ZEIT: Dan Browns Romane handeln auch von Geheimgesellschaften. Steht Ihr Roman in einem Verhältnis zu Dan Brown?

Eco: Unbedingt. Dan Brown ist ja sogar ein Charakter in meinem Foucaultschen Pendel, wo ich von den grotesken Formen des Okkultismus erzähle. Wir haben uns sogar einmal getroffen. Er sagte: Sie sind nicht glücklich mit meinen Romanen! Ich antwortete: Im Gegenteil, Sie sind sogar eine meiner Figuren, wie sollte ich unglücklich sein?

ZEIT: Ihr Roman ist auch eine Allegorie auf Italien.

Eco: Mein Roman handelt vom 19. Jahrhundert, von antisemitischen Fälschungen und Geheimgesellschaften. Wenn Sie dann große Ähnlichkeiten zum gegenwärtigen Italien entdecken, fühlen Sie sich frei. Es ist nicht meine Schuld.

ZEIT: Ist Dummheit das, was die Weltgeschichte regiert?

Eco: Ich bin immer fasziniert von der Rolle, die die Dummheit spielt. Ich habe eine ganze Bibliothek, die nur Bücher enthält, die falsch sind. Die Geschichte ist das Reich der Fälschung, der Lüge und der Dummheit.

ZEIT: Welche Rolle spielt die Dummheit beim Erfolg von Silvio Berlusconi?

Eco: Ich könnte antworten: Es ist ein Beweis für die Macht der Dummheit. Nicht der Dummheit Berlusconis. Berlusconi ist ein Genie der Kommunikation. Wenn Sie mit einem Taxifahrer sprechen, sagt er: Berlusconi ist reich, deswegen wird er sich nicht an uns bereichern. Das ist natürlich töricht, denn in gewisser Weise ist er ja nur deshalb reich, weil er uns bereits bestohlen hat. Er ist ein begabter Lügner. Schauen Sie: Warum haben Haarwuchsmittel so einen enormen Erfolg? Jeder weiß doch: Wenn du einmal deine Haare verloren hast, bekommst du sie nicht mehr zurück. Aber es werden Millionen Euro für Haarwuchsmittel ausgegeben. Das ist die Macht der Dummheit.

ZEIT: Wird Berlusconi wiedergewählt werden?

Eco: Gäbe es in diesen Tagen Wahlen, er würde nicht mehr gewählt werden. Aber er wird alles tun, die nächsten zwei Jahre zu überstehen. Und wie die Stimmung dann aussieht, kann ich nicht sagen.

ZEIT: Das alte korrupte Parteiensystem des Italiens der Nachkriegszeit wurde 1991 durch die Mailänder Staatsanwälte der Mani pulite hinweggefegt. Hat es Sie überrascht, dass der Effekt von Mani pulite ausgerechnet Berlusconi war?

Eco: Nein, denn Mani pulite zerstörte die Democrazia Cristiana. Das hieß, es gab Millionen Wähler, die nie links wählen würden und eine neue politische Heimat suchten. In diesem Moment präsentierte sich Berlusconi als der Mann der rechten Mitte. Berlusconi erschien vielen als guter Konservativer. Dass er tatsächlich kurz vor dem Bankrott stand und sich den Strafbehörden nur entziehen konnte, indem er Regierungschef wurde, wollten die Leute nicht wissen.

ZEIT: Gibt es eine politische Figur, auf die Sie setzen?

Eco: Ich bin jetzt sehr aufrichtig: Einer der Gründe für Berlusconis Triumphe war, dass die italienische Linke unfähig war, eine Gegenfigur aufzubauen. Die letzte war Romano Prodi. Prodi wurde nicht destruiert durch Berlusconi, sondern durch die Linke. Durch seine eigenen politischen Freunde.

ZEIT: Sie sind mit einer Deutschen verheiratet. Warum ist Deutschland so viel stabiler als Italien?

Eco: Warum glaubt Italien an Berlusconi? Warum glaubte Deutschland an Hitler? Jedes Volk hat einen Moment, wo es den Verstand verliert.

ZEIT: Ihr Protagonist Simonini liebt gutes Essen. Ist das eine Eigenschaft, die Sie mit ihm teilen?

Eco: Das ist das tragischste Missverständnis, das ich mit diesem Buch hervorgerufen habe. Ich habe diese Rezepte so ausführlich beschrieben, weil ich beim Leser Ekel hervorrufen wollte. Bei Simonini ist das Essen ja nur ein Ersatz für fehlende sexuelle Aktivitäten. Ich hatte mich vertieft in die Kochbücher des 19. Jahrhunderts und wollte die Leser das Fürchten lehren, stattdessen habe ich die Gourmets stimuliert. Ich bin selber ja gar kein Gourmet.