Als Susan Sontag 1964 über die Kultur des "Camp" nachdachte, zeigte sie, dass Camp weit mehr umfasst als Kitsch oder minderwertige Kunst, die das Glück hat, Intellektuelle zu amüsieren. "Camp sieht alles in Anführungsstrichen", schrieb sie. Gerade darum sei es aber in der concert music , der Instrumentalmusik, selten zu finden. Ihr fehle der Inhalt, der in Kontrast zur Form geraten könne. Anders gesagt: Worauf soll ein Komponist schräg anspielen, wenn er keinen Text hat? Auf einen Stil, auf ein Zitat, das ja. Aber welcher Komponist ist so schräg drauf, dass (anders als beim Beethoven-Zitat in Schuberts großer C-Dur-Sinfonie) ein ganzes Stück doppelbödig witzig wird?

Kurioserweise war, als Sontag über Camp nachdachte, ein Komponist populär, der die Kunst des Uneigentlichen in Vollendung betrieben hatte und 1963 in Paris gestorben war – Francis Poulenc . "Das Radio spielte damals mindestens einmal am Tag eines seiner Werke", erinnert sich Jos van Immerseel, der mit seinem belgischen Orchester Anima Eterna jetzt dem Franzosen huldigt. Er und Claire Chevallier spielen Poulencs Konzert für zwei Klaviere von 1932 an zwei Érards der Jahrhundertwende. Es ist vielleicht die ironisch durchtriebenste Musik, die je in klassischer Form geschrieben wurde, Prokofjews Symphonie classique eingeschlossen, und dieser Aufnahme hört man an, dass Poulencs Crashs und Collagen auf durchdachter Vielschichtigkeit basieren.

Einem komprimierten Gewebe balinesischer Harmonik folgt das drängende Pathos eines Beethoven, der anmutet wie Clark Gable, der im Cabrio an der Côte d’Azur entlangrast. Dass dann die Sprungtöne der Klaviere abwechselnd durch Geigen und Tuba akzentuiert werden, bringt eine ungreifbare Komik in die Sache. Der Horizont kippt durch diese Klangkombination schon, ehe jäh eine schrille Rummelmusik einsetzt, die Poulenc dann in Dissonanzen erkalten lässt. Dass dieses Maximum an zitatsatter Exzentrik gerade so eben kohärent bleibt, hat etwas Berauschendes. Es ist, als lösten sich die Anführungszeichen auf, als erscheine im Medium der Ironie eine ganz eigene Wahrhaftigkeit.

Und die Musiker von Anima Eterna, die schon Ravels Bolero als Farbenwunder wie neu aus der Taufe hoben, zeigen, wie subtil, souverän, architekturbildend Poulenc eben nicht "instrumentiert", sondern mit Farben komponiert, mit ihnen Assoziationen erzeugt (Kirchenorgel, Kino, Musikautomat), Querverbindungen. Dabei hilft auch, dass die Klaviere, ohnehin milder im Klang als moderne Schlachtschiffe, von einer differenzierten Aufnahmetechnik ins Orchester eingebettet werden, dem im Finale, bei eher gemütlichem Tempo, leider die Schärfe der Solisten fehlt. Die Suite française und das Concert champêtre auf derselben CD sind moderate Stiladaptionen, die zu Poulencs Beliebtheit um 1960 wohl ebenso beitrugen wie zu seinem Verschwinden danach.

Aber mit seinem Doppelkonzert schrieb er genau die Sorte Camp, die Susan Sontag vermisste – und die wir brauchen. Denn Ironie steht derzeit unter Weltfluchtverdacht, und bei Poulenc kann man hören, was Oscar Wilde sagte: "Das Leben ist zu wichtig, als dass man ernsthaft darüber reden sollte."

Francis Poulenc: Konzert für zwei Klaviere (zigzag territories/Note 1)