernsehserie werden. Die Schlüsselfigur hier wie dort ist der Kleinstadtcop Rick Grimes (gespielt von Andrew "Gangster Nr. 1" Lincoln), der eines Tages bei einem Einsatz angeschossen wird und ins Koma fällt. Als er erwacht, ist die Welt von den Untoten "überflutet", Gottes eigenes Land beim Teufel, und die Chancen aufs Überleben als Mensch sind ziemlich gering. Grimes macht sich auf die Suche nach seiner Familie, begegnet anderen Überlebenden, manche davon so monströs und bösartig wie die Zombies ringsumher, führt seine kleine Gruppe durch das verwüstete Land, auf der Suche nach einem Ort, an dem man noch einmal siedeln und als Gemeinschaft leben könnte.

Die Untoten holen das Verborgene im Menschen hervor

Die Fernsehserie kann gar nicht so gut sein wie die Comicserie. Aber sie ist trotzdem noch verdammt gut. Es ist eine der Serien, die das Urteil zu bestätigen scheinen, dass die neue Kunst der (Kabel-)Fernsehserien an Erzählkunst und ästhetischem Reichtum das Kino mittlerweile übertreffen. Wenn das Kino immer kindischer wird, dann müssen die Fernsehserien wohl erwachsener werden.