Die deutsch-polnische Geschichte war über Jahrhunderte kriegerisch und blutig, doch dieses Schlachten ist ein Freudenfest: 323 Ochsen, 969 Schweine, 490 Kälber, 3295 Lämmer und Schafe und ganze 51500 Hühner und Gänse müssen ihr Leben lassen, damit der Wittelsbacher Herzog Georg der Reiche und die polnische Prinzessin Hedwig im Jahr 1475 standesgemäß in Landshut Hochzeit feiern können. Der Kaiser ist dabei, 60766 Gulden kostet das Fest, das Volk darf teilhaben: "Wer kam und begeret wein, dem gab man auf ain persona ain mass und ain hoflaybl zu paiden malen frü und spät."

Mehr als 500 Jahre später schmückt das Porträt der Prinzessin nun die Plakate einer großen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau , die unter dem Titel Tür an Tür in zehn Kapiteln von einem Jahrtausend deutsch-polnischer Nachbarschaft erzählt. Die Wahl des Motivs ist Programm. Denn zu entdecken gibt es hier vor allem eines: dass schon lange vor den Gräueln des 20. Jahrhunderts, auch lange vor den polnischen Teilungen vielfältige und tiefe Beziehungen zwischen den beiden Völkern bestanden – Beziehungen zwischen Dynastien, wie das Beispiel Hedwigs und Georgs zeigt, Beziehungen zwischen Städten und Verbindungen durch Handel und Pilgerreisen.

Diese gemeinsame Geschichte begann mit einer spektakulären Begegnung, die in Polen als "Gnesener Treffen" bekannt ist und in Deutschland als "Akt von Gnesen" erinnert wird. Im Jahr 1000 pilgerte der römisch-deutsche Kaiser Otto III. an das Grab des heiligen Adalbert, des Bischofs von Prag, der kurz zuvor bei den Pruzzen östlich der Elbe den Märtyrertod gestorben war. Dem polnischen Fürsten Bolesław überreichte der Kaiser zu diesem Anlass das Replikat einer Lanze, die, wie man glaubte, einen Nagel vom Kreuz Christi enthielt, und erhöhte ihn zum "Mitgestalter des Reiches". Otto erkannte damit die Selbstständigkeit des jungen polnischen Staates an. 13 Jahre später wurde die Ehe zwischen dem Sohn Bolesławs, Mieszko II., und Richeza, einer Nichte des Kaisers, geschlossen.

Das Schicksal jener Richeza zeigt bereits, wie engverschlungen die (Lebens-)Wege zwischen Polen und Deutschen waren und sind. Um 995 in Saalfeld geboren, wird sie 1025 durch die Krönung Mieszkos polnische Königin, nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1034 kehrt sie ins Rheinland zurück, heute liegt sie im Kölner Dom begraben. Eine Tafel mit ihrem Bildnis aus dem 15. Jahrhundert ist in Berlin zu sehen – im selben Raum wie ein Werk von Mirosław Bałka aus dem Jahr 1987, das den Titel Der heilige Adalbert trägt. Es zeigt einen geschundenen toten Körper, über dem ein neonrotes Beil schwebt. Aus den Wunden tropft hoffnungsgrünes Blut.