Manchmal interessieren sich Menschen für den Beruf der Literaturkritikerin. Die daraus entstehenden Gespräche haben einen ziemlich stereotypen Verlauf. Bis vor Kurzem ging er so: »Journalistin sind Sie? Über was schreiben Sie denn?« – »Meistens über Bücher.« – »Ach so, über Bücher. Auweia, da müssen Sie aber viel lesen.« – »Ja, schon.« – »Bisschen langweilig, oder?« – »Geht so, mal mehr, mal weniger.«

Aus der folgenden Pause ging mit 99-prozentiger Sicherheit eine Frage hervor, die auf den offenbar einzig attraktiven Aspekt eines ansonsten eher unattraktiven Berufs zielte: »Kennen Sie den, na, wie heißt der schnell, den Marcel Reich-Ranicki ?« Schon aus Gründen der Höflichkeit kannte man ihn dann eben. Ja, man hatte Marcel Reich-Ranicki einmal während der Buchmesse an einem Tisch sitzen und eine Suppe essen gesehen. Eine Suppe? Ja, er aß in Frankfurt eine Suppe (abwechselnd Kürbiscreme-, Kartoffel-, Tomatensuppe). Dann kam noch die Frage: »Und wie ist der so? Persönlich?« Hier endete die Konversation.

Das waren die Gespräche bis vor etwa vier Wochen. Neuerdings verlaufen sie anders. Die erste Dialoghälfte wie gehabt, dann der entscheidende Wechsel. Die Frage »Kennen Sie Marcel Reich-Ranicki ?« heißt jetzt: »Wie finden Sie Charlotte Roche ?« Es vergeht kein Tag ohne diese Frage. Es kommt ein Mann von Ikea, um ein Bücherregal aufzubauen, es dauert keine fünf Minuten, und er fragt: »Wie finden Sie Charlotte Roche?« Es steht eine alte Schulfreundin vor der Kinokasse, dreht sich um und fragt: »Wie findest du Charlotte Roche?«. Es fragt der Augenarzt, der auch vom Lesen abrät: »Und wie finden Sie Charlotte Roche?«

Man müsste darüber nachdenken, was es zu bedeuten hat, dass der Popularitätseffekt der deutschen Literatur von dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki auf die Autorin Charlotte Roche übergegangen ist. Nur leider ist es genau diese Art von sinn- und auswegloser Grübelei, welche die Tätigkeit von Kritikern in den Augen der Menschen so öd erscheinen lässt.