ZEIT: Warum können Fälschungen so eine große Wirkung haben?

Eco: Für alle Verschwörungstheorien gilt: Man benutzt immer dieselben Argumente, adressiert sie nur neu an die Gruppe, die man bekämpfen möchte. Es sind exakt dieselben Anklagen, die im 19. Jahrhundert gegen die Juden, gegen die Jesuiten, gegen die Kommunisten und gegen Napoleon III. vorgetragen wurden. Jede Fälschung bestätigt bereits vorhandene Vorurteile. Du musst nichts Neues enthüllen, du musst nur die alten Vorurteile wiederholen. Je älter sie sind, desto mehr Leute glauben sie.

ZEIT: Ihr Roman erzählt auch davon, dass die italienische Einigungsbewegung, das Risorgimento, ebenso mit Verschwörungstheorien arbeitete. Von Cavour bis Garibaldi, von Manzini bis zu den Republikanern, alle arbeiteten mit Lügen. Das ist ziemlich desillusionierend.

Eco: Meine Generation und auch die meines Vaters wuchs auf in der Verehrung für das Risorgimento: Jeder war ein Held. Aber unter der Oberfläche gab es immer die Anti-Risorgimento-Argumente. Der reaktionäre Blick auf das Risorgimento als eine Kolonisierung der armen neapolitanischen und sizilianischen Menschen. Natürlich ist die Wahrheit in der Mitte. Den Teil über das Risorgimento schrieb ich 2006, und ich ging davon aus, dass ich acht Jahre für den Roman brauchen würde. Es war ein Zufall, dass das Buch dann just in dem Jahr erschien, in dem wir das 150. Jubiläum des Risorgimento feierten.

ZEIT: Italien hat das Risorgimento ja nicht besonders groß gefeiert, ist unser Eindruck.

Eco: Im Gegenteil. Es war ein kleines Wunder: Italiener sind immer sehr skeptisch, was den Staat betrifft oder die Nation. Meine Generation ertrug es nicht, die Flagge zu sehen. Weil sie uns an die faschistische Erziehung erinnerte. Dann gab es die Lega Nord, die immer über das Risorgimento maulte. Doch dank der moralischen Autorität des Präsidenten der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano, holten die Italiener plötzlich ihre Flaggen raus. Es war das erste Mal, dass die Italiener die Nationalhymne sangen. Es war eine trotzige Reaktion auf den Sezessionismus der Lega Nord. Bis dahin waren Flagge und Nationalhymne rechts, jetzt wurden sie plötzlich links. Da hat eine profunde Veränderung in der italienischen Öffentlichkeit stattgefunden. In dem Moment, in dem die italienische Regierung den tiefsten Punkt ihrer Erbärmlichkeit erreicht hat, braucht das Land eine reine Identität. Und das einzige Symbol dafür war der Präsident der Republik. Die Feier des Risorgimento, die Wiedergeburt der Nationalflagge und Berlusconis Niederlagen bei den Wahlen – das war ein und dasselbe Phänomen.

ZEIT: Warum spielten Verschwörungstheorien gerade im 19. Jahrhundert so eine große Rolle?

Eco: Es war die Epoche der nationalen Befreiungen. In jedem Land gab es Geheimorganisationen. Alle politischen Aktivitäten zur nationalen Unabhängigkeit fanden im Verborgenen statt. Während die Französische Revolution noch ein Open-Air-Ereignis war, wurde die Revolution im 19. Jahrhundert zu einer Verschwörung. Garibaldi hat niemanden informiert über seinen Marsch nach Sizilien.

ZEIT: Wie kam es, dass mit den Nationalbewegungen auch der Antisemitismus erstarkte?

Eco: Bis zur Französischen Revolution waren die Juden vor allem Objekte eines theologischen Hasses. Man sagte: Sie hatten Jesus getötet. Aber sie waren arme Leute, die im Ghetto lebten. Da genügten ein paar Pogrome, um es zynisch zu sagen. Wenn man in einem Ghetto in Weißrussland lebt, ist eine Weltverschwörung ziemlich unwahrscheinlich. Mit der Französischen Revolution begann die Emanzipation der Juden. Jetzt wurden sie zu Rothschilds. Sie waren nicht mehr die Jesus-Mörder, sondern Banker. Es gibt viele Schriften aus dem 19. Jahrhundert, die beweisen wollen, dass der Jude, der Kapitalist und der Engländer identisch sind.

ZEIT: Warum sind Verschwörungstheorien so unausrottbar?

Eco: Die Menschen haben den Drang, ihr Scheitern anderen zuzurechnen. Schon in der Ilias wird das Schicksal Trojas als Verschwörung der Götter dargestellt. Wenn du im Stau steckst, schimpfst du über die Regierung. In Wahrheit bist du es selber, der den Stau produziert. Leute suchen Verschwörungstheorien, um sich selbst zu entlasten.

ZEIT: Sie waren auch einmal zusammen mit der Literaturtheoretikerin Julia Kristeva eingeladen zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Ist Davos auch eine Konspiration?

Eco: Davos funktioniert wie ein Salon des 19. Jahrhunderts: Man hat Gelegenheit, Leute zu treffen. Es ist ein aristokratischer Club. Eine Verschwörung sieht anders aus. Moderne Gesellschaften sind zu komplex, als dass eine Geheimgesellschaft ihre Geschicke bestimmen könnte.

ZEIT: Hat das Internet einen Einfluss auf Verschwörungstheorien? WikiLeaks zum Beispiel macht es schwierig, etwas geheim zu halten.

Eco: Das Internet kann konspirative Unternehmungen verhindern, weil es alles öffentlich macht. Zugleich kann es Verschwörungen anzetteln, weil es so viele Mythen und Gerüchte produziert. Die arabischen Revolutionen durch Facebook waren eine öffentliche Konspiration. Das Internet zerstört die alten Ideen von Repräsentation. WikiLeaks ist aber aus einem anderen Grund wichtig: Es hat gezeigt, dass in all diesen Geheimdossiers nur Dinge stehen, die man auch in den Zeitungen lesen kann. Das ist übrigens auch die These meines Romans. Man darf mit keinen ungewöhnlichen oder überraschenden Informationen um die Ecke kommen, sonst wird einem nicht geglaubt.