Die Dachwohnung in Notting Hill ist in mildes Londoner Herbstlicht getaucht. Hier oben ist die Welt friedlich. Helen wischt die Küchentheke und hängt den Lappen über den Wasserhahn. Sie setzt sich an den Tisch, klappt den Computer auf und sucht nach einem Film auf YouTube, einem Film aus ihrer Heimat, aus Homs. Bei einem der Proteste gegen das syrische Regime von Baschar al-Assad haben Sicherheitskräfte einem Mann das Gesicht zerschossen. "Ich wette, Sie können sich das nicht zu Ende anschauen", sagt sie. "Die Brutalität ist nicht zu ertragen." Sie steht wieder auf, greift nach dem Lappen, um die blitzblanke Theke erneut zu wischen. Ein kleines bisschen Ordnung in ihrem Leben, ein paar Sekunden, in denen ihr Alltag banal scheint.

Letzten Monat hat das Dossier über Helen und ihre Familie aus Homs berichtet (ZEIT Nr. 35/11). Da trug sie den Namen Faten. Eine Frau und Mutter, die aus dem Alltag einer Lehrerin in den Strudel der Gewalt gerissen wurde, der Syrien seit sechs Monaten beherrscht. Jeden Abend ging ihr Sohn Mazen, 25, hinaus auf die Straßen, um die Proteste gegen die Diktatur zu organisieren, Verletzte zu bergen und Krankenhäuser zu bewachen. Jeden Abend zog er in den Krieg, und seine Eltern saßen bis zum Morgen wach und warteten auf den Anruf. "Es war unerträglich", sagt sie. "So unerträglich, dass wir überzeugt waren, die Nachricht von seinem Tod würde uns wie eine Erleichterung vorkommen."

Ende August wurde der Druck zu groß. Als der Sohn angeschossen wurde, verließ die Familie Syrien. Über Damaskus und Kairo flogen die Dayems nach London. Helen wurde in Cambridge geboren. Sie, ihr Mann und die Kinder haben britische Pässe. Nun brauchen sie keine Decknamen mehr. "Jetzt können wir sein, wer wir sind: Mazen heißt Danny, er ist der Sohn der Dayems aus Homs, die dem Rest der Welt erzählen, was in Syrien passiert", sagt Helen.

Der Welt zu erzählen, wie die Ereignisse des Arabischen Frühlings sich weiterdrehen, das haben sie sich zur Aufgabe gemacht. Für die syrische Diaspora in London ist der Bürgerkrieg so weit weg wie für jeden, der die verwackelten Handybilder aus Syrien auf den westlichen Nachrichtenkanälen sieht. Vater Akram Dayem will jetzt die internationale Opposition gegen das Assad-Regime organisieren und ein Nachrichtenbüro einrichten, das die Filme der Protestierenden an Medien und Hilfsorganisationen weiterleitet, um der Welt die Menschenrechtsverletzungen in Syrien vor Augen zu führen.

Aber zunächst müssen die Dayems eine permanente Bleibe finden. Viel Geld haben sie nicht. Die Wohnung in Notting Hill ist nur für zwei Wochen bezahlt, einen Anspruch auf eine Sozialwohnung haben sie nicht. So fürchten die Dayems zwar nicht mehr um ihr Leben, aber um ihre sichere Existenz. Und irgendwie sind Helen und Akram auch froh darüber. "Ich fühle mich schon schuldig, wenn ich in den Supermarkt gehe", sagt Helen. "Dann umgibt mich eine Normalität, die mir falsch vorkommt, und ich renne nach Hause, um mir die neuesten Bilder aus Syrien anzuschauen." Danny schaut von seinem Computer hoch. Über eine Stunde lang hat er auf Facebook die Berichte von den jüngsten Demonstrationen gelesen und Filme an Amnesty International weitergeleitet. Im Geiste hat er Homs nie verlassen. "Nächste Woche fliege ich wieder hin", sagt er.