Revolution! Umsturz! Krise! Die Welt ist aus den Angeln gehoben. Naturgesetze müssen umgeschrieben werden. Raum und Zeit sind nicht mehr Raum und Zeit, wie sie im Lehrbuch stehen.

Ein einziges Experiment scheint die gesamte Physik infrage zu stellen . Mit Überlichtgeschwindigkeit rasen Neutrinos, winzige, quasi masselose Elementarteilchen, von Genf unter den Alpen hindurch nach Rom. Überlichtgeschwindigkeit! Das ist physikalisch verboten. Jedenfalls wenn Albert Einstein recht hatte und seine Relativitätstheorie gültig ist.

Für einen Augenblick wird das Unvorstellbare denkbar: Einstein irrte.

Er selbst hatte Isaac Newton vom Thron gestoßen. Für Newton waren Raum und Zeit getrennte und unveränderliche Größen, feste Dimensionen, in denen sich Materie bewegte. Sein fallender Apfel ist Legende. Doch sein Gravitationsgesetz zeigte bald Schwächen. Bei genauem Hinsehen lösten sich die Newtonschen Gewissheiten mehr und mehr auf, entfernte sich die Wirklichkeit von der Mathematik der Modelle.

Albert Einstein würde sich über seinen Sturz freuen

Dann kam Einstein. Er verband Raum, Zeit und Materie zu einem unauflösbaren, wechselwirkenden Ganzen. Die Newtonschen Konstanten Raum und Zeit wurden veränderlich. Masse konnte die Raumzeit krümmen. Einzig beständig in diesem Modell war die höchste erreichbare Geschwindigkeit, die des Lichts: 299.792.458 Meter pro Sekunde. Schneller konnte, schneller durfte sich nichts bewegen.

Nun löst sich wieder eine Gewissheit auf. 16.111 Neutrinos überwinden die Distanz zwischen dem Forschungszentrum Cern und einem Messlabor unter dem Gran-Sasso-Massiv schneller als erlaubt: Stürzt nach Newton nun Einstein? Brauchen wir eine neue Physik oder nur eine neue Erklärung?

Wie stürzen Ideen? Und was stürzt eigentlich, wenn eine Idee stürzt? Manchmal, davon war Sigmund Freud überzeugt, bricht neben dem wissenschaftlichen Weltbild auch das alltägliche Menschenbild entzwei.

Freud hat drei narzisstische Kränkungen des Menschen durch die Wissenschaft benannt: Kopernikus, Kepler und Galilei verstießen unseren Heimatplaneten aus dem Zentrum des Sonnensystems. Darwin demontierte uns als Schöpfung Gottes. Freud selbst ließ uns erkennen, dass wir nur selten bewusst handeln und entscheiden.

Damit war der kränkenden Umbrüche längst kein Ende. Die Genetik am Ende des 20. Jahrhunderts stieß uns als Krönung der Evolution vom Thron. Nur 22.000 Gene hat der Mensch. Jeder Wasserfloh hat mehr zu bieten – und manche Erbanlage teilen wir mit der Bäckerhefe.