Wer von Salzburg aus in Richtung Osten fährt, der erreicht nach knapp zwanzig Kilometern Fuschl, einen verträumten Ort an einem türkisgrünen See. Hier fällt der Blick auf die futuristische Vulkan-Architektur des Red-Bull-Hauptquartiers – diese ist bis auf Weiteres das letzte Zeugnis der Moderne, ja von Leben überhaupt. Denn wer hier die Hauptstraße verlässt und nach rechts abbiegt in die Tiefe des Elmau-Tals, der denkt schnell: Hier ist man dem Ende der Welt ziemlich nahe. Ein paar Höfe, drei Kühe und ein Turbo-Traktor, der in schneller Fahrt durch die Kurven fliegt. Dann schließen sich dichte Bäume über dem Weg. Irgendwann, kaum sichtbar, führt eine Spur nach links, ein Waldweg ins Dickicht. Privat, Zutritt verboten, dahinter eine Schranke. Hier also ist es. Das Jagdhaus mit dem alten, 1730 erbauten Heustadel schräg dahinter. Ein rustikales Ensemble aus knarrenden Dielen und Stiegen, mit einem alten Kamin im Wohnzimmer und Fotos in Silberrahmen ohne Zahl. Hier wohnt Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, die "Fürstin", die "Manni", die "Mamarazza" oder "Förschtl", wie ihr engster Freund Gunter Sachs sie nannte.

An der Bar des Palace Hotels in St. Moritz lernten sie sich 1971 kennen. In jener Nacht zeigte das Fernsehen den Boxkampf Joe Frazier gegen Muhammad Ali. Sie fieberten mit Frazier, darüber kamen sie ins Gespräch, bald redeten sie auch über alles andere. Vierzig Jahre ging das so.

Von Salzburg aus Richtung Osten, ob mit dem Auto oder dem Hubschrauber – wenn die Fürstin während der Festspielzeit von Juli bis September handschriftlich "zu einem ländlichen Mittagessen" einlud, dann wurde tout Salzburg nervös. Alles, was in den gehobenen Kreisen Dirndl hatte, Janker und Kniebundhosen besaß, fragte sich jetzt bang, stehe ich noch auf ihrer Liste, bin ich wieder dabei? Fast 40 Jahre ist das so gewesen. Mozart und Manni – das ist nun Vergangenheit. Ein Jahr ist es her, dass sie sich von der großen Bühne verabschiedet hat, knapp vier Monate, dass sich ihr Freund das Leben nahm.

18.000 Personen und ebenso viele Schnitzel mögen es alles in allem gewesen sein, wie Gunter Sachs bei Gelegenheit hochgerechnet hat. Curd Jürgens war einer der Ersten, der sich im offenen Rolls zu ihr hinausfahren ließ, auf der Holzbank im Garten zum Kartoffelsalat griff und danach vor dem Stadel den Jedermann-Text repetierte. Ihm folgten Leonard Bernstein, Margaret Thatcher, Sean Connery, Bianca Jagger, Bob Wilson, Dennis Hopper und ebenso Prince Charles mit Camilla – 100 Personen fasste das weiße Zelt in Spitzenzeiten. "Der Herr Duschl aus München" schaffte es verlässlich herbei. Anfahrt und Aufstellen, nach sechs Wochen Abbau und Abfahrt. Herr Duschl bekam 1.000 Euro dafür, eine Brotzeit mit der Fürstin alleine auf der Terrasse war die Bedingung für den Freundschaftspreis.

Die 91 Jahre sieht man ihr nicht an, auch nicht die Anstrengungen, die der Festspielsommer des Jahres 2011 doch wieder mit sich gebracht hat. Ausstellungen mit ihren Porträt-Fotos hat sie eröffnet, eine in Salzburgs Hotel Zum Goldenen Hirschen, die andere in der Galerie Budja schräg gegenüber dem Festspielhaus. Von den Mittagessen im großen Kreis bei sich daheim hat die Fürstin dagegen Abstand genommen. Das Zelt, das neben dem Haus steht, ist kleiner geworden. Aber Salzburg ohne sie? Wer hielte das Ganze dann noch zusammen?