Berlin. Vor einer Woche haben die Piraten hier das Abgeordnetenhaus geentert , seitdem sprechen alle von dem erfrischenden Stil der Internetpartei. Wir haben den Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz zu einem Gespräch mit zwei Netzpolitikern aus dem Bundestag eingeladen: Konstantin von Notz von den Grünen und den FDPler Jimmy Schulz, den wir per Skype von dem UN-Internetforum in Nairobi zuschalten. Als Erstes klären wir die technischen Fragen: Sind das wirklich Kassetten, mit denen die ZEIT das Gespräch aufnimmt? Und können sie während des Interviews darüber twittern? Können sie leider nicht. Datenschutz.

DIE ZEIT: Meine Herren, sind Sie Nerds?

Sebastian Nerz, Piratenpartei: Viele sehen einen Nerd als jemand, der viel Zeit am Computer verbringt, der digital lebt, der mehr mit der technischen Welt zu tun hat als mit der klassischen Kohlenstoffwelt. Für andere ist es eine unsoziale Haltung: mit dem Computer zu leben und nicht mit der normalen Gesellschaft.

ZEIT: Oder gar mit einem Mädchen.

Nerz: Genau. Ich bin verlobt, das passt also schon mal nicht. Ich hatte mit sechs meinen ersten Computer und habe sehr viel Zeit damit verbracht. Aber ich würde mich nicht als Nerd bezeichnen. Der Computer ist Teil meines Kommunikationsverhaltens, aber er bestimmt mein Leben nicht.

Konstantin von Notz, Bündnis 90/Die Grünen: Wenn es bedeutet, dass man netzaffin ist, dann bin ich ein Nerd, ja. Aber wenn es bedeutet, dass man darüber den Gesamtblick aufs Leben verliert, dann nicht.

Jimmy Schulz, FDP-Fraktion: Ich, ein Nerd? Jein. Ich bin seit 1988 im Internet, was damals noch nicht in der Form existierte. Ich arbeite auch in dem Bereich, meine Firma entwickelt Software. Ich sehe mich als Dolmetscher, als Wanderer zwischen den Welten, die zwei verschiedene Sprachen sprechen und zu oft aneinander vorbeireden.

ZEIT: Es heißt, durch Deutschland ziehe sich ein digitaler Graben . Internet-Natives und Internet-Migranten stünden sich fremd gegenüber.

Von Notz: Wir haben vielleicht noch einen digitalen Graben, der sich durch die Gesellschaft zieht, aber der wird immer schmaler. Das Netz wird immer mobiler. In fünf bis zehn Jahren werden alle Menschen ständig online sein. Es wird keinen Unterschied zwischen Sein und Onlinesein mehr geben.

Schulz: Wir werden alle online sein, nur viele werden es nicht mehr merken. Wenn das Internet die Realität erobert, wenn Autos über das Internet gesteuert werden, verläuft der Graben zwischen denjenigen, die verstehen, was hier passiert, und denen, die es über sich ergehen lassen. Deswegen ist Nerd das neue Cool.

ZEIT: Herr von Notz, plötzlich gibt es da jemanden, der cooler und jünger ist als man selbst. Was haben die Piraten, das die Grünen nicht haben?

Von Notz: Wir haben immer noch viele junge Menschen bei den Grünen, sind aber inzwischen eben kein Ein-Generationenprojekt mehr. Und: Kann man wirklich sagen, dass die Grünen in ihren Anfängen als cool galten? Die strickenden Männer und all die anderen Klischees? Wir waren unangepasst und gegen den Mainstream, gleichzeitig standen und stehen bei uns immer Themen wie Ökologie, Emanzipation und Demokratie im Vordergrund.

ZEIT: Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen ?

Von Notz: Offensichtlich nicht: Bei den Berliner U-18-Wahlen waren wir es, die mit großem Abstand die meisten Stimmen geholt haben, nicht die Piraten. 25 Prozent der Leute, die bei der Berlin-Wahl die Piraten gewählt haben, hätten auch Grüne wählen können. Aber 75 Prozent haben mit den Grünen überhaupt nichts zu tun. Die Piraten gelten als links. Aber ich bezweifle, dass sie es tatsächlich sind.