Durch die halb geöffneten Fenster klingt das Lachen der Touristen herauf, die unten am Spreeufer entlangschlendern. Es ist ein herrlicher Spätsommervormittag, und Frank-Walter Steinmeier ist bester Laune, die Sozialdemokraten gewinnen ja auch eine Wahl nach der anderen. Dann aber umwölkt sich die Miene des SPD-Fraktionsvorsitzenden, brütend sitzt er nun an seinem Besuchertisch. Irgendwie scheine es ihm, als könne alles plötzlich auseinanderbrechen. Die Regierung? Nein, nein, er spreche von Europa. Er sei da zutiefst besorgt.

Wenn man eine Woche lang durch das politische Berlin zieht auf der Suche nach dem künftigen Europa, dann trifft man immer wieder auf diese Sorge. Kann die Griechenlandkrise den Kontinent, ja die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen? Man hört aber auch, und zwar viel öfter, dass die Krise eine Chance sei, bei der europäischen Integration einen großen Schritt weiterzukommen.

Alexander Graf Lambsdorff sieht das so. Der Vize-Fraktionschef der Liberalen im Europäischen Parlament ist am Morgen nach dem Berliner Wahldebakel gestresst. Der Flieger aus Köln hatte Verspätung, und gleich beginnt die Vorstandssitzung seiner zur 1,8-Prozent-Partei herabgedemütigten FDP. Eine konzentrierte halbe Stunde reicht ihm aber, um die Notwendigkeit einer forcierten europäischen Integration zu begründen und alle europaskeptischen Versuchungen bei der FDP zu verdammen: "Unser Leitstern bleibt Genscher!"

Lambsdorff gehört zu den Liberalen, denen man ihre europäische Überzeugung aufs Wort glaubt. Wie ja auch die Berliner Wahl gezeigt hat, dass man hierzulande für antieuropäische Parolen vom Wähler nicht belohnt, sondern bestraft wird.

Darüber freut sich niemand so lustvoll wie Jürgen Trittin. Der Fraktionschef der Grünen kann die FDP sowieso nicht ausstehen, ihr populistischer Euro-Kurs lässt ihn laut werden. "Wir stehen kurz vor der Ratifizierung des europäischen Stabilitätsmechanismus. Die FDP organisiert dagegen gerade einen Mitgliederentscheid. Das ist doch aberwitzig. Dieselbe FDP, die fahrlässig von einer ›geordneten Staatsinsolvenz‹ redet, organisiert einen Mitgliederentscheid gegen das Instrument, das eine geordnete Insolvenz überhaupt erst ermöglicht."

Die Sorgen Steinmeiers, die Beschwörungen Lambsdorffs, das Zürnen Trittins – all das täuscht nicht darüber hinweg, dass sich Berlins politische Klasse im Grunde einig ist, wie es mit Europa weitergehen soll. Eine Währungsunion könne auch ohne politische Union funktionieren? Das haben viele geglaubt, aber nun sei dieser "Trugschluss durch die Finanzmärkte enthüllt" worden, heißt es im Umfeld der Bundeskanzlerin.