Motiv: Besitzmehrung – Seite 1

Als sich der Industrielle Günther Quandt nach dem Krieg vor einer Spruchkammer wegen seiner Rolle in der NS-Zeit verantworten musste, verteidigte er sich gegen die Vorwürfe in einem Brief mit der Behauptung, er sei "von der nationalsozialistischen Regierung jahrelang auf das Schwerste verfolgt worden".

Tatsächlich war der Unternehmer bald nach der Machtergreifung 1933 verhaftet worden. In einem mehrjährigen Prozess musste sich Quandt verteidigen, es ging um Wirtschaftsdelikte. Dann legte sich der Industrielle auch noch mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels an, dem zweiten Mann seiner geschiedenen Frau Magda. Man stritt um den Sohn Harald Quandt, den die Goebbels, anders als bei der Scheidung vereinbart, nicht an den Vater herausgeben wollten. Günther Quandt nahm sich einen Anwalt, kam aber gegen den Minister nicht an. Goebbels verabscheute den schwerreichen Quandt, er hielt ihn für einen Plutokraten und Reaktionär, wie aus Tagebucheinträgen hervorgeht.

Dennoch war es eine unverschämte Lüge, als sich Quandt nach dem Krieg als NS-Verfolgter darstellte. Aber sie hat ihm, begleitet von anderen Unwahrheiten, genutzt. Am Ende eines langen Entnazifizierungsverfahrens wurde er 1949 nur als Mitläufer eingestuft.

Den Nachfahren und Erben des 1954 verstorbenen Industriellen diente das Urteil als moralisches Ruhekissen – Opa war kein Nazi. Und Papa auch nicht, war doch Quandts älterer Sohn Herbert, der während des Krieges an seiner Seite gearbeitet hatte, als "entlastet" eingestuft worden. So erinnerte man sich Herbert Quandts seit seinem Tod im Jahr 1982 lieber als des Mannes, der in den sechziger Jahren BMW gerettet hatte und die Familie zur zeitweilig mächtigsten deutschen Wirtschaftsdynastie machte.

Dass Günther Quandt in Wahrheit das genaue Gegenteil von einem Mitläufer war und Herbert Quandt reichlich belastet, das hat der Historiker Joachim Scholtyseck nun in einer umfassend recherchierten und überaus gründlichen Studie bestätigt. Der Bonner Hochschullehrer war von der Familie Quandt 2007 beauftragt worden, ihre NS-Geschichte aufzuarbeiten, nachdem in der NDR-Dokumentation Das Schweigen der Quandts schwere Vorwürfe gegen den Industriellen-Clan erhoben worden waren.

In einem auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekt begab sich Scholtyseck auf Quellensuche, unterstützt von einer Gruppe Mitarbeiter in Fußballmannschaftsstärke. Aus über 40 Archiven trug der Historiker Informationen zusammen. Erstmals durfte er auch in das Familienarchiv, wo sich unter anderem Unterlagen über "Arisierungen" in der NS-Zeit fanden. Im Archiv der Deutschen Bank konnte er mit Erlaubnis des Vorstands Akten einsehen, die sonst nicht zugänglich sind, unter ihnen Gesprächsnotizen des legendären Deutschbankers Hermann Josef Abs, mit dem Günther Quandt oft verhandelte. Scholtyseck wertete überdies eine Vielzahl von Zeugenaussagen aus, die Zwangsarbeiter nach dem Krieg gemacht hatten.

Die Quandts bezahlten die Studie. Das Ergebnis bekamen sie im Frühjahr vorab zu lesen. Sie hatten dem Autor zugesichert, auf inhaltliche Eingriffe zu verzichten, und hielten sich auch daran.

Die Quandts beschäftigten schätzungsweise 50000 Zwangsarbeiter

Die Studie ist detailreich und genau, dabei übersichtlich gegliedert und gut zu lesen. Auf fast 1200 Seiten zeichnet Scholtyseck die Geschichte der Familie von ihren Anfängen als Textilfabrikanten bis zum Tod Günther Quandts 1954 nach.

Sollte die junge Quandt-Generation insgeheim gehofft haben, der Historiker werde das düstere Bild der Vorfahren aufhellen und mancherlei Entlastendes zutage fördern, ist der Schuss nach hinten losgegangen. Scholtyseck präsentiert eine Vielzahl neuer Belege und Beweise für die Verstrickung der Familie in das NS-Unrecht.

Bekannt war schon, dass Günther Quandt in der NS-Zeit gleich zwei Konzerne kontrolliert und geführt hat, die zu den führenden Unternehmen bei Hitlers Aufrüstung und der Kriegswaffenproduktion gehörten: den Batteriekonzern AFA (später: Varta), der Batterien für Heer und Luftwaffe fertigte und Stromspeicher für die Marine, ohne die U-Boote nicht unter Wasser hätten fahren können. Und die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, die Munition, Panzerkanonen und Feldhaubitzen produzierten sowie Pistolen und Karabiner in der Tochterfirma Mauser. Es war ein gewaltiges Rüstungskonglomerat mit Standorten in Karlsruhe, Lübeck, Hagen, Hannover, Berlin und Posen.

Nach Scholtysecks Einschätzung war Quandt, der 1933 der NSDAP beitrat, kein ideologisch überzeugter Nationalsozialist, als Rüstungsunternehmer aber mitverantwortlich für massenhaft begangenes Unrecht. "Der Familienpatriarch war Teil des NS-Regimes", urteilt der Historiker. Quandts Unternehmertum habe sich "untrennbar mit den Verbrechen der Nationalsozialisten" verbunden. Auch sein Sohn Herbert Quandt habe "unmittelbar Verantwortung für das begangene Unrecht getragen".

Die Quandts beschäftigten schätzungsweise 50000 Zwangsarbeiter. Zwar hatten Günther und Herbert Quandt ihre Büros in der AFA-Firmenzentrale am Askanischen Platz im Zentrum von Berlin und waren mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter nicht unmittelbar konfrontiert, beide kümmerten sich aber an ihren Schreibtischen auch um Detailfragen des Zwangsarbeitereinsatzes. Herbert Quandt beschäftigte zudem privat Zwangsarbeiter. Er hatte sich ein Landgut zugelegt, auf dem er seine Wochenenden verbrachte. Dort arbeitete ein Dutzend Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine.

Dass Herbert Quandt als Personalchef der AFA-Tochter Pertrix für das Schicksal der dort eingesetzten Zwangsarbeiter mitverantwortlich war – das war schon vor Scholtysecks Studie bekannt. Neu ist, dass sich der junge Quandt gegen Ende des Krieges um den Bau eines Barackenlagers für KZ-Häftlinge kümmerte, die in einem Werk in Schlesien eingesetzt werden sollten. Wegen der Kriegsereignisse wurden dann aber doch keine Häftlinge aus dem KZ Groß-Rosen angefordert.

In Hannover-Stöcken beschäftigte die AFA 3700 Zwangsarbeiter und 1500 KZ-Häftlinge. Diese Häftlinge wurden in einem von Stacheldraht umzäunten Lager auf dem Firmengelände von SS-Schergen und Kapos drangsaliert und misshandelt. Trotz der schweren Arbeit wurden sie ungenügend ernährt und in Schrecken gehalten. Im Lager stand ein Galgen. Unmenschliche Zustände herrschten auch bei den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken. Bei der Tochterfirma Mauser etwa wurde im März 1944 ein Pole wegen Diebstahls erhängt, 50 Landsleute mussten der Hinrichtung zuschauen.

Quandt war zu einem führenden Industriellen aufgestiegen, bevor die Nazis an die Macht kamen.

Günther Quandt war ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht und zeigte keinen Anstand. Er schreckte nicht davor zurück, in Verhandlungen mit der Deutschen Bank den Einsatz der "fachlich ungeschulten" Zwangsarbeiter als Argument dafür anzuführen, dass ihm die Bank bei seinem Kredit einen niedrigeren Zinssatz einräumen müsse. Scholtyseck hat auch herausgefunden, dass Quandt, der während der Weimarer Zeit vielfach Geschäfte mit jüdischen Bankiers gemacht hatte, 1933 daran beteiligt war, jüdische Mitglieder aus Berliner Wirtschaftsgremien herauszudrängen. Von jüdischen Mitarbeitern habe sich Quandt "beschämend früh" (Scholtyseck) getrennt. Wenn sich ihm die Möglichkeit bot, Unternehmen aus jüdischem Besitz zu übernehmen, wie 1937 im Fall der Berlin-Erfurter Maschinenfabrik Henry Pels, griff Quandt "skrupellos" (Scholtyseck) zu. "Der Vorrang des Denkens in Kategorien von Besitzmehrung war so dominant, dass für grundsätzliche Fragen nach Recht und Moral kein Raum blieb", urteilt der Historiker.

Zwar kündigt er im Vorwort seines Buches an, wissenschaftlich klären zu wollen, ob die Quandts ihren heutigen Besitz auf Blutgeld und Zwangsarbeit gründen oder ob ihr vor 1933 errichtetes Vermögen als Grundstock für die Nachkriegserfolge genügt hätte, beantwortet die Frage dann aber nicht explizit. Ob sich die Zwangsarbeit für Quandt auszahlte, vermag Scholtyseck nicht mit Gewissheit zu sagen. Eine "exakte Bilanz" sei bei der Quellenlage nicht zu leisten. Man darf sich aber auf das Kalkül des Konzernherren verlassen, der nichts tat, was sich für ihn nicht lohnte.

Quandt war zu einem führenden Industriellen aufgestiegen, bevor die Nazis an die Macht kamen. 26 seiner 29 Posten hatte er schon vor 1933, aber er konnte seinen Einfluss während der NS-Zeit noch ausbauen. Sein Aufstieg habe sich "ungebremst fortgesetzt", schreibt der Historiker. Nach dem Krieg wurde Quandt für eineinhalb Jahr interniert, aber sein Vermögen war "im Wesentlichen intakt" (Scholtyseck). Die Unternehmerfamilie hatte im neuen demokratisch-marktwirtschaftlichen Deutschland eine "komfortable Ausgangssituation" – die sie, das muss man zugestehen, meisterhaft zu nutzen wusste.

Rüdiger Jungbluth ist Autor der Familienbiografie Die Quandts , Campus Verlag 2002