Das Judas-Projekt – Seite 1

In der Welt des Ozimár Juruna ist ein Fluss etwas, das fließt. Der Fluss, wie Ozimár ihn sieht, liegt in seinem Bett, ruhig und friedlich. So lag er schon da, als Ozimárs Vorfahren die Ufer des Xingu besiedelten, hier, in der großen Schleife, die der Xingu macht, ehe er zwei Tagesreisen nördlich in den Amazonas mündet. Die Indianer vom Stamm der Juruna, sagt man, seien entstanden aus dem Fluss, vor vielen Hundert Jahren. Die Juruna haben ihn verteidigt gegen die Kayapó, die Arará, es waren blutige Kriege, die Seelen ihrer Toten leben in den Felsen. "Der Fluss", sagt Ozimár, "ist etwas, das man achten muss, man setzt dort keine Mauer aus Beton hinein."

Nebelschwaden hängen in der Morgendämmerung. "Ich habe keine Angst", sagt er. Ozimár steuert sein Kanu zwischen Büschen hindurch, die blühend aus dem Wasser ragen. Mit präzisen Bewegungen schlängelt er sich durch den Schaum der Stromschnellen, durch Sandbänke, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen. Ozimár war noch ein Kind, als ihn sein Vater in die Kunst des Navigierens einweihte, der Vater hatte sie vom Großvater gelernt, als ein Juruna nur ein Kanu brauchten, um zu überleben, ein Ruder, einen Pfeil, einen Bogen. "Meine Frau", sagt Ozimár, "hat mehr Geheimnisse vor mir als dieser Fluss."

"Ich gehe hier nicht weg", sagt er.

Ozimár Juruna, der vor etwa 42 Jahren in einer palmbedeckten Hütte am Flussufer geboren wurde, ist ein kleiner, drahtiger Mann, in dessen Augen sich das Wasser spiegelt. Jeden Morgen fährt er raus zum Fischen, jeden Nachmittag geht er zur Jagd oder aufs Feld. Es ist ein einfaches Leben, das im friedlichen Rhythmus des Xingu dahinfloss, bis die Männer seines Dorfes während einer Versammlung auf ihn zeigten. Ozimár, sagten sie, ist unser bester Redner. Er soll uns anführen im Kampf gegen dieses Monster, das hier, am Unterlauf, den Fluss austrocknen wird. Seitdem, sagt Ozimár, ist nichts mehr, wie es war.

In diesen Tagen erreichen ihn über den Funkkontakt, der sein Dorf zweimal am Tag mit der Welt verbindet, irritierende Nachrichten. Zwei Stunden stromaufwärts, heißt es, errichteten die ersten Arbeiter ihre Camps. Flöße kämen, beladen mit gewaltigen Maschinen. Ozimár weiß: Wenn er jetzt nicht handelt, dann schafft die Regierung Fakten.

"Wenn die Krawatten ernst machen", sagt er, "dann werden hier, unterhalb der Mauer, die Fische sterben, die Bäume in den Wäldern, die der Fluss ernährt, und wenn die Bäume sterben, dann sterben die Tiere, die von ihren Früchten leben. Wir werden nicht mehr jagen können, nicht mehr fischen. Wir kommen nicht mehr in die Stadt."

Er macht eine Pause.

"Dieser Fluss ist alles, was wir haben."

Und nun?

Der beste Redner des Dorfes Paquiçamba, gelegen an der Großen Schleife des Flusses, in die das Land Brasilien die drittgrößte Staumauer der Welt bauen will, blickt den Schmetterlingen nach, die über das Wasser flattern. "Ich weiß zwar, wie es ist, wenn man sich im Wald verläuft", sagt Ozimár. "Aber ich war nie im Krieg. Mein Bogen hängt in meiner Hütte, die Sehne ist gerissen, trotzdem werde ich kämpfen. Mein Leben gäbe ich für diesen Fluss. Ich brauche nur eine Idee."

In der Welt brasilianischer Politiker ist ein Fluss, der einfach fließt, ein ungenutztes Potenzial. Er ist Energieverschwendung, vielleicht sogar eine Gefahr. Als in der Nacht vom 10. auf den 11. November 2009 in 18 brasilianischen Bundesstaaten für mehrere Stunden der Strom ausfiel, saßen 40 Millionen Menschen im Dunkeln, in Rio de Janeiro steckte die Metro fest, Telefone fielen aus, die Bänder in den Fabriken standen still. Für ein Land, das von sich selbst erwartet, bald zu den größten Wirtschaftsnationen der Welt aufzuschließen, war es ein GAU. Der Aufschrei war so groß, dass Luiz Inácio Lula da Silva, der damals Präsident des Landes war, handeln musste.

Lula erklärte den seit 30 Jahren geplanten, aber niemals umgesetzten Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte zur Chefsache.

35 Millionen Haushalte soll das Kraftwerk, wenn es 2019 vollständig ans Netz angeschlossen sein wird, mit Strom versorgen. Es soll Energie liefern für die Bürotürme der großen Städte, die Fabriken, die das Bauxit, das in den Minen Amazoniens gefördert wird, in Aluminium verwandeln. 11.300 Megawatt soll Belo Monte liefern. Nur das im Grenzgebiet zu Paraguay gelegene Itaipú-Kraftwerk und der chinesische Drei-Schluchten-Staudamm leisten noch mehr.

Der Fluss soll am Eingang der Großen Schleife mit einem sechs Kilometer breiten Damm gestaut werden. Es geht um die Beschleunigung des Wassers, das die Turbinen in Bewegung setzt. Auf der Karte sieht es aus, als würde man die Sehne eines Bogens spannen, wobei die Sehne ein Kanal ist, für dessen Bau mehr Erde ausgehoben wird als zu Beginn des 19. Jahrhunderts beim Panamakanal.

"Ein Monument des Wahnsinns", sagt Erwin Kräutler, der Bischof ist in Altamira, einer staubigen Provinzhauptstadt, die bald am Ufer eines Stausees liegen wird, der die Ausmaße des Bodensees erreicht. 30.000 Menschen werden umgesiedelt, Rinderzüchter, Kleinbauern, die jetzt noch im Gebiet der Senke leben, die Indianerstämme der Juruna und der Arará, deren Dörfer heute noch in jenem Bogen des Xingu liegen, durch den demnächst nur noch ein Fünftel der eigentlichen Wassermenge fließen soll. Erwin Kräutler, ein Österreicher, der im vergangenen Jahr, auch wegen seines Einsatzes gegen den Damm, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, sagt, es werde Folgen haben, für die Fischbestände, den Wald, für Altamira, wo bald 300.000 Menschen leben werden, dreimal so viele wie heute. "Dieser Damm", sagt er, "ist eine soziale Bombe."

Heute braucht Brasilien keine Kredite aus dem Ausland mehr

Seit die brasilianische Militärregierung vor 30 Jahren das Projekt zum ersten Mal erwähnte, weckt es Ängste. Damals waren sechs Staustufen geplant, ihr Arbeitstitel war "Kararaó", ein Ausruf, mit dem die Kayapó in ihre Schlachten zogen. Eine Kriegserklärung. Ende der achtziger Jahre ging ein Foto um die Welt, das eine Kayapó-Frau zeigte, wie sie dem Chef des staatlichen Energiekonzerns die stumpfe Seite ihrer Machete durchs Gesicht zog. Es gab ein Konzert in Altamira, bei dem sich der britische Popsänger Sting mit den Indianern solidarisierte. Kräutler führte Gespräche mit der Weltbank, und irgendwann wurde der Druck so groß, dass das Ausland seine Kredite für den Bau zurückzog.

Erst Lula, der lange Zeit an Kräutlers Seite gegen den Damm gekämpft hat, holte die Pläne wieder hervor. Nach zahllosen Gerichtsverfahren, nach Dutzenden Studien blieb von den ursprünglich geplanten sechs Staustufen noch eine übrig, Belo Monte. "Um wachsen zu können", sagte Lula in seiner väterlichen Art, "brauchen wir Energie. Wir machen möglich, was vor 30 Jahren noch nicht möglich war."

Heute braucht Brasilien keine Weltbank mehr, keine Kredite aus dem Ausland. Die zehn Milliarden Dollar, die der Staudamm kosten soll, kommen von der staatlichen Entwicklungsbank, aus Pensionsfonds, aus dem sogenannten PAC, einem 380 Milliarden Euro schweren Investitionsprogramm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, mit dem Brasilien auch den Bau eines Schnellzugs zwischen Rio und São Paulo finanziert und fünf Atom-U-Boote, die Brasiliens Ölreserven schützen sollen. Dilma Rousseff hatte den Pensionsfonds verwaltet, ehe sie im Januar dieses Jahres das Präsidentenamt von Lula übernahm .

Im selben Monat trat der Chef des Umweltamts zurück. Er hatte Bedenken, dem Bau von Belo Monte zuzustimmen. Wenig später genehmigte sein Nachfolger das Projekt.

Im Jahr 2014 trägt das Land die Fußball-WM aus , 2016 folgt Olympia , und die Welt soll dann auf Brasilien blicken, den Herrscher über die Flüsse. Belo Monte, heißt es, sei wichtiger als all die neuen Fußballstadien. Es ist der Spiegel, vor den Brasilien tritt, um sich herauszuputzen für die weltumspannende Party, der Spiegel, in dem das Land sich selbst erkennt, seine Größe, seine Reife.

In Amazonien, am Fluss Xingu, erkennt man all die Widersprüche eines Landes, das sich, angetrieben vom Durst nach Rohstoffen und Zukunft, immer tiefer in die eigenen Provinzen dehnt, in Gegenden, in denen es gegen die eigene Tradition kämpft. Tief in seinem Innern trifft man auf Menschen wie Ozimár Juruna, die keinen Begriff von Wirtschaftswachstum haben.

Seit Anfang Juli walzen die ersten Planierraupen über die Transamazônica. Männer in orangefarbenen Overalls teeren den roten Lehm auf dem Wegstück zwischen Altamira und dem künftigen Staudamm, über das jetzt immer mehr Bagger, Lastwagen und Kräne rollen. An Kilometer 48 entsteht ein Pionierlager. Metallisch schimmernde Zelte werden dort errichtet, darin die Büros, die Betten für die erste Welle von Arbeitern. 300 kommen jede Woche hinzu, irgendwann werden es 20.000 sein, "auf der größten Baustelle Brasiliens", sagt Luiz Fernando Rufato, Diretor de Construção, "wenn nicht sogar der Welt".

Rufato ist der Bauherr, bei ihm läuft alles zusammen. Er sitzt im Vorstand eines Konsortiums, das sich Norte Energia nennt und angeführt wird von den staatlichen Energiefirmen Elektronorte und Elektrobras. Sein Büro liegt in einer Art Baracke, am Eingang steht ein Mann mit einer Waffe.

Über Rufatos Bauch spannt sich ein lehmverschmiertes Polohemd. Wenn man ihn nach seinem Alter fragt, dann sagt er, dass er das Leben nicht in Jahren messe, sondern in Megawatt. 15.000 hat er installiert. Zuletzt hat er das Kraftwerk in Balbina in den Regenwald gesetzt, davor war er in Tucuri. Er führt das Leben eines Baustellennomaden, das die Haare früh ergrauen ließ.

"Ist alles ziemlich viel", sagt er.

Die Indianer haben Kriegsbemalung im Gesicht, aber sie wirken lethargisch

Gestern war er in Brasília, der Transportminister und 15 seiner Mitarbeiter waren plötzlich zurückgetreten, Korruption. Danach hieß es, dass alle Bauvorhaben eingefroren würden. Rufato eilte hin, in Sorge, dass er in Verzug geraten werde. "Tu mir das nicht an", bat Rufato den neuen Mann im Ministerium, und der versprach ihm, alles schnell zu regeln. Rufato lächelt. "Ein Freund von mir", sagt er. "Wir waren schon zusammen in Tucuri."

Dann beginnt Rufato einen langen Vortrag über den Sinn der Wasserkraft . Brasilien, sagt er, habe heute eine installierte Leistung von 110.000 Megawatt. Lege die Wirtschaft weiter so zu wie bisher, würden im Jahr 2020 rund 160.000 gebraucht.

"Wo kriegen wir die her?", fragt er.

Er breitet eine Karte aus.

"Hier", sagt er und zieht mit dem Kuli eine Linie über den Grat, wo die großen Flüsse, die im Hochplateau von Mato Grosso ihre Quelle haben, in das Amazonastal hinunterkippen.

"Eine gigantische Batterie. Ein Potenzial, das unserem Volk gehört."

Er lächelt. "Wasser", fährt er fort, "ist billig. Es ist erneuerbar, grüne Energie. 80 Prozent unseres Stroms kommen aus dem Wasser, im Rest der Welt sind es gerade einmal 18."

Rufato hat für alles eine Zahl, eine Karte oder eine Infografik. Immer wieder formt er die Natur nach seinen Vorstellungen. Plötzlich klopft sein Kumpel Walter Andrade an die Tür.

"Und", fragt Andrade, "gehen wir heute Abend Cachaça trinken?"

"Ich trink nicht mehr", sagt Rufato.

Andrade hat zuletzt die Sanitäranlage einer Dorfschule instand gesetzt, die gleich neben dem Pioniercamp liegt. Überall machen sie jetzt solche Dinge, sie bauen Krankenhäuser, Kläranlagen, sie heuern Köche an, die künftig 70.000 Essen zubereiten sollen, Betonmischer, Dachdecker, Sicherheitsleute. Sie bilden Sekretäre aus für die Bürgermeisterei von Altamira. "Die Regierung", sagt Rufato, "ist hier nicht präsent. Wir machen ihren Job. Wir entwickeln die Region."

Was ist mit den Indianern?

"Die Krawatten kommen, um unsere Tiere zu jagen"

Rufato, der eine Stunde lang ohne Unterbrechung geredet hat, wird wortkarg. Er spricht von einem Kran, der die Indianerkanus über die Staumauer hieven könne. "Mal sehen", sagt er, dann muss er los. Am Ende vermittelt er noch einen Helikopterrundflug, auf dem ein Mann von Norte Energia sagen wird, es gebe kein Problem mit den Indianern. Ozimárs Leute seien geschlossen für den Damm.

1985 endete die Militärdiktatur in Brasilien. Als drei Jahre später eine neue Verfassung geschrieben wurde, erstritten die sozialen Bewegungen, angeführt von Männern wie dem Bischof Kräutler oder dem späteren Präsidenten Lula, neue Rechte für die Indianer. Ausgehend von dem Gedanken, dass die Kultur der Indios als eigenständig anzusehen sei, gewährte man ihnen unter anderem das Recht, in den Gebieten ihrer Vorfahren zu siedeln. Um diese Gebiete wurden Grenzen gezogen, und wenn die Regierung diese Linien überschreiten will, etwa um einen Damm zu bauen, dann ist sie verpflichtet, die hinter der Grenze lebenden Indianer anzuhören.

Der Geist dieser Artikel sagt, dass die Betroffenen mit einbezogen werden sollen in eine Entscheidung.

Es war der Versuch, Unrecht wiedergutzumachen, abzuschließen mit den Massakern der Vergangenheit, mit den Mörderbanden der Kautschukbarone, die Hunderte von Indianerstämmen auslöschten oder als Sklaven in die Zivilisation zwangen.

Die Juruna zählten in der Mitte des 19. Jahrhunderts 500 Familien. 32 existieren heute noch. Nachdem die Militärregierung in den siebziger Jahren die Straße in den Dschungel schlagen ließ, um Amazonien zu besiedeln, zerrte man Ozimárs Vater als Arbeiter auf eine Rinderfarm. Ozimár, dessen Mutter eine Weiße war, spricht wie alle anderen in Paquiçamba die Sprache seines Volkes nicht. Er hat noch nie davon gehört, dass die Juruna aus dem Fluss entstanden sein sollen. Seine einzige Verbindung zur Vergangenheit ist die geheime Wissenschaft des Navigierens.

Paquiçamba, eine kleine Ansammlung von Holzhütten am Ufer des Flusses Xingu, ist aus dem Geist der neuen Zeit entstanden. Die Regierung gab den Indianern des Stammes der Juruna diesen Ort, um ihre Familien wieder zu vereinen, die seit dem Bau der Transamazônica zerstreut in der Großen Schleife siedelten. Sie gab ihnen ein eigenes, 10.000 Hektar großes Waldgebiet, ein paar neue Kanus, Fernseher, die von Solarzellen betrieben werden – und eine Grenze, die niemand übertreten darf.

"Was glaubt ihr eigentlich, was 5.000 Männer machen, deren Camp gleich hinter eurer Grenze liegt?", fragt eine junge Frau namens Renata Pinheiro unter einem großen Mangobaum. Pinheiro trägt eine Brille und hat ihr langes Haar zu einem strengen Zopf gebunden. Sie arbeitet in Altamira für eine Organisation, die den Widerstand gegen das Kraftwerk koordiniert.

"Was glaubt ihr also, was sie tun?"

"Die Krawatten kommen, um unsere Tiere zu jagen", sagt Ozimár, der ausgestreckt im Sand liegt.

"Sie holen unsere Töchter", sagt ein anderer, der ein Trikot des Fußballklubs Flamengo trägt, und die etwa 30 Männer, die sich in der Mittagshitze unter dem Baum versammelt haben, nicken schläfrig. Einige haben sich mit der Urucum-Frucht rote Streifen ins Gesicht gemalt, die Kriegsbemalung ihrer Vorfahren, aber sie wirken seltsam unbeteiligt, lethargisch.

"Glaubt ihr also, dass es stimmt, was die Regierung sagt?", fragt Renata Pinheiro. "Stimmt es, dass man euch nicht anhören muss?"

Die Männer murmeln leise.

Plötzlich hat der Dorfälteste ein größeres Boot als alle anderen

Niemand hier glaubt, dass Paquiçamba nicht betroffen sein werde vom Bau des Damms. Die Camps der Arbeiter befänden sich außerhalb ihres Gebiets, sagen die Politiker. Der Fluss bleibe erhalten, auch wenn er kaum noch Wasser mit sich führe. Es sei nicht nötig, jemanden zu schicken, um die Juruna anzuhören.

Aus der Sicht von Ozimár ist das eine formale Argumentation, die an der Wirklichkeit vorbeigeht. Natürlich sei das Territorium betroffen. Weder Ozimár noch irgendjemand anders glaubt daran, dass er 2015, wenn der erste Teil des Kraftwerks in Betrieb geht, noch in Paquiçamba leben wird. "Es wäre unser Ende", sagt Ozimár.

In der Hauptstadt Brasília gibt es Leute, die meinen, dass die Juruna keine Indianer mehr seien, sondern Weiße. Das würde bedeuten, dass die Indianerrechte für die Juruna nicht zu gelten hätten. Diese Leute glauben, dass ein Gericht das Dorf enteignen könnte, im Interesse der Nation, so wie die Gerichte auch all jene Bauern im Gebiet der Senke enteignen, die sich weigern, wegen des Kraftwerks Belo Monte ihre Felder aufzugeben.

Der neue Chef des brasilianischen Umweltamtes verriet die wahren Absichten durch ein Versehen. Er hatte einem australischen Fernsehteam gerade ein Interview gegeben, und er merkte nicht, dass die Kamera noch lief, als er erklärte, dass Brasilien mit seinen Indianern so verfahren werde wie Australien mit seinen Aborigines.

Es ist ein eigenartiger Zynismus. Von Paquiçamba aus betrachtet, keine 15 Kilometer Luftlinie entfernt von den anrollenden Baggern, wirkt der Verfassungstext von 1988 wie ein Unfall der Geschichte. Er wirkt wie ein Missverständnis aus den Tagen, als Brasilien noch glaubte, genug Raum zu haben, um sich die Anerkennung einer Minderheit leisten zu können. Niemand ahnte damals, dass es ein Problem sein könnte, wenn irgendwo im Urwald hundert Mann auf einer Erzader sitzen oder am Ufer eines Flusses.

"Was können wir also tun?", fragt die Aktivistin Pinheiro in die Runde der wortkargen Männer.

Überall werden Keile in Dorfgemeinschaften getrieben

Ozimár blickt schweigend auf den Boden. Ein Greis zerklatscht einen Moskito auf seinem Bein, aus einer Hütte dringt die alles vernebelnde Geschwätzigkeit einer Telenovela herüber. Pinheiro wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. "Gut", sagt sie. "Ich hab ein paar Ideen mitgebracht."

Sie schlägt vor, dass die Juruna gemeinsam mit den Arará, die auf der andern Uferseite siedeln, einen Brief schreiben an die Stammesbrüder von den Kayapó, in dem man sie um Unterstützung bittet. Außerdem, sagt sie, plane ihre Organisation eine Demonstration in Altamira, dann, wenn das Steuerungskomitee von Norte Energia tagt. Schließlich erwäge man eine Blockade der Transamazônica, auf Höhe eines Dorfes, in dem noch ein paar andere Juruna leben. Die Straße ist das Nadelöhr, durch das Norte Energia seine Bagger schleust. Das gebe gute Bilder, sagt Pinheiro, brennende Autoreifen, Kriegstänze, die internationale Presse werde kommen.

"Und?", fragt sie.

Während Ozimár das Schreiben aufsetzt, steht Manoel Pereira Juruna im Schatten seiner Hütte und drischt mit der Machete auf den Kopf eines Tapirs ein, den sein Sohn bei der Jagd geschossen hat. Als Dorfältester wäre es seine Aufgabe, jetzt einen Rat auszusprechen, er müsste die Richtung weisen.

Warum ist er nicht bei den anderen?

Er könne nicht gut sitzen, murmelt er und langt in den offenen Kopf des Tieres.

"Neun Schuss!", sagt er. "Für einen Tapir!"

Was hält er von dem Kraftwerk?

Er zuckt mit den Schultern.

"Wenn die Jungen wirklich in den Krieg wollen – von mir aus, sollen sie. Ich halte mich da raus."

Später erzählt Ozimár, dass Vertreter von Norte Energia beim Dorfältesten in der Hütte waren, vor gut zwei Jahren. Sie hätten ihm Geld bezahlt, 10.000 Reais, rund 5.000 Euro, damit er das Dorf in eine Richtung lenkt, in der man miteinander klarkommt. Niemand habe davon gewusst. Er habe sich gewundert, sagt Ozimár, als der Dorfälteste plötzlich mit einem Boot aus Altamira kam, das größer war als die Boote der anderen. Er trug auch eine neue Armbanduhr. Als ein Mann von Norte Energia den Dorfbewohnern bei einem späteren Besuch erklärte, dass das Geld für alle bestimmt gewesen sei, kam es zum Streit. Ehen, sagt Ozimár, seien zu Bruch gegangen, Familien seien weggezogen. "Früher", sagt er, "war bei uns ein Stein ein Stein. Heute ist es so, dass etwas an einem Tag ein Stein ist und am nächsten Tag ein Stück Holz."

Der Ingenieur Rufato nannte das Kraftwerksprojekt Belo Monte den "Ablösungsprozess mit den wenigsten Konflikten".

Überall, hört man, seien seine Leute derzeit unterwegs, man hört es in den Dörfern entlang der Transamazônica, bei den Rinderfarmern in der Senke, bei den Flussanrainern. Sie zählen Bäume, Viehbestände, Boote, und dann bieten sie eine Summe, um die Menschen leise von ihren Grundstücken zu entfernen. Überall werden Keile in Dorfgemeinschaften getrieben, reden Menschen nicht mehr miteinander, nur noch übereinander. Paquiçamba wirkt wie ein Dorf, das seinen inneren Kompass verloren hat, ideenlos, orientierungslos. Wie will Renata Pinheiro diesen Ort in ein Widerstandsnest verwandeln?

Ein paar Tage später sitzt sie, die ihre Kollegen "das Mädchen mit dem weißen Laptop" nennen, in ihrem Büro in Altamira und versucht, ein großes Boot zu finden, mit dem man die Juruna in die Stadt bringen könnte, am Tag der großen Demo.

"Und?", fragt ihr Kollege Ruy, der sich bis vor Kurzem als Musiker in einer Band versucht hat und jetzt die Pressearbeit erledigt.

"Wieder nichts", sagt Pinheiro. "Dieser hier hat seine Boote letzte Woche zum doppelten Preis an Norte Energia verkauft. Sie brauchten ein Geschenk, für irgendein Dorf unten am Fluss."

Pinheiro lächelt gequält.

Zwei Jahre ist sie jetzt in Altamira, und sie sagt, sie habe sich das alles nicht so schwierig vorgestellt. Pinheiro ist Umweltwissenschaftlerin, sie hat in Kanada studiert und dann in Mato Grosso mit Indianern gearbeitet, ehe sie beim Weltsozialforum in Belém auf Bischof Kräutler traf, der ihr den Job bei Xingu Vivo vermittelte, einer kleinen Nichtregierungsorganisation, die seit Jahren gegen Belo Monte kämpft. Renata Pinheiro hat ihren Freund verlassen, "für die Ideologie", sagt sie. Sie wollte etwas Gutes tun und dachte, mit all den Argumenten, die sie habe, werde dieser Kampf zu gewinnen sein.

Das Programm des Staatspräsidenten Lula hieß "Licht für alle"

Sie steht auf und zieht eine Studie aus dem Regal, die 42 renommierte brasilianische Wissenschaftler geschrieben haben. Darin ist die Rede von Hunderten Fischarten, die der Damm in ihrer Wanderung behindert, von 100.000 Schildkröten, die ihn nicht überleben werden. Es wird ausgeführt, dass die Energie, die durch die Wasserkraft gewonnen wird, kaum sauberer ist als die aus Kohle oder Öl gewonnene, weil die Bäume, die am Grund der Stauseen im Wasser faulen, riesige Mengen an Methan freisetzen. Wenn das Kraftwerk eines Tages steht, werden die Ingenieure weiterziehen. All die Fahrer aber, die Friseure, Wachmänner und Köche werden bleiben, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Es wird so sein wie in Balbina und in Tucuri, sie gehen in den Wald, holen das Mahagoni, und dann roden sie die Reste und stellen ein paar Rinder auf die Wiese. Auch wegen dieser Studie, sagt Pinheiro, ist im Januar der alte Chef des Umweltamtes zurückgetreten.

Es gibt noch eine andere Studie. Darin haben die Naturschützer vom WWF errechnet, dass sich Brasilien 14 Kraftwerke vom Typ Belo Monte sparen könnte, wenn es in eine effizientere Verwendung seiner Energie investieren würde.

Es ist ein Irrsinn, sagen viele, dass das Kraftwerk aufgrund der langen Trockenzeit nur während drei Monaten im Jahr vollständig ausgelastet sein wird. Im Jahresdurchschnitt produziert es gerade mal ein Drittel dessen, was es produzieren könnte, wenn der Fluss die ganze Zeit voller Wasser wäre. Wohl auch deshalb, vermuten sie, haben sich die drei größten Baufirmen des Landes aus dem Konsortium zurückgezogen, Odebrecht, Andrade Gutierrez und Camargo Corrêa. Weil es sich für sie nicht rechnet, sind sie jetzt Dienstleister und nicht mehr Teilhaber.

"Sie haben den Fluss verkauft, um selbst zu überleben"

Es gibt viele Argumente, die gegen Belo Monte sprechen, gute Argumente, aber dennoch sieht es so aus, als schwinde Renata Pinheiros Kraft. In Chile waren im Frühjahr jede Woche 40.000 Menschen auf der Straße, um gegen einen Staudammbau zu protestieren. Wenig später gab in Peru der Präsident dem Druck der Straße nach und setzte den geplanten Bau des Inambari-Staudamms aus. In Brasilien liefen an einem Sonntag Anfang Juli kaum 2.000 Menschen gegen das Projekt Belo Monte durch São Paulo, während zeitgleich zwei Millionen Evangelikale bei einer Prozession durch die Straßen zogen.

"Uns ist die Basis weggebrochen", sagt Pinheiro, und sie meint damit nicht die Leute, die in Altamira vor den Büros von Norte Energia Schlange stehen, um sich auf eine Stelle zu bewerben. "Die Spaltung reicht viel tiefer", sagt sie, und das liegt auch an dem doppelzüngigen Lula, dem großen Übervater, der inzwischen als Generalsekretär der Vereinten Nationen gehandelt wird.

Vor gut zwei Jahren gab es ein denkwürdiges Treffen im Präsidentenpalast von Brasília, an dem auch Ozimár Juruna teilnahm, der gerade den Dorfältesten als Sprecher der Gemeinschaft gegen Belo Monte abgelöst hatte. Über eine Stunde trugen sie Lula ihre Argumente vor, und Lula war sprachlos. Das alles, sagte er, geschehe ohne sein Wissen. Dann versprach er, das Kraftwerk werde ohne eine Anhörung der Indianer nicht gebaut. "Ich werde es euch nicht in den Hals stopfen", mit diesen Worten wurde Lula in Zeitungen zitiert. Das war im Juli 2009. Im November folgte der große Stromausfall. Im Sommer 2010 kam Lula ins Sportstadion von Altamira, um ein paar Dinge klarzustellen.

Abgeschirmt von hundert Polizisten, sprach er über ein Programm seiner Regierung, das sich "Licht für alle" nennt. Lula sprach von der Wichtigkeit des Bergbaus, von Belo Monte, von neuen Kraftwerken am Rio Tapajós. Dann spottete er über die Demonstranten, die draußen vor dem Stadion standen. "Es sind junge, irregeleitete Idealisten", rief er, die so naiv seien, wie er es selbst früher gewesen sei. Als Kind, erklärte Lula, habe er gedacht, dass ein Staudamm die Erdachse verschieben könne. Er lachte, und dann spielte er auf den Hollywood-Regisseur James Cameron an, der sich bei der Widerstandsgruppe Xingu Vivo engagiert. "Wir brauchen keine Gringos", sagte Lula, "die ihre Nase in Dinge stecken, die sie nichts angehen." Hugo Chávez, der Präsident Venezuelas, hätte es kaum drastischer formuliert.

Es war eine Kehrtwende.

Es waren die sozialen Bewegungen, die Lula vor neun Jahren an die Macht gebracht hatten, all die Bauerngruppen, Landlosenvereinigungen, Studenten, die sich für Indigene oder Umweltrechte einsetzten. Lula, der frühere Gewerkschafter, gab ihnen Einfluss, plötzlich zählte ihr Wort, aber ebenso hingen sie finanziell an seinem Tropf. Deshalb schwiegen sie, wenn ihr Präsident die Nähe zu Wirtschaftsbossen suchte. Wenn er zusah, wie die Sojaindustrie den Regenwald platt walzte . Sie schwiegen, als Marina Silva, eine Ikone der Bewegung, als Umweltministerin zurücktrat, weil sie nicht mehr das Alibi der Regierung sein wollte. Und so schwiegen sie auch jetzt, im Stadion von Altamira.

"Sie haben den Fluss verkauft, um selbst zu überleben", sagt Renata Pinheiro, die man damals nicht ins Stadion ließ. Erst kürzlich, sagt sie, habe sie einen Abgeordneten von Lulas Partei getroffen, einen Mann, der Zé Geraldo heißt und 30 Jahre lang ein Kopf des Widerstandes war. Der Fluss wird sterben, sagte Pinheiro, aber Geraldo entgegnete, er schaffe Leben, er produziere Energie.

"Verräter", murmelt sie.

Pinheiros Organisation hat sich losgesagt von den anderen Gruppen, die Lulas Kehrtwende gefolgt sind. Ihr altes Büro mussten sie kurz nach Lulas Stadionauftritt räumen. Jetzt haben sie drei dunkle Räume, gegenüber einem Hotel, in dem der Konzern Norte Energia seine Gäste unterbringt. Sie sind zu dritt, Pinheiro, Ruy und André. Antônia Melo, die Gründerin der Initiative, schleicht nur noch wie ein Geist durch das Büro. Einen anderen Kollegen, der Depressionen hat, haben sie ins Sabbatical geschickt. Ein Mitarbeiter, der eigentlich im Juli neu beginnen sollte, ist bis heute nicht bei ihnen aufgetaucht.

Es ist ein Phänomen, das nicht nur Altamira lähmt. Überall scheint es, als löse sich etwas auf, als zerfalle das, was mal die Opposition war, ein kritischer Geist, der Dinge anders sieht, der Alternativen sucht. Es scheint, als sei es inzwischen nicht mehr möglich, der Wachstumspolitik, die in den letzten Jahren drei Millionen Jobs geschaffen hat, etwas entgegenzusetzen, einem Mann, der am Ende seiner Amtszeit als Staatspräsident 90 Prozent Zustimmung hatte, einer Frau, die auf seiner Welle weiterreitet. Wer dem nicht folgen will, der fällt aus dem System. Es ist, als wäre Brasilien ein Einparteienstaat.

"Die Leute tauschen ihre Ideale gegen Autos oder Studienplätze der Kinder"

Eigentlich müsste ihr Kampf in die heiße Phase gehen, aber Renata Pinheiro sagt, sie wolle weg aus Altamira, sie könne nicht mehr. "Die Leute", sagt sie, "tauschen ihre Ideale gegen Autos oder gegen Studienplätze für die Kinder. Jeder Einzelne hat seinen Preis, es ist aussichtslos."

Was hilft jetzt noch?

"Wenn jetzt noch etwas hilft", sagt sie, "dann die totale Konfrontation. Man brauchte Bilder, die ausländische Regierungen wachrütteln."

Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó

Renata Pinheiro hat an diesem Tag kein Boot mehr aufgetrieben. Später erfährt sie über Funk aus Paquiçamba, dass sie keines mehr brauchten. Ozimár sagt ihr, dass die Juruna ihren Plan geändert hätten: Anstatt zur Demo fahren einige von ihnen jetzt zum Oberlauf, wo ein paar Juruna leben, die sich im vergangenen Jahrhundert abgespalten haben. Ozimár sagt, sie wollten ihre Sprache lernen. Wieder ein paar Tage später erfährt Pinheiro, dass das Steuerungskomitee von Norte Energia eine Woche später tagen soll. Das heißt, sie müssen umplanen, neue Flyer drucken, und auch mit ihrer Straßenblockade ist Pinheiro noch nicht weiter. Sie brauchte jemanden, der sie darüber informiert, wann das nächste Floß von Norte Energia aufbricht, um Maschinen anzuliefern, aber sie findet niemanden, der Zeit hat.

Draußen, in den Straßen vor ihrem Büro, öffnen neue Rechtsanwaltskanzleien. An der Uferpromenade hat ein Fitnessstudio aufgemacht. Überall hängen jetzt die neuen Straßenschilder, es gibt 108 neue Ampeln, 150 neue Polizisten, und am sogenannten Tag des Taxifahrers, den man in Altamira feiert, spendiert Norte Energia jedem Fahrer hundert Liter Benzin.

Der Stadtplaner, ein ehemaliger Goldsucher und Bruchpilot der Luftwaffe, sagt, man solle in zwei Monaten noch einmal wiederkommen, dann werde man Altamira nicht mehr wiedererkennen.

Wie wird die Stadt dann aussehen?

"Wenn ich das wüsste", sagt er. "Alles passiert gleichzeitig. Planning by doing."

3.000 Menschen, die eine Arbeit suchen, kommen jetzt jeden Monat neu hinzu, die meisten aus dem armen Norden. Die Bürgermeisterin, eine ehemalige Schönheitskönigin, sagt, die Stadt bemühe sich, ihnen Rückfahrtickets auszustellen. Sie wüssten nicht, wohin mit diesen Leuten, die Krankenhäuser seien überlastet. Viele haben angefangen, die Hügel an den Rändern Altamiras abzufackeln. Überall entstehen neue Siedlungen, wuchern die Favelas. Dann geht das Gerücht um, die Kayapó seien gekommen.

Die Kayapó sind das berüchtigtste Indianervolk Brasiliens, 6.000 Menschen, die ihren Ruf als stolze Krieger in die neue Zeit gerettet haben. Eine Kayapó war es, die dem Chef der Energiefirma Ende der achtziger Jahre ihre Machete durchs Gesicht zog. Es waren Kayapó, die einem Ingenieur von Norte Energia auf einer Versammlung das Hemd durchschnitten und ihn an den Haaren aus dem Saal schleiften. Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó, die anders als die Juruna noch immer leben wie vor 100 Jahren, 1.000 Kilometer weit entfernt vom Damm. Sie treibt die Angst nach Altamira, dass die alten Pläne aktuell werden, wenn das Kraftwerk erst mal steht. Es geht ihnen ums Prinzip.

Vor ein paar Wochen standen sie im Hof eines Hotels nahe dem Flussufer, fünf Indianer, die nichts als eine Hose trugen, langhaarige, bemalte Männer, über deren dicke Kugelbäuche breite Narben liefen. Sie saßen auf Plastikeimern, tranken Cola und schnorrten alle zehn Minuten eine Zigarette. Ruy war dabei, der Musiker der Organisation Xingu Vivo, und er stöhnte. Er hatte ihnen Essen gebracht, am nächsten Tag besorgte er ihnen T-Shirts, eine Machete und fünf Hängematten, die sie jetzt auf einer Sandbank ausgebreitet haben.

Es ist Nacht, ein Lagerfeuer brennt. Es ist die Stelle, an der bald eine Mauer aus Beton stehen wird. Eigentlich waren sie gekommen, weil die Juruna sie gerufen hatten, aber die Nachricht, dass die Juruna zu ihren Verwandten abgereist sind, kam zu spät. Jetzt wollen sie einen Ort finden, an dem sie ein Protestcamp bauen können. Tausend Kayapó sollen dort leben, dauerhaft, gleich neben dem Damm, sagt Niangao Kayapó, der Anführer der fünf Männer.

Niangao ist ein Mann mit feinen Gesichtszügen, er trägt eine Brille. An seinem Gürtel steckt eine Digitalkamera. Niangao, der das Konzert mit Sting organisierte, ist heute Sprecher aller Indianervölker im Bundesstaat Pará. Auch deshalb, sagt er, sei er hier, aus einem Verantwortungsgefühl.

Er sagt: "Ich spüre eine Wut in mir. Ich spüre, dass es Tote geben wird. Arbeiter und Indianer. Der Fluss wird bluten."

Wann wird das Protestcamp stehen?

"Es wird noch dauern", sagt Niangao. "Wenn Deutschland zahlt, könnte es schneller gehen."

16.000 Dollar hat es die Initiative gekostet, die fünf Indianer vom Oberlauf hierherzubringen, die Flüge, die Miete für das Boot, der Sprit. Das Camp, schätzt Niangao, koste eine halbe Million Dollar. Es ist Geld, das sie nicht haben. Wenn Deutschland zahlt – Niangao sagt es so, als wäre eine halbe Million Dollar eine Hängematte, die man schnorren könnte. Als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass die Weißen weiter für ihre Schuld bezahlen. Niangao hat nicht mitbekommen, dass sich die Welt verändert hat.

Das Kapital der Indianer, das Mitleid, das die Welt mit ihnen hatte, ist aufgebraucht. Brasilien ist zu groß geworden. Es ist heute kein Dritte-Welt-Land mehr, bei dem man es sich leistet, auf die Einhaltung der Menschenrechte hinzuweisen. Es ist ein Geschäftspartner, bei dem man über manche Dinge schweigend hinwegsieht.

Am nächsten Morgen brechen die fünf Indianer schon bei Sonnenaufgang auf. Sie gleiten mit der Strömung von der Sandbank an das Ufer. Dann nehmen sie ihre Speere, laufen eine Biegung hoch und blicken sich um: eine Hüttensiedlung von Norte Energia, in der Bauarbeiter wohnen, daneben eine Wiese. Dies soll der Ort sein, an dem ihr Lager stehen wird. Sie gehen auf die Hütten zu. Ein Wachmann öffnet das Gatter. Auf einer Veranda bilden sie einen Kreis und führen einen Kriegstanz auf. Niangao schreit etwas, das sehr entschlossen klingt. Etwas abseits steht der Chef der Bauarbeiter. Er wartet höflich, bis sie fertig sind. Dann fragt er: "Kaffee?"