Der revolutionäre Aufbruch im Nahen Osten kam so unerwartet wie der 1989 in den ehemaligen Satellitenstaaten der UdSSR. Kein Geheimdienst hatte vorausgesagt, dass sich Millionen von meist jugendlichen arabischen Rebellen mithilfe ihrer Handys und Smartphones zu einer Forderung verabreden würden, die aus der amerikanischen und der Französischen Revolution stammt. "Freiheit" hieß dieser Ruf, und "Weg mit den korrupten Diktatoren, die das Volk bestehlen!". Weg mit Mubarak, Ben Ali, Gadhafi und Assad.

Angesichts des Freiheitssturms im Nahen Osten geriet das alte Europa in Verlegenheit. Hatten die Erben der Französischen Revolution nicht ihre Ideale zugunsten von gewinnbringenden Geschäften mit den Diktatoren längst aufgekündigt? Frankreich, Italien, die Bundesrepublik – hatten sie nicht ebendiese Diktatoren mit modernsten Waffen und Überwachungstechnologien ausgestattet, die nun gegen die rebellische Bevölkerung eingesetzt wurden? In Europa hört man oft, der Begriff Freiheit sei etwas abgedroschen, politischer Kitsch, eigentlich wisse man nicht genau, was er bedeute. Diesen Leuten darf man entgegnen: Wer mit dem Wort Freiheit nichts mehr anzufangen weiß, kann einigermaßen sicher sein, dass er – ohne es zu wissen und etwas dafür getan zu haben – im Besitz der Freiheit ist. Diejenigen aber, die die einfachsten Freiheitsrechte entbehren, wissen in der Regel ganz genau, was ihnen fehlt.

Seit ich politisch denken kann, war mein Engagement mit dem Schicksal Irans verknüpft. Schuld an dieser seltsamen Fixierung ist kein anderer als Bahman Nirumand gewesen. Sein Bestseller, Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt, hat nicht nur mich, er hat Tausende von Berliner Studenten anlässlich des Besuchs des Schahs in Berlin auf die Straße gebracht. Kurz vor der Demonstration vom 2. Juni 1967 rief ich Nirumand an und fragte, wie ich bei seinem Kampf gegen das Schah-Regime helfen könne. Ich weiß nicht mehr, wer mir Nirumands Telefonnummer gegeben hat, ich weiß nur noch, was ich empfand, als ich am anderen Ende der Leitung seinen Namen hörte. In der tiefen Stimme, die jedes Wort besonders langsam in den Hörer sprach, meinte ich die Stimme eines Verfolgten zu erkennen, hinter dem gleich mehrere Geheimdienste her waren. Lebte er bereits in einem Versteck, vielleicht in einem Keller? In meiner Fantasie sprachen aus Nirumands Raucherstimme die gemarterten iranischen Dissidenten, deren Leiden er in seinem Buch so eindrucksvoll beschrieben hatte. Nirumand gab mir sein O.K. für den von mir skizzierten Steckbrief über den Schah. Unter dem Titel Mord war der eher literarisch als juristisch inspirierte Steckbrief dann auf vielen Veranstaltungen und Lattenzäunen rund um den 2. Juni zu sehen. Es war nicht meine erste Publikation, aber die erste, auf die ich wirklich stolz war.

Nirumand erlebt die Verwandlung Irans in eine islamische Diktatur

Seit damals habe ich die demokratischen Aufbrüche in Iran mit Sympathie und Wut verfolgt. Keine Bürgerbewegung im Nahen Osten hat so beständig, so mutig und mit so großen Verlusten gegen ihre Diktatoren protestiert. Keine Rebellion im Westen musste je so hohe Risiken eingehen – nämlich Folter, Vergewaltigung und Tod – wie die Bürgerbewegung in Iran. Warum sind diese Aufbrüche ausgerechnet in Iran, dem aufgeklärtesten und modernsten islamischen Land im Nahen Osten, immer wieder gescheitert? Der Versuch des demokratisch gewählten Volkshelden Mohammed Mossadegh, sein Land Anfang der fünfziger Jahre aus dem Klammergriff der internationalen Ölkonzerne zu lösen, wurde durch einen von der CIA gelenkten Putsch beendet. Der von den USA inthronisierte Schah Mohammed Reza Pahlevi wurde nach 25 Jahren Herrschaft durch eine weitere Volkserhebung zur Flucht gezwungen. Ajatollah Chomeini, der "Erlöser", der aus seinem Pariser Exil nach Teheran flog, errichtete eine Schreckensherrschaft, mit der verglichen das Regime seines Vorgängers eine Art aufgeklärte Diktatur war. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass sich nach der Vertreibung des Schahs eine viel schlimmere, eine religiöse Diktatur etablieren würde.

Es folgte im Jahr 2009 – eineinhalb Jahre vor dem Freiheitssturm in Ägypten und Tunesien – die sogenannte Grüne Revolution gegen die vermutlich gefälschten Präsidentschaftswahlen und das Mullah-Regime in Iran. Millionen von Iranern und Iranerinnen gingen unbewaffnet auf die Straßen und setzten ihr Leben gegen die Schläger-Kommandos von Ahmadineschad ein. Diesmal ist es so weit, diesmal werden sie es endlich schaffen, hofften alle, die den jahrzehntelangen Widerstand der Iraner verfolgen. Aber auch dieser dritte Anlauf wurde blutig unterdrückt.

Wie kommt es, dass die Iraner nach ihren Freiheitskämpfen immer nur deren fürchterliche Kosten – das vergossene Blut, die Folter und den Tod – verbuchen können, aber nie den Sieg? Warum konnte in Teheran bis heute keines jener Freudenfeste gefeiert werden, die in Tunis, in Kairo und in Tripolis stattgefunden haben? Über diese Tragödie spricht Bahman Nirumand in seiner Autobiografie: Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste.