"Mir gefällt es, in einem Land mit unsicherer Identität zu leben", sagt der Maler Eldar Farber . "Es ist gerade das Undeutliche und Unfertige an den heutigen Deutschen, das mich anzieht."

Es ist fast sechs Jahre her, dass Farber, ein Israeli, im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück vor einem mächtigen Baum stand und ihm eine Frage durch den Kopf ging: "Kennt dieser Baum meinen Vater?"

In Israel war Farber damals schon ein gefeierter Landschaftsmaler. Er war 35, es war sein erster Besuch in Deutschland, lange hinausgeschoben. Seine Eltern hatten den Holocaust überlebt, der Vater war Häftling in Ravensbrück gewesen.

Farber postierte seine Staffelei zwischen den Lagerbaracken. Über den weiten uckermärkischen Himmel trieben Wolken. Wie malt man einen Ort, von dem man am Kinderbett schreckliche Dinge hörte?

Farber ging mit Ravensbrück um, als wäre es ein Motiv wie jedes andere. Es gibt kein Zeichen des Schreckens auf seinem Bild, kein Drama, nur die Wolken, hell über der öden Hoffläche. Ein schöner, stiller Sommertag in Deutschland: Farbers Bild ist das Dokument einer bestandenen Mutprobe. Er hatte sich nicht überwältigen lassen. Er konnte jetzt anfangen, Deutschland zu mögen.

Als Farber zum ersten Mal nach Deutschland kam, hatte er eine schwer fassbare Angst vor diesem Land, das in seiner Vorstellung immer schwarz-weiß gewesen war, wie auf den Fotos seiner Eltern. Als er vom Flughafen aus stadteinwärts fuhr, erwischte er sich bei dem Gedanken, dass das Licht an einem Berliner Sommerabend wunderschön ist: "In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht. Hier in Deutschland sind sogar in den dunklen Tönen unzählige Nuancen zu erkennen."

Sommer für Sommer, wenn die gnadenlose Sonne das Arbeiten in Tel Aviv unmöglich macht, verbringt Farber seitdem im "sanften Berliner Licht". Er ist einer von rund 3000 Israelis, die sich in Berlin niedergelassen haben. In seinem Atelier in Prenzlauer Berg steht ein neues Bild, eine smaragdgrün schillernde Waldszene aus dem Berliner Tiergarten. Seit seinen Kindertagen in Tel Aviv habe er Sehnsucht nach dem deutschen Wald gehabt, sagt Farber. In Israel gibt es keine Wälder. Farber glaubt, dass ihm das Bildgedächtnis seiner Eltern vererbt worden sei.

"Ich fühle mich bei den Deutschen auf eine verrückte und zugleich natürliche Art wohl", sagt Farber. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage: Ich liebe die Ordnung hier, und dass sich die Leute an Regeln halten." Farber rührt die Beklommenheit neuer Bekannter, wenn sie erfahren, dass seine Eltern KZ-Häftlinge waren. Offenbar ist es inzwischen leicht, in Deutschland zu leben – aber immer noch schwer, ein Deutscher zu sein. Diesen Vorbehalt der Menschen hier gegen sich selbst bewundert Eldar Farber am meisten. "Die Deutschen sind immer noch verstört von ihrer Vergangenheit. Nun müssen sie Kriege führen, den Euro retten, die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Sie sind verwirrt, weil die Lektion des ›Nie wieder!‹ keine Antwort ist auf die neuen Aufgaben." Israel sei viel zu belagert, um sich so viel Unbestimmtheit leisten zu können, sagt Farber. Und Deutschland? Ist ironischerweise vom Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde geworden.

Farbers Deutsche Landschaften wurden letztes Jahr in Tel Aviv gezeigt. Alle Bilder wurden verkauft, bis auf das Bild aus dem Lager Ravensbrück. Eldar Farber hat es seinem Vater geschenkt. Nun hängt es zu Hause in Tel Aviv. Sein Vater liebt das Bild. Ein großer alter Baum steht in der Mitte, und der Himmel über Ravensbrück ist blau.

Mitarbeit: Angela Köckritz, Hanno Rauterberg, Michael Thumann