Uwe Nösner wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Mann, der in den Tagebüchern von Victor Klemperer schon 1987 Literatur erkannte, schlurft im abgetragenen Jeansanzug durch den Sächsischen Landtag. Die Schultern des 51-Jährigen hängen tief. Sein Büro im zweiten Stock ist grau und eng. "Den Kaffee muss ich selber kochen", nuschelt Nösner. Er bekommt selten Besuch hier, und noch seltener fragt ihn jemand nach Klemperer.

Dabei war Nösner der Erste, der weite Passagen der heute weltberühmten Tagebücher des Dresdner Romanistikprofessors mühsam entzifferte – was ihm allerdings weder Ruhm noch Geld einbrachte. Bekannt sind inzwischen die Bände aus dem Aufbau-Verlag: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten verkaufte sich 350.000 Mal und steht in fast jeder Schulbibliothek. Millionen Menschen sahen in der ARD Klemperer – Ein Leben in Deutschland . Aber nur wenige verbinden mit den Tagebüchern den breit sächselnden, etwas vergeistigt wirkenden Landtagsmitarbeiter Nösner, der in seiner Freizeit dichtet und hauptberuflich Reden und Grußworte des Landtagspräsidenten schreibt.

Nösner war Literaturredakteur der Dresdner Zeitung Die Union, als er sich von 1987 an fast täglich in der Sächsischen Landesbibliothek über Klemperers Originalschriften beugte: rund 16.000 aufs Engste beschriebene Seiten, manche in altdeutscher Schrift. Blatt für Blatt übertrug der damals 27-Jährige in Notizbücher. Gelegentlich bat er die Witwe des 1960 verstorbenen Autors um Rat. "Je länger ich daran arbeitete, umso mehr habe ich Klemperers Stil verinnerlicht", sagt Nösner. "Seine moralische Festigkeit hat mich beeindruckt. Ich bin durch diese Arbeit gereift."

Eine Welt tat sich auf. Klemperer beschrieb detailliert die Schikanen, die er als Sohn eines Rabbiners im NS-Reich erleiden musste. Er zerpflückte die demagogische Sprache der Nationalsozialisten, entlarvte ihre Propaganda. "Was Klemperer über die Beeinflussung der Massen schrieb, hat mich oft an die DDR erinnert", sagt Nösner. Von Mai 1987 an veröffentlichte der junge Journalist, der sich zuvor als Bauarbeiter, Krankenpfleger und Totengräber durchgeschlagen hatte, 80 Tagebuchauszüge der Jahre 1936 bis 1940 in der Union . Titel: Alltag einer Diktatur.

"Viele Menschen haben die Serie als Sensation empfunden", sagt Arnold Vaatz, damals ein junger Mathematiker, heute Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zahlreiche Regimekritiker kannten Klemperers LTI, seine Lingua Tertii Imperii – eine Analyse der Sprache des "Dritten Reiches". "Man konnte Teile dieser Analyse auf die Botschaften der SED übertragen", sagt Vaatz. Nach dem Krieg habe Klemperer selbst solche Vergleiche gezogen. "Das verlieh Nösners Veröffentlichung Brisanz."

Die Serie ging von Hand zu Hand. Die Stasi erwog, die Veröffentlichung zu stoppen, entschied dann aber, dass ein plötzliches Ende erst recht Aufmerksamkeit erregen würde. Ein Freund von Vaatz schnitt alle Folgen aus, klebte sie auf Papier und ließ sie zehn Mal vervielfältigen – was damals unerhört aufwendig war. Heute kann er von sich behaupten, die erste gebundene Ausgabe der Klemperer-Tagebücher in Kleinserie herausgegeben zu haben. Profitiert haben davon weder er selbst noch Nösner.

Der Mann, der sich vom Welterfolg Klemperers tragen lässt, lebt bei Berlin und hat wenig Zeit. "Ich fliege demnächst in die USA", sagt Walter Nowojski am Telefon. "Boston, Harvard. Ich muss Vorträge halten. Klemperer ist zu meinem Leben geworden."

Nowojski hat die Tagebücher 1995 bei Aufbau veröffentlicht – acht Jahre nach Nösners erstem Zeitungstext. Seine Edition brachte den Beteiligten viel Geld ein. 1996 erwarb der Verlag Random House die Rechte für die USA und zahlte dafür eine halbe Million Dollar – die bis dahin höchste Lizenzsumme für ein deutsches Buch in Amerika.