Die Schweizer Männer, 3.877.400 an der Zahl, stehen vor einem Trümmerhaufen. Sie wurden ihrer Vorbilder beraubt. Ob Bergler, Bauer oder Banker – alle Monumente Schweizer Männlichkeit sind heute dekonstruiert oder zerschlagen. Der eine gilt als unverbesserlicher Hinterwäldler in entleerten "alpinen Brachen"; der andere als ein verhätschelter Subventionsempfänger; und aus dem Schweizer Bankier, der fleischgewordenen Zurückhaltung und Diskretion, ist längst ein Abzocker geworden.

Wie also geht es dem Schweizer Mann? "Er steckt in einer Identitätskrise, wie seine Kollegen in Deutschland, Italien oder Frankreich", sagt der Basler Männerforscher und Soziologieprofessor Walter Hollstein . Männlichkeit sei heute ein Plural. Mann ist überfordert. Von den Ansprüchen, die das Umfeld an ihn und er an sich selbst stellt. Nämlich Geld verdienen, Karriere machen, Liebes- und Familienleben unter einen Hut bringen.

Mann beklagt sich. Und die Wissenschaft erbarmt sich seiner. Lange wurde der Männerforschung kaum Beachtung geschenkt, heute ist sie en vogue.

"Die Politik hat sich in der Vergangenheit vor allem für die Interessen und die Gleichstellung der Frau eingesetzt. Heute gibt es aber auch benachteiligte Männer", sagt die Soziologin Margret Bürgisser. Sie betreibt in Luzern ein privates Institut für Sozialforschung, Analyse und Beratung . "Man hat lange ausgeblendet, dass für diese auch was getan werden muss." Die Männer hätten immer als die Privilegierten und Täter gegolten, die Frauen als die Benachteiligten und die Opfer der Gesellschaft. "Wir brauchen heute aber eine Brille mit zwei Optiken, eine für die Männer, eine für die Frauen." Politik und Forschung müssten auf beide Gruppen achten, sagt die Soziologin.

Denn Männer wollen im Alltag präsent sein und an der Entwicklung der Kinder teilhaben. So geben sie es jedenfalls zu Protokoll. Zum Beispiel in einer Befragung von 1.091 Männern, welche die CVP-Nationalrätin und Politologin Lucrezia Meier-Schatz dieses Jahr im Auftrag des kantonalen St. Galler Departements des Innern durchgeführt hat. 85 Prozent der Männer wünschen sich, dass der Arbeitgeber ihnen ähnliche Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bietet wie den Frauen. Mehr als drei Viertel der Teilnehmer fordern eine breitere öffentliche Diskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und neun von zehn Männern würden ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, vom kleinen Angestellten bis zum Chef. Rechnete man dieses Ergebnis auf die schweizerische Gesamtbevölkerung hoch, wären zwei Millionen männliche Arbeitnehmer bereit, im Beruf zurückzuschrauben. Das wären ganz schön viele.

"Familie, Partner und Kinder" sind für den Schweizer Mann das Wichtigste im Leben; weit vor Beruf oder Freunden. Das ergaben die vom Soziologen Karl Haltiner verantworteten Eidgenössischen Jugendbefragungen von 2004 und 2005, in denen sich die 47.000 Schweizer Wehrpflichtigen äußerten.

Nur haben all diese Umfragen ein Problem: Sie widersprechen der nüchternen statistischen Realität. Sind sie nichts als Lippenbekenntnisse? Ist der "überforderte Mann" bloß ein malade imaginaire ?

Denn sobald das erste Kind da ist, fallen sowohl Mann als auch Frau häufig in ihre traditionellen Rollen zurück. "Er übernimmt die Versorgung, sie die Fürsorge", sagt Walter Hollstein. Doch während es viele Frauen schaffen, einen Fuß in die Arbeitswelt zu setzen und auch als Mutter zumindest Teilzeit zu arbeiten, gelingt es nur wenigen Vätern, aus der Ernährerrolle auszubrechen. Den hehren Absichtserklärungen folgen also nur selten Taten. Ob dies wirklich nur an den mangelnden Strukturen liegt?