DIE ZEIT: Herr Richter, wie kann es sein, dass einer wie Sie sich vor die Leinwand stellt und malt?

Daniel Richter: Warum sollte ich denn nicht malen, ich mache das gern.

ZEIT: Ich frage, weil die Malerei als altmodisch und reaktionär gilt, jedenfalls bei denen, die sich im Kunstbetrieb für progressiv halten.

Richter: Na ja, vielleicht haben die Kritiker ja recht, die meiste Malerei ist wirklich ein bisschen doof.

ZEIT: Sie sind’s aber nicht?

Richter: Jedenfalls nicht doofer als viele vermeintliche Progressive, die sich die Malerei als konservatives Feindbild aufbauen. Als ob nicht Videokünstler, Fotografen, Bildhauer auch permanent Kitsch und Binsenweisheiten produzieren würden.

ZEIT: Und warum ist gerade die Malerei verpönt?

Richter: Das mag daran liegen, dass der Maler immer noch als Genie gehandelt wird, einsam schaffend vor der Leinwand – und nichts ist ja verhasster als das Genie. Ich kenne zwar keinen einzigen Künstler, der sich so sieht. Ich kenne auch keinen Maler, der einen anderen Maler ein Genie nennen würde. Trotzdem wird dieser Popanz aufgebaut.

ZEIT: Täusche ich mich, oder spielen Sie mit diesem Popanz? Jetzt malen Sie sogar Landschaftsbilder – so ziemlich das Perverseste, was ein fortschrittlicher Maler machen kann, oder?

Richter: Es stimmt, Landschaft, Porträt und Akt sind die tabuisierten Anachronismen der Gegenwartsmalerei. Dabei ist doch unwichtig, was ein Bild zeigt, entscheidend ist, wie es gemalt ist. Sonst könnte ich ja die ganze Malereigeschichte achselzuckend abtun, sind ja immer nur Gesichter drauf und Körper, also alles schon mal da gewesen. Wie borniert kann man denn sein?

ZEIT: Warum aber die Tabus, was steckt dahinter?

Richter: Keine Ahnung. Wenn ich ein Porträt male, finde ich mich in der unangenehmen Situation wieder, dass plötzlich jemand anderes mit einem im selben Raum ist. Wenn man nicht nur Chiffren malen will, dann ist es eine Auseinandersetzung mit dem Inneren und Äußeren des anderen, und es entsteht eine Nähe, die nicht nur schön ist. Auf einmal wird dann der Künstler wieder diese autoritäre, romantische Figur, die sein Gegenüber womöglich tagelang auf unbequemen Höckerchen sitzen lässt und ihm das Gefühl gibt, durchschaut, durchleuchtet, auf den Sockel gestellt zu werden.