Eine "Positiv-Liste", die notwendige Medikamente von überteuerten trennte, endete 1992 noch im Schredder eines einflussreichen Pharmalobbyisten. Ein Preisabschlag auf innovative Medikamente wurde 2004 nach einer illustren Rotweinrunde im Kanzleramt eingestampft. Immer wieder ist es den Pharmakonzernen gelungen, Gesundheitsreformen weitgehend unbeschadet zu überstehen – und ebenso regelmäßig stiegen Umsätze und Gewinne der Pillenbranche.

Seit zum Jahresanfang das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog) in Kraft getreten ist, gerät die Pharmabranche zunehmend in Aufruhr. Statt die Preise für ihre neuen patentgeschützten Arzneimittel wie bisher selbst festsetzen zu können, müssen sie ihre Innovationen mit Eintritt in den Markt auf ihren Zusatznutzen prüfen lassen. Dafür müssen sie beim deutschen Arzneimittel-TÜV, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), ein Dossier vorlegen. Aus den Unterlagen muss der Vorteil des neuen Mittels im Vergleich zu einer "zweckmäßigen Therapie" klar hervorgehen. "Nur wenn ein Zusatznutzen belegt werden kann, darf ein Höchstpreis verlangt werden", beschrieb Philipp Rösler (FDP), seinerzeit noch in seiner Rolle als Gesundheitsminister, den Plan, mit dem zwei Milliarden Euro Arzneimittelausgaben eingespart werden sollen. Wird kein Zusatznutzen festgestellt, landet die vermeintlich innovative Pille in einer unteren Preisklasse: Sie wird in einer Festbetragsgruppe eingestuft, oder der Hersteller muss mit den Krankenkassen über den Preis verhandeln. Für die Pharmamultis kommt dies der Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Selbst Experten wundern sich ein wenig, dass das neue Arzneimittelgesetz wirkt. Erstmals seit vielen Jahren ist es gelungen, die Ausgaben für Arzneimittel zu senken. So haben die gesetzlichen Kassen im ersten Halbjahr dieses Jahres 16,1 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Das sind fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Die Trendwende hat mindestens zwei Gründe. Da ist zum einen der von 6 auf 16 Prozent erhöhte Preisabschlag, den die Hersteller für ihre Arzneimittel hinnehmen müssen. Zum anderen zeigt auch die neu eingeführte Kosten-Nutzen-Bewertung Wirkung – und das schon bevor sie richtig in der Praxis umgesetzt wurde.

Unter der Nummer A11-02 wird kommenden Dienstag das erste Gutachten des IQWiG an den Gemeinsamen Bundesausschuss übergeben. Bewertet wurde das Medikament Ticagrelor des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca. Das Mittel wird bei akuten Durchblutungsstörungen des Herzmuskels eingesetzt. Welches Ergebnis das Gutachten aus Köln bringen wird, ist noch streng vertraulich. Vom Zeitpunkt der Übergabe an steht es, für jeden einsehbar, im Internet. Daran kann die Ersparnis also nicht liegen.

Aber das Amnog wirkt auch vorauseilend. Gleich mehrere Pharmahersteller haben bereits vor der offiziellen Gültigkeit der neuen Pillen-Regeln den Gang zum Arzneimittel-TÜV gescheut. Offenbar waren sie von der Innovationskraft ihres Produkts und dessen Zusatznutzen selbst nicht so ganz überzeugt.

Relativ unproblematisch lief es etwa mit Livazo, dem mittlerweile siebten Cholesterinsenker auf dem Markt. Hersteller Merckle Recordati beantragte gleich selbst die Aufnahme in eine Festbetragsgruppe.

Ende August gab es allerdings ersten Ärger. Der Pharmariese Novartis ließ wissen, man werde die erst im Frühjahr auf den Markt gebrachte Blutdrucksenker-Kombination Rasilamlo "bis auf Weiteres vom Markt nehmen". Eine frühzeitige Abstimmung mit dem zuständigen Gremium für die Kosten-Nutzen-Bewertung war nach Angaben von Novartis nicht möglich. Der tatsächliche Streitpunkt wird aber in der Vergleichstherapie vermutet, die der Gemeinsame Bundesausschuss festgesetzt hatte, um über den zusätzlichen Nutzen des Kombipräparats zu entscheiden.

In den vergangenen Tagen starteten dann die Pharmahersteller Boehringer Ingelheim und Lilly endgültig den Kampf um die Arzneimittelpreise: Sie gaben bekannt, dass sie ihr gemeinsam entwickeltes Antidiabetikum Trajenta für Patienten in Deutschland nicht zur Verfügung stellen. Die Tablette soll nach Herstellerangaben unter anderem den Vorteil haben, dass sie bei Diabetespatienten mit gestörter Nierenfunktion eingesetzt werden kann. "In den Verhandlungen mit der Selbstverwaltung wurde allerdings ausgestrahlt, dass der therapeutische Nutzen nicht ausreichend berücksichtigt wird", sagt eine Sprecherin von Lilly. Als Folge drohe ein Erstattungsbetrag, der dem Innovationscharakter des Medikaments nicht gerecht werde. Auf gut Deutsch: Dem Hersteller droht ein Preis, der deutlich unter den eigenen Erwartungen liegt.