Der Streit schwelt seit Monaten: An diesem Donnerstag will Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bei einem Treffen mit den Länderkollegen ihr Konzept für eine Reform der Sicherungsverwahrung vorstellen. Das Bundesverfassungsgericht hatte im Mai entschieden , dass die Sicherungsverwahrung, also das vorsorgliche Festhalten von gefährlichen Sexualstraftätern und Gewaltverbrechern auch nach Ende ihrer Haftstrafe, bis zum Jahr 2013 grundlegend verändert werden muss. Was dieses Urteil bisher in der Praxis bewirkt hat, erklärt im Interview Bernd Behnke, Anwalt von 15 Sicherungsverwahrten.

DIE ZEIT: Was hat sich seit der Karlsruher Entscheidung für die Inhaftierten geändert?

Bernd Behnke: Das Urteil hatte bei meinen Mandanten eine unglaubliche Euphorie ausgelöst. Das höchste deutsche Gericht bescheinigte ihnen aus ihrer Sicht, dass sie Menschen sind und dass sie auch so behandelt werden müssen. Natürlich haben meine Mandanten in der Entscheidung von den Übergangsfristen gelesen, die das Gericht dem Gesetzgeber für eine Neuregelung lässt – aber auch, dass Verbesserungen, die schon jetzt machbar seien, sofort umgesetzt werden müssten. Sie hofften deshalb, endlich einen Computer nutzen zu dürfen, eine Zelle mit einem Fenster zu bekommen, eine Arbeit in der Haftanstalt. Sie wollen innerhalb der Mauern ein freieres Leben führen. Das aber wird ihnen verwehrt, aus organisatorischen Gründen, wie es heißt. Die Haftanstalten reagieren hilflos, die Justizbehörden lassen sie im Stich.

ZEIT: Die Situation hat sich noch verschlechtert?

Behnke: Ja. In Baden-Württemberg etwa werden jetzt offensichtlich alle Sicherungsverwahrten in der JVA Freiburg konzentriert, in sehr engen Zellen, ohne soziale oder Freizeitangebote und ohne die Möglichkeit, eine Therapie zu machen. Eine weitere Auswirkung des Urteils ist, dass die Sicherungsverwahrten nicht mehr, wie bisher, mit anderen Häftlingen wie Drogenabhängigen oder Alkoholikern zur Therapie geschickt werden, weil das Verfassungsgericht ja explizit ein Trennungsgebot aufgegeben hat für Sicherungsverwahrte und andere Inhaftierte. Nun gibt es aber zumindest bislang so gut wie gar keine Einrichtungen, die sich schwerpunktmäßig nur mit Sexualstraftätern befassen. Und damit auch keine Therapien mehr.

ZEIT: Warum reagiert der Strafvollzug so auf das Urteil aus Karlsruhe ?

Behnke: Ich sehe da eine gewisse Hilflosigkeit. Seit mehr als zehn Jahren agiert die Politik bei der Sicherungsverwahrung in hohem Maß populistisch. Und sendet auch an die Haftanstalten das Signal, dass diese Menschen einfach einzusperren seien, und das möglichst lange.

ZEIT: In Dortmund wurde ein aus der Sicherungsverwahrung entlassener Mann offensichtlich rückfällig und missbrauchte ein Mädchen. Zeigt der Fall nicht, wie schwierig ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Problem ist?

Behnke: Natürlich. Aber das Gesamtkonzept stimmt eben nicht. Gerichte, die vor der Entscheidung stehen, einen Sicherungsverwahrten freizulassen, haben oft nur ein Gutachten vorliegen, in dem behauptet wird: Der Mann ist nicht mehr gefährlich. Wir brauchen aber ein Konzept, das solche folgenreichen Fehleinschätzungen von Einzelnen erheblich reduziert. Die Sicherungsverwahrten müssen schrittweise an die Freiheit gewöhnt werden, mithilfe von Therapien, Aufgaben und Prüfungen ihres sozialen Verhaltens. Wenn sich das vom ersten Tag der Inhaftierung an über Jahre hin erstreckt, kann kein Häftling in einer solch langen Zeit das in ihm noch schlummernde Gewaltpotenzial verstecken.

ZEIT: Was halten Sie von den derzeit diskutierten Ansätzen zur Neugestaltung der Sicherungsverwahrung?

Behnke: Eine Zusammenlegung von mehr als hundert Sicherungsverwahrten, wie sie etwa Hessen andenkt, halte ich für hochgefährlich, weil sich Probleme potenzieren. Wir brauchen kleinere Therapieeinheiten mit vielleicht dreißig bis vierzig Patienten, die jeweils einen individuellen, strukturierten Plan bekommen. Wie wollen Sie einen Häftling dazu bekommen, dass er sich ändert, wenn Sie ihm keine Perspektive in Aussicht stellen?

ZEIT: Warum setzen Sie persönlich sich seit Jahren für die Sicherungsverwahrten ein?

Behnke: Weil ich eine große Ungerechtigkeit darin sehe, dass wir Menschen, die zu Recht in Haft sind und zu Recht auch in der Sicherungsverwahrung, vollkommen ohne Zukunftsperspektive einfach vergammeln lassen – obwohl das gegen viele Gesetze bis hoch zum Grundgesetz verstößt.