Biografische Topografien sind eine eigene Kunst. Vielleicht wurzelt das Genre noch im Positivismus des 19. Jahrhunderts. Ganz gewiss jedoch hat es in den achtziger Jahren mit den Marbacher Spuren -Heften einen hübschen Aufschwung genommen. Just in den letzten Jahren erschien etliches Vortreffliches wie die Bücher über Altenbergs Wien oder Kafkas Prag, Roswitha Quadfliegs Beckett in Hamburg oder Bernhard Echtes Porträt von Robert Walsers Biel. Jetzt gesellt sich der Jurist und Büchermann Joachim Kersten dazu, der uns Arno Schmidt in Hamburg zeigt.

In Hamburg kam Arno Schmidt 1914 zur Welt, im Kleine-Leute-Viertel Hamm, hier verbrachte er seine Kindheit und ging er zur Schule, nach Hamburg kehrte er immer wieder auf einen Besuch zurück. Kersten zeichnet die Spuren der Stadt nach, die wir in Schmidts Werken finden, oft sind es verblüffend wortgenau transponierte Erinnerungen, von Schmidt nur lässig fiktional camoufliert.

Kerstens brillant und geradezu schmidtmimetisch aus Werkausschnitten, Foto- und Textdokumenten kollagiertes Buch weitet das biografische Bild über das übliche Familiendrama zum sozialen Panorama. Wir lesen vom Polizistenvater Otto Schmidt, autoritär und autistisch, wir lesen Briefe der Mutter Clara und von Arnos Schwester Luzie, die später in die USA geht. Kleinstbürgerliche Familienzelle und Ohnsorg-Muff. Wir begreifen, dass Heinrich Hoffmanns fliehender, Fliegender Robert zu einer Lieblingsgeschichte des Kindes Arno werden musste und dass er sich viel später noch (wiederum bei einem Hamburg-Besuch) in eine Grafik A. Paul Webers verliebt: Kinder, die den Drachen steigen lassen. Wir erfahren aber auch vom neuen, vom Reform-Hamburg der zwanziger Jahre und, nach dem großen Fall, von der Trümmerstadt, in der Arno Schmidt die Welt seiner Kindheit nicht mehr wiederfindet.

Besonders berühren Auszüge aus dem Tagebuch von Schmidts Frau Alice, die Besuche des jungen Paars in der Hamburger Kunsthalle kurz nach dem Krieg festhalten. Sie zeigen den Literatur-Avantgardisten als Kunst-Nostalgiker – vor allem aber den großen Eskapisten, der wie so mancher seiner wahn- und kriegsgebrannten deutschen Zeitgenossen in eine Welt flieht, die er sich selber schafft. In Schmidts Fall: ein literarisches Werk, das auch den Leser schwindelnd in Robertsche Höhen entschwinden lässt.