Es war eine kleine Sensation, als sich der russische Milliardär Michail Prochorow im Juni von den Delegierten der Partei »Rechte Sache« zum Anführer wählen ließ. Die Politik gilt in Russland unter Superreichen als Gefahrenzone. Der letzte Oligarch, der sich offen politisch einmischte, war der Ölmilliardär Michail Chodorkowskij . Nach zweifelhaften Prozessen sitzt er bis 2017 im Gefängnis.

Seit seiner Verhaftung drängte der Kreml den Milliardären für Jahre eine Vereinbarung auf: Sie mischen sich nicht ein, helfen dem Staat auf Zuruf mit Finanzspritzen und dürfen dafür weiter Geld verdienen. Mit Prochorow kehrte das Big Business in die große Politik zurück – allerdings nur für zweieinhalb Monate.

Am Donnerstag vergangener Woche verlor Prochorow seine Partei. Während die Mehrheit der Delegierten ihn beim erneuten Parteitag ausschloss, folgte ihm das Grüppchen seiner Anhänger in einen anderen Saal Moskaus. Dort beschuldigte er den obersten Kremlaufseher über die Parteien, Wladislaw Surkow, als »Puppenspieler«, der Russlands Politik privatisiert habe, und kündigte die Gründung einer eigenen Bewegung an. Doch als Politiker ist Prochorow vorerst gescheitert. Er bestätigt im Nachhinein alle Moskauer Politologen, die sich schon vor Monaten ratlos fragten: »Warum tut er sich bloß Russlands Politik an?«

»Ich finde es uninteressant, nur ein sehr reicher Mann zu sein«

Es mag sein, dass Prochorow tatsächlich die neue Herausforderung, von der er oft sprach, verlockte. Als Unternehmer hatte er fast alles erreicht. Noch vor fünf Jahren belegte der Chef der Oneksim-Gruppe Platz 89 auf der Forbes- Liste der reichsten Russen. Heute ist er mit einem Vermögen von 18 Milliarden Dollar Russlands Drittreichster. Metalle, Banken, Stromerzeugung sind seine angestammten Branchen.

Nahe Moskau bewohnt er ein schlossähnliches Anwesen, das ihm die Innendesignerin vorherrschend in Goldtönen ausgestattet hat. Er besitzt eine Jacht, eine Insel im Indischen Ozean und hat sich für 200 Millionen Dollar in einen Basketballklub der amerikanischen Profiliga NBA, die New Jersey Nets, eingekauft. »Geld treibt mich nicht an«, verkündet Prochorow mit treuherzigem Blick. »Ich finde es uninteressant, nur ein sehr reicher Mann zu sein.«

Aber diesmal hat sich Prochorow, der Aufsteiger mit hohem Selbstwertgefühl, anscheinend verkalkuliert. Denn seinen Weg in die Politik bahnten und stoppten andere. Die Polittechnologen des Kremls brauchten eine neue Partei, rechts und wirtschaftsorientiert, für die Parlamentswahl im Dezember. Die »Rechte Sache« sollte zur parlamentarischen Basis für die Modernisierungspläne von Präsident Medwedjew aufpoliert werden. Der Masterplan dafür wird Surkow im Kreml zugeschrieben. Prochorow konnte den Glanz des Erfolgs und Millionen für die Parteikasse mitbringen. Er erhielt einen Vorschlag, den er nicht ablehnen konnte, wie in Moskau die imperativen Wünsche der Mächtigen umschrieben werden. Das wäre zu gefährlich für seine Unternehmen geworden, über deren Wohlergehen auf höchster politischer Ebene mitentschieden wird.

Prochorow sollte mit dosierter Opposition den jungen Liberalen und der technischen Intelligenz eine Pseudoheimat bieten, um sie von wahrer Opposition fernzuhalten. Als zarter Kritiker und Modernisierer, der bei seinen Reformvorschlägen das politische System weitgehend aussparte.