Wer ist dieser Mann mit den eisblonden Haaren? Wer ist Julian Assange , der berühmteste Hacker der Welt, der noch vor ein paar Monaten den mächtigsten Staat der Erde vor sich hertrieb und den Journalismus neu zu erfinden versprach? Ein Besessener? Ein Wichtigtuer von globalen Dimensionen? Ein Freiheitskämpfer des digitalen Zeitalters? Ein Vergewaltiger?

Kaum eine Autobiografie ist in letzter Zeit so nervös erwartet worden wie die von Julian Assange, dem australischen Vordenker und Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks . Verlage aus aller Welt haben Millionen für das Manuskript geboten, mehr als fünfzig Stunden hat Assange mit dem Ghostwriter Andrew O’Hagan zusammengesessen und ihm seine Geschichte erzählt. Der Schriftsteller hat eine rund 300-seitige Fassung dieser Geschichte abgeliefert, und der schottische Verlag Canongate hat sie letzte Woche veröffentlicht. Entstanden ist ein Text, der sich flüssig, bisweilen spannend liest und ganz ohne Hacker-Slang auskommt. Assange aber bleibt, auch nach der Lektüre, was er war: eine mysteriöse Figur.

Vielleicht mehr denn je. Denn das Buch ist ohne Zustimmung von Assange erschienen, als "unautorisierte Autobiografie". Assange habe, so stellt es wenigstens der Verlag dar , den Vorschuss sofort kassiert, danach aber die Zusammenarbeit mit Canongate eingestellt. Memoiren zu schreiben sei eine Form der Prostitution, ließ er verlauten, das Buch sei viel zu persönlich geraten, ihm habe eher ein politisches Manifest vorgeschwebt. Der Verlag, vermutlich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, hat sich darüber hinweggesetzt und publiziert, was Assange nicht publiziert haben wollte.

Dieses Buch ist, leicht erkennbar, nur eine Rohfassung

Natürlich ist das auf bizarre Weise ironisch. Ausgerechnet der Mann, der unautorisierte Dokumente veröffentlicht, "leakt", wird nun selbst "geleakt". Aber die fundamentalere, die beinahe tragische Ironie liegt darin, dass Assange, der Prophet der Transparenz, nun noch tiefer festsitzt in einem Gespinst von Anschuldigungen, unüberprüfbaren Informationen und Beleidigungen. "Information makes us free", war stets der Slogan von WikiLeaks, Information macht uns frei. Assange aber ist ein Gefangener geworden. Ein Gefangener des britischen Staates. Und ein Gefangener der Mythen, Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten, die sich um ihn ranken. Die Chance, dieses Netz mit einem authentischen Buch zu zerreißen, etwas von seiner ramponierten Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, hat Assange verspielt. Warum, bleibt sein Rätsel. Wie so vieles.

Der Text ist erkennbar eine Rohfassung. Er endet abrupt, eine ganze Weile bevor WikiLeaks die Depeschen der US-Botschaften aus aller Welt veröffentlicht und damit seinen spektakulärsten Coup landet. Nichts enthält die vorliegende Fassung über den bitteren Streit mit Daniel Domscheidt-Berg, dem ehemaligen Sprecher von WikiLeaks, der selbst ein Buch über Assange geschrieben hat, nur ein paar abfällige Bemerkungen über den ehemaligen Mitstreiter, dessen "böser Wille" so viel Kraft gekostet habe.

Nichts findet sich auch über die Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden , nichts jedenfalls, das über Andeutungen hinausgeht, ihm sei aus politischen Gründen eine Falle gestellt worden, oder die jungen Frauen, mit denen er unbestritten Sex hatte, seien "neurotisch". Kein Wort, ob ein Kondom benutzt wurde, was für die Ermittlungen in Stockholm eine entscheidende Rolle spielt. Kein Wort des Bedauerns, nur die Bemerkung, er hätte seine Sexpartnerinnen vielleicht einmal anrufen sollen nach den gemeinsamen Nächten, dann wäre ihm manches erspart geblieben. Und schließlich das "Bekenntnis": Man könne ihn vielleicht ein "chauvinistisches Schwein" nennen, er sei aber bestimmt kein Vergewaltiger.

Das letzte Drittel des Buches besteht überwiegend aus wüsten Beschimpfungen der Medien, mit denen Assange für die Veröffentlichung seiner Leaks zusammengearbeitet hat. Der Spiegel kommt dabei noch am besten weg, hart schlägt er auf den britischen Guardian ein, dem er Feigheit vorwirft – eine Unterstellung, die angesichts der jahrelangen, einsamen Recherchen der Zeitung gegen das Imperium von Rupert Murdoch absurd klingt. Geradezu besessen aber ist Assange von Bill Keller, dem Chefredakteur der New York Times. Zeile um hasserfüllte Zeile giftet er gegen Keller, nennt ihn "moralisch einen Pygmäen", dessen "Feigheit sein ewiges Erbe" sein werde. Das mag für einen Psychologen interessant sein, für alle anderen ist es vor allem: langweilig. Wenn Assange das mit der Bemerkung gemeint haben sollte, der Text sei "zu persönlich", dann hätte er recht gehabt. Kurz, als Quelle, gar als "politisches Manifest", ist dieses Buch ein Totalausfall.