Auf den ersten Blick scheint die Schweiz ein Mutterland zu sein. Sie hat einen femininen Artikel, und – viel wichtiger – zwei populäre Attribute der Schweizer Volkskultur sind entschieden weiblich: Heidi und Helvetia. Die eine ist ganz süß und unschuldig, die andere ist von klassischer Schönheit und beeindruckend gut bewaffnet. Zusammen geben sie ein akkurates Bild ab: Ja, so sehen die Schweizer ihr Land gern.

Dumm nur, dass es beide nie wirklich gab. Um die wahre Schweiz zu sehen, muss man ein bisschen genauer hinsehen. In Wirklichkeit wird das Land von einer sehr speziellen Art Mensch beherrscht: dem männlichen Homo helveticus. Wollen Sie ihn kennenlernen?

Wer ihn das erste Mal trifft, muss ihn ziemlich förmlich begrüßen. Wer das nicht tut, wird von ihm nie mehr als einen Händedruck erhalten. Er ist nämlich nicht nur ein bisschen scheu im Umgang mit Fremden, er bemüht sich auch sehr darum, seine Privatsphäre zu wahren. Sogar wenn die Begrüßung erledigt ist, kann die Konversation manchmal recht unangenehm sein – für beide Seiten. Small Talk ist nicht seine Stärke, persönliche Dinge verrät er nur sehr zögerlich, und Fragen bekommt er ungern gestellt. Erkundigen Sie sich nie nach seinem Beziehungsstatus oder dem Preis seines Autos! Haben Sie Geduld mit ihm, und Sie werden allmählich belohnt. Freunden Sie sich mit Helveticus also behutsam an, dann wird er sich öffnen und Ihnen ein lebenslanger Begleiter sein. So anhänglich und loyal, wie er ist, wird er sich womöglich als der Freund entpuppen, den Sie sich immer gewünscht haben.

So wie bei den meisten Völkern gibt es auch von Helveticus regionale Erscheinungsweisen, die dem oberflächlichen Betrachter vielleicht nicht so wichtig erscheinen mögen. Seien Sie gewarnt! Diese Unterschiede sind für ihn so identitätsbildend wie die unterschiedlichen Sprachen, die er spricht. Der Helveticus, der südlich der Alpen lebt, ist sicherlich offener und weniger gut organisiert, spontaner und weniger vorsichtig als der im Norden. Der Homo helveticus im Westen macht mehr einen auf Laisser-faire, gönnt sich schon mal einen Drink zum Mittagessen und ist offener gegenüber benachbarten Völkern. Die im Süden wie die im Westen finden das Leben mit der dominanten Spezies im Norden und Osten oft schwierig, weil deren Lebensweise so unentspannt ist. Aber auch wenn sie viel darüber reden, anders zu sein, wollen alle zur Art des Homo helveticus gehören. Wer ihnen unterstellt, sie seien eigentlich Teil einer anderen Spezies, begeht einen schlimmen Fehler.

Der einfachste Weg, mit dem Archetyp des Schweizer Mannes vertraut zu werden, besteht darin, seinen Lebenszyklus zu begreifen. Es sind fünf Stadien, die Ihnen alles über sein Benehmen und seine Einstellung, seine Erwartungen und Unsicherheiten verraten. Er ist das Resultat der Geografie, Geschichte und Gesellschaft. In Tat und Wahrheit verkörpert er die Schweiz.