Es gibt Wörter, die glasklar klingen, dabei verschleiern sie viel mehr, als sie enthüllen. Die Vereinigten Staaten von Europa sind so ein Fall. Winston Churchill hat sie 1946 beschworen. Seitdem kann man sich darauf verlassen, dass immer, wenn es nicht so gut läuft in Europa, ein kleiner Churchill auf die Leiter steigt und das Wort vom Himmel pflückt. Zuletzt hat das die deutsche Arbeitsministerin getan.

Ursula von der Leyen empfahl die Vereinigten Staaten von Europa als politische Antwort auf die gegenwärtige Finanz- und Schuldenkrise. Doch das Wort, das eine politische Föderation beschwört, führt in die Irre. Es benennt ein fernes Ziel und verschweigt, dass die EU ihm in den vergangenen Monaten keinen Schritt näher gekommen ist. Man könnte es auch andersherum formulieren: Die Sorge, dass die nationalen Regierungen gerade zentnerweise Macht und Einfluss an Brüssel abgeben, ist unbegründet.

Im Gegenteil. Eher muss man sich sorgen, was von jenen europäischen Institutionen, die die Gemeinschaft repräsentieren, noch übrig sein wird, wenn die Krise einmal vorüber ist. Denn Brüssel, der politische Ort, auf den sich die Fantasien eines föderalen Europas richten, gehört bislang zu den großen Verlierern dieser Krise. Nicht die EU-Kommission hat in vergangenen Monaten die Fäden gezogen. Und auch nicht das Europäische Parlament, das hierzu gar nicht die Möglichkeiten hätte. Alle wichtigen Entscheidungen der vergangenen Monate haben die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident getroffen . Oder Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank .

Wie die EU in der Krise funktioniert und was sich in ihrem Machtgefüge verändert hat, kann man erkennen, wenn man zwei ihrer führenden Köpfe betrachtet. José Manuel Barroso, der Chef der EU-Kommission, ist in der Krise fast unsichtbar geworden, was in gewisser Weise schon wieder eine Leistung ist – schließlich war die Gelegenheit für europäische Politiker, Aufmerksamkeit zu erregen, selten so günstig. Am vergangenen Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) sollte Barroso vor dem Europaparlament in Straßburg seine jährliche Rede "Zur Lage der Union" halten. Im Vorfeld kursierten Gerüchte, einige Abgeordnete könnten demnächst ein Misstrauensvotum gegen den Kommissionspräsidenten organisieren.

Ein anderer, der bislang eher still war, hat sich dafür immer mehr nach vorne geschoben. Oder besser: Er ist immer mehr nach vorne geschoben worden. Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rats, ist das Sprachrohr der 27 Mitgliedsstaaten. Er vertritt vorrangig ihre Interessen, und nicht wenige behaupten, er vertrete vorrangig die Interessen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy. Jedenfalls verkörpert der verschwiegene Belgier wie kein Zweiter die politische Methode, die Merkel in den vergangenen Monaten hartnäckig weiterentwickelt hat: die diskrete Absprache zwischen den Hauptstädten – unter Aussparung Brüssels.

Hier die Kommission, dort die Regierungschefs; hier der Anspruch einer immer engeren Union, dort das Beharren der Mitgliedsstaaten auf Macht und Kompetenzen: In diesem Spannungsfeld hat sich die EU seit je entwickelt. Doch selten sind die Gewichte so einseitig verteilt gewesen wie derzeit. Während der Kommission Geld und Fantasie fehlen, schreitet die Van-Rompuyisierung der EU scheinbar unaufhaltsam voran. Künftig soll der Belgier auch die Treffen einer von Merkel und Sarkozy erdachten Wirtschaftsregierung leiten.

Überhaupt sind in der Krise fast nebenbei ein paar neue Einrichtungen geschaffen worden. Der Rettungsschirm EFSF gehört dazu, eine kleine, mächtige Bürokratie, die mit Hunderten von Milliarden hantiert. Auch die sogenannten Euro-Gipfel, exklusive Treffen der Regierungschefs der 17 Euro-Staaten. Ob Euro-Gipfel, Wirtschaftsregierung oder Rettungsschirm: Allen ist gemeinsam, dass sie von den Regierungschefs in der Krise erdacht wurden und sich bislang jeder anderen Kontrolle entziehen.

Man mag sie fürchten oder herbeisehnen: Die Vereinigten Staaten von Europa wird es nicht geben. Auch dies gehört zu den Wahrheiten, die in der Krise häufig verschleiert werden.