Seit dreißig Jahren ist der Mann auf der Flucht. Lange Zeit war sein unfreiwilliges Exil der Irak von Saddam Hussein. Mehrmals versuchte der syrische Geheimdienst, ihn dort umzubringen. In die Beine haben sie ihm geschossen, zweimal. Er floh weiter in den Jemen, dann nach Kairo. Auch dorthin schickte die syrische Regierung ein Todeskommando. Er hatte Glück, die Häscher kamen zu spät. Seit wenigen Monaten lebt er in der Türkei, untergetaucht im Häusermeer von Istanbul. Er sitzt nie zweimal im selben Auto, lebt nicht lange in derselben Wohnung, geht nicht dieselben Wege. Ob es hier wirklich sicher ist, weiß der Chef der syrischen Muslimbrüder noch nicht.

Wo trifft man Mohammed Riad al-Schaqfa? In seinem Unterschlupf? Zu geheim. In einem Café am Bosporus? Zu öffentlich. Wir verabreden uns über einen Mittelsmann im Istanbuler Büro der ZEIT. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Tee und Haselnüsse. Daneben sitzt der Syrer, den der Herrscher von Damaskus, Baschar al-Assad, wohl am meisten fürchtet. Graublauer Anzug, schütteres Haar, getrimmter Bart von Ohr zu Ohr, rechteckige Metallbrille, graue Socken, darüber Sandalen. Assad lässt den 67-Jährigen verfolgen, weil die Bewegung der Muslimbrüder die potenziell machtvollste in Syrien ist. Wie bedrohlich, wie radikal ist ihr Anführer?

Riad al-Schaqfa hat wie viele Verfolgte ein gutes Gefühl für Macht und Ohnmacht seines Gegners. Die größte Schwäche der Regierung? "Das ist die Stärke des Volkes, das nicht aufhört zu demonstrieren", sagt er. Das größte Problem von Baschar al-Assad? Er habe kaum noch Optionen. Freiheit, Reformen, Dialog – das seien alles Fremdwörter für ihn. Er rede zwar davon, aber er könne jetzt nicht mehr auf Dialog umschalten. Das Vertrauen der Bevölkerung sei nach Monaten des Aufstandes völlig dahin. "Die Regierung kann nur noch Gewalt anwenden", sagt Schaqfa. Freie Wahlen wären für sie das Ende.

Der Gedanke an Wahlen ist fern. Schaqfa bleibt Realist: " Die Armee steht hinter Assad , er hat ihre Führung selbst ausgewählt." In den Streitkräften dominieren die Alawiten, eine den Schiiten verwandte religiöse Minderheit in Syrien, zu der auch Assad gehört. Im Hintergrund würde der Iran das alawitische Regime massiv unterstützen. Doch was Schaqfa eigentlich empört, ist sein ehemaliges Gastland. "Der Irak hilft Assad", die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad sympathisiere mit dem syrischen Regime, "und die USA lassen das zu".

Der Religionsstreit bedroht den Arabischen Frühling wie ein aufziehender Sturm. Christen gegen Muslime , Schiiten gegen Sunniten. Die sunnitischen Muslimbrüder sind in den Staaten der Revolution im Aufwind, vor allem in Ägypten und Tunesien . Der Assad-Clan fürchtet sie schon seit Jahrzehnten, seit 1980 bestraft er die Mitgliedschaft in der Muslimbrüderschaft mit dem Tod. Zwei Jahre später schlug der Vater von Baschar al-Assad einen Aufstand in Hama, der Hochburg der Muslimbrüder, blutig nieder. Mindestens zehntausend Menschen starben, zwanzigtausend verschwanden in den Kerkern des Regimes.

Schaqfas Familie hatte Syrien schon 1980 verlassen. "Viele meiner Freunde, die glaubten, man könne in Syrien untertauchen, sind heute tot." Anders als in Ägypten, wo die Muslimbrüder unter Präsident Mubarak verboten, aber geduldet wurden, mussten sich die syrischen Muslimbrüder im Ausland neu organisieren. Mit dem Umzug ihres Führers nach Istanbul sind sie ihrem Heimatland so nah wie lange nicht. Wegen der islamistischen Überzeugungen der Bewegung ist das vielen Syrern unheimlich.

Welche Blaupause für Syrien hat Riad al-Schaqfa in der Tasche? Zunächst einmal hält er die Aufregung über die Ziele der Muslimbrüder für ein "Problem von säkularen Intellektuellen". Syrien habe viele Einflüsse: Es gebe die Tradition französischer Gesetze, seit den sechziger Jahren hätten auch marxistische Ideen das Land geprägt. "Wenn die Scharia als eine Quelle der Gesetzgebung dazukommt, ist das nur natürlich." Darüber solle in freien Wahlen entschieden werden: "Was will die Mehrheit des Volkes?", möchte Schaqfa wissen. Genau vor dieser Frage haben Alawiten, Christen, Drusen, Schiiten in Syrien Angst. Denn die Sunniten sind in der großen Mehrheit. Schaqfa versucht zu beruhigen. Die Scharia fordere Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Das mag sein. Nur setzen Scharia-Ideologen diese Prinzipien selten um. Schaqfa schüttelt den Kopf. Für einen syrischen Muslim sei es selbstverständlich, dass "Minderheiten ihre Rechte" genössen, "volle Bürgerrechte", sagt er. Freiheit solle an erster Stelle stehen.