In Zahlen ausgedrückt: 86,2 Prozent der berufstätigen Männer waren 2010 nach Angaben der Arbeitskräfteerhebung des Bundesamtes für Statistik voll beschäftigt – unabhängig vom Alter der Kinder und vom Einkommen der Frau. In acht von zehn Haushalten übernimmt die Frau die Haus- und Familienarbeit. Mit 32 Stunden in der Woche leistet der durchschnittliche Mann nur halb so viel in den eigenen vier Wänden wie seine Frau.

Mehr noch: Ist eine Frau berufstätig, dann häufig nur Teilzeit. Dabei wird sie in der Regel schlechter bezahlt als ein Mann. In der Privatwirtschaft verdient eine Frau schweizweit im Schnitt knapp ein Fünftel weniger als ein Mann, der in der gleichen Position arbeitet. Im Kanton Zürich ergab die Lohnsticherhebung des statistischen Amtes, dass der Lohn für Frauen sogar um ein Viertel geringer ist. Während die Männer 2008 hier im Schnitt monatlich 6.958 Franken brutto (Schweiz: 6.248) verdienten, erhielten die Frauen 5.221 Franken (Schweiz: 5.040). Häufig wird der niedrigere Frauenlohn mit einer schlechteren Ausbildung oder geringerer Berufserfahrung erklärt. In einem Drittel der Fälle ist er aber nur eines: Diskriminierung.

Das "Ernährermodell Mann" dominiert auch die Partnerwahl. Nur zwölf Prozent der verheirateten Männer sind mit einer Frau zusammen, die mehr verdient als sie selbst. Auch haben Männer in der Gesamtbevölkerung nach wie vor den höheren Bildungsstand. Mehr als ein Viertel der Männer zwischen 25 und 64 Jahren hat einen Hochschulabschluss, aber nur ein Fünftel der Frauen. Der Anteil der Männer, die eine höhere Berufsausbildung absolviert haben, ist doppelt so hoch wie jener der Frauen.

Das verwundert, sind doch die Knaben in der Schule im Durchschnitt schlechter als Mädchen. Sie müssen häufiger eine Klasse wiederholen, werden öfter in Sonderklassen versetzt. Aber die Zeiten ändern sich, das zeigt ein Blick in die Statistiken. Im Herbstsemester 2010/2011 waren schon etwas mehr als die Hälfte der Studierenden an den Hochschulen und Fachhochschulen weiblich. Bildung wird weiblich.

Der "überforderte Mann" ist, wenn überhaupt, ein herausgeforderter Mann: Es erwächst ihm Konkurrenz vom Weibe, es droht der Putsch am Tischkopfende. "Männer haben das Gefühl, eigentlich überflüssig zu sein", sagt Männerforscher Walter Hollstein. Der Mann sehe sich zunehmend in seiner Funktion als Ernährer bedroht. Dagegen formiert sich Widerstand. Mal fundamentalistischer – wie jener der tragikomischen Anti-Feministen. Mal seriös-pragmatischer – wie jener des Dachverbands der schweizerischen Männer- und Väterorganisationen, einer Lobby, die sich gegen die Ungleichbehandlung von Männern in Sorgerechtsstreitigkeiten starkmacht. Sie legte sich zum Beispiel medienwirksam mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga an – und obsiegte. Die Männeranliegen fanden in Bundesbern Gehör.

Ist die neue Männerdebatte also tatsächlich mehr als ein reaktionärer Versuch, das Rad der weiblichen Emanzipation zurückzudrehen?

Glaubt man Martin Schoch vom Mannebüro Basel , geht es für den Mann ums Ganze – er fühle sich in seiner Männlichkeit bedroht. Und zwar bis hinein ins Bett. "Sex ist ein wichtiger Faktor in der Herstellung von Männlichkeit", sagt Schoch. Doch die Ankunft der Pornografie im gesellschaftlichen Mainstream hat nicht nur Folgen für Frauen. Dem willigen weiblichen Objekt steht das omnipotente männliche Subjekt gegenüber. Ein echter Mann ist aktiv, beinahe aggressiv, triebgesteuert, auf sexuelle Attribute fixiert und hätte gern Sex mit mehreren Frauen gleichzeitig. "Was Pornos zeigen, kann ein Mann mit seinem Schnäbi privat kaum ausleben", sagt der Soziologe.

Also nochmals: Muss man sich um den Schweizer Mann sorgen?

Ja, zumindest, wenn es um seine Gesundheit geht. Nur ein Achtel aller hiesigen Männer halten sich an die Empfehlung der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, fünfmal am Tag eine Portion Obst oder Gemüse zu essen. Dafür trinkt Mann doppelt so häufig Alkohol wie Frau, und ein Drittel aller Männer raucht täglich – unter den Frauen ist es nur ein Viertel. Fast doppelt so viele Männer wie Frauen zwischen 35 und 65 Jahren sind übergewichtig. Herzinfarkt und Hirnschlag sind unter Männern die häufigsten Todesursachen.

Die Männer bringen sich um fast doppelt so viele verlorene potenzielle Lebensjahre (VPL) wie Frauen. Mit VPL sind die Jahre gemeint, die ein Mensch vor Erreichen des 70. Lebensjahrs stirbt. Diese Todesfälle ließen sich zum Teil durch Prävention und Therapie verhindern. So aber stirbt mehr als ein Viertel aller Männer nach Angaben der Gesundheitsstatistik von 2009 zu früh an Krebs, Herzkreislauf-Erkrankungen sowie durch Unfälle und Selbstmord. Dabei darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass das Sterblichkeitsrisiko in der Schweiz heute so niedrig ist wie nie zuvor.

Alles ist also vergänglich, auch der Mann – oder sagen wir lieber das, was das Stereotyp eines Mannes einmal ausgemacht hat. Dieses scheint die Welt verloren zu haben. Der Mann von heute passt sich an – die Frage aber bleibt, ob er sich auch wirklich geändert hat.