Revolution? Natürlich!

Yefren, Misrata, Tripolis. Inas al-Shareef Said beginnt jede Antwort mit demselben Wort. "Natürlich!" Hell und laut bricht es aus ihr heraus. Natürlich hätten sie, die jungen Frauen von Libyen, eine wichtige Rolle in der Revolution gespielt. Natürlich müssten sie, die Frauen, jetzt politische Parteien gründen. Natürlich wolle sie selbst später einmal fürs Parlament kandidieren. Und es gebe viele Frauen in Libyen, die dächten wie sie.

Inas, 21 Jahre alt, ihre Schwester Nauvnes und ihre Freundin Taghred sind so ziemlich das Letzte, was ein Besucher erwartet – hier in der Wüstenstadt Yefren, etwa 150 Kilometer südlich von Tripolis. Die Stadt ist die stolze Bastion der "Berglöwen", wie sich die Rebellen im Nafusa-Gebirge nennen. Junge Männer in Flecktarn beherrschen die Straßen, sie sind noch berauscht von Kampf und Sieg. Mit hektischen Gesten erklären sie, wie sie Frauen und Kinder aus Yefren hinausschafften, als Gadhafis Truppen auf die Stadt zurückten, wie sie, die Rebellen, den Ort anschließend wochenlang belagerten und schließlich, Höhenmeter um Höhenmeter aus der sengenden Sandebene heraus, zurückeroberten. "Wenn du hier drin spürst", sagt ein Rebellenführer und hämmert sich mit der Faust auf die Brust, "dass die Sache, für die du kämpfst, die richtige ist, dann kann dich niemand besiegen." Allah-u-akbar!, bekräftigen seine Kameraden, feuern Salven in die Luft und schwingen sich auf ihre Geschütz-Pickups, um weiter hupend durch die Hangstraßen zu kurven.

"Als Frauen konnten wir uns leicht durch die Gadhafi-Truppen bewegen"

Inas und die beiden anderen schreiben derweil Programme für die neue Vereinigung zur Frauen-Förderung in Yefren. Sie haben ihre Gruppe "Tiwatriwin" genannt, in der Sprache der Berber-Stämme bedeutet das so viel wie Gebet. Der Name ist gut gewählt, denn obwohl den Frauen von Libyen seit Monaten mindestens ebenso die Herzen brennen wie ihren männlichen Altersgenossen, ist es eben keineswegs natürlich, dass die Revolution nicht allein als Revolution der Männer endet.

Die Frauen verlangen ihren Teil an der neuen Ordnung, weil sie dazu beigetragen haben , die alte hinwegzufegen. Als sie zu Beginn der Aufstände, vor allem aus Angst vor Vergewaltigungen, aus den Städten hinausgebracht wurden, waren viele von ihnen wütend; sie wollten mitkämpfen. Und sie taten es auch. Auf andere Weise als die Männer zwar, aber auf nicht weniger wichtige. Wie der weibliche Widerstand in Libyen aussah, darüber berichtet Inas gern – nicht im Heldenton der Berglöwen, sondern mit Freude über ihre gelungenen Einfälle.

"Wir sind während des Krieges nach Tunesien gefahren, um dort Filme und Berichte über die Kämpfe auf USB-Sticks ins Internet zu stellen", erzählt sie. "Von dort haben wir den Rebellen Informationen und Geld mitgebracht, und wir haben als Botschafterinnen zwischen ihren Stellungen fungiert. Als Frauen", sie lacht, "konnten wir uns leicht durch die Gadhafi-Truppen hindurchbewegen. Weil die überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen sind, dass wir so etwas tun könnten!" Ihr Selbstbewusstsein hat sich durch diese Aktionen genauso geschärft wie das der Frontkämpfer. Der Krieg hat Libyens Frauen zusammengeschweißt und ihnen ungekannte Autonomie beschert. Die dichten Netzwerke und die Erfahrung, dass Solidarität Dinge ändert, die wollen sie sich nicht mehr nehmen lassen.

Im Freedom House, einem halb zerschossenen Gebäude am Marktplatz von Yefren, haben die Kämpfer der Stadt Munitionsgürtel, Panzerfäuste, Stahlhelme und Wodkaflaschen zu einem Schützengräben-Szenario drapiert, um ihre Schlachterlebnisse zu feiern. Gadhafi-Fratzen, Freiheits-Slogans und die neue libysche Flagge schmücken die Wände. Inas, Nauvnes und Taghred helfen in einem anderen Raum Kindern, ihre Kriegserlebnisse durch Bildermalen zu verarbeiten. Noch geht das alles gut zusammen, noch hat jeder seinen Platz innerhalb des Umbruchs. Aber den Frauen reicht es nicht, das Terror-Regime los zu sein. "Wir erwarten als Nächstes eine Revolution in den Köpfen", sagt Inas und reckt den Zeigefinger in die Höhe. "Wir erwarten, dass wir uns frei ausdrücken und frei denken können. Das heißt auch", ihre Freundinnen nicken, "ohne jede religiöse Beschränkung."

Was mit diesem Hinweis gemeint ist, lässt sich einen Tag später in Misrata erleben, der Stadt, die während der Revolution wohl am meisten gelitten hat . 70 Tage lang war sie von Gadhafi-Truppen eingekesselt, unablässig beschossen Heckenschützen, Granatenwerfer und Artilleriegeschütze die Hauptstraßen. Die Nato flog Luftangriffe, und in den erbitterten Schlachten gegen die Belagerer starben wahrscheinlich mehr als 3000 Bewohner. So berichten es, noch sichtlich mitgenommen, die Vertreter des Stadtrates, während sie einen durch die von Panzerwracks flankierte Trümmerlandschaft fahren, die einmal eine quirlige Einkaufstraße war.

 Bald soll es auch Frauen in den Stadträten geben

21 Mitglieder hat der Nachkriegs-Stadtrat von Misrata – ausschließlich Männer. Gefragt, warum nicht auch Frauen in der Stadtvertretung säßen, antwortet ihr Vorsitzender Ismail Forthia, es habe ja bis vor Kurzem noch Krieg geherrscht, und da habe man die Frauen "nicht in die erste Reihe stellen" wollen. Die "Ladies" hätten eine bewundernswerte Rolle gespielt im Befreiungskampf, wirklich großartig seien sie gewesen. Sie hätten die Männer gedrängt zu kämpfen, sie ermutigt, für sie gekocht, sie verarztet. Sicher, man wolle sie einbinden in die Politik, keine Frage, schon bald werde es weibliche Mitglieder im Rat geben. Mittlerweile, sagt Forthia, hätten sich in Misrata um die 20 Frauengruppen zusammengeschlossen, sie träfen sich regelmäßig, um über ihre Interessen zu beraten. Der Dekan der medizinischen Fakultät der Universität von Misrata, Hussain Asherkaci, berichtet, dass Frauen sich auch organisierten, um Opfern von Vergewaltigungen durch Gadhafi-Soldaten zu helfen. "Davon gab es hier viele", sagt er, "und jetzt gibt es Frauen, die andere zu Hause besuchen und versuchen, mit ihnen über ihre Leiden zu sprechen." Zwei oder drei andere Frauengruppen kümmerten sich um Kinder, die von den Bombennächten traumatisiert seien.

Aber nirgendwo in Misrata ist auch nur eine Frau auf der Straße zu sehen. Das mag daran liegen, dass Freitag ist, der muslimische Feiertag, und der wird in der Regel zu Hause verbracht. Doch auch dort ist es für männliche Besucher unmöglich, mit Frauen zu reden. Nichts zu machen, bedauern die Mitglieder des Stadtrates, die Frauen seien das nicht gewohnt, sie würden sich erschrecken, wenn ein fremder Mann zu ihnen nach Hause komme. Ein Gespräch will trotz mehrerer Bitten keiner der Männer vermitteln. Die "religiösen Beschränkungen", von der die junge Inas sprach, sie bedeuten im konservativen Libyen eben auch gesellschaftliche Traditionen, die zwar mit dem Islam gerechtfertigt werden, oft aber eher einem, vorsichtig gesagt, unrevolutionären Gesellschaftsbild geschuldet sind.

Franziska Brantner, deutsche Europaabgeordnete der Grünen, die dieser Tage in Libyen unterwegs war, sagt: "Natürlich steht das Ende des Krieges im Vordergrund – aber Frieden und Demokratie wird Libyen nicht ohne seine Frauen finden." Sie wolle deshalb, sagt Brantner, auf EU-Ebene dafür sorgen, dass die Frauenrechtsaktivistinnen die Unterstützung fänden, die sie forderten. Die Frauen brauchen nicht zuletzt Geld und praktische Organisationshilfe, um ihren Bewegungen Gewicht zu verleihen.

Auf dem Märtyrerplatz von Tripolis, wo junge Leute noch immer jeden Abend bei Musik und Mandeltee ihre Revolution feiern, ist ein Bereich für unbegleitete Frauen reserviert. Bewaffnete Rebellen bitten jeden, der dem Bereich zu nah kommt, höflich, Abstand zu halten. Masara und Srour Adell Buak aber bewegen sich mitten durch die Menge, im Geleit ihres Vaters. Die beiden Schülerinnen sind 17 und 19 Jahre alt, sie verteilen Flugblätter für ihre Frauenrechtsbewegung. Sie heißt "Die, die nichts haben", nach einer Sure im Koran.

Unterschiedliche Rechte für Männer und Frauen? Auf gar keinen Fall!

Masara und Srour sagen, es gehe ihnen zunächst einmal darum, anständig lernen zu können. Die Schulen des Landes, schildern sie in angestrengtem, konzentriertem Englisch, das sie sich selbst beigebracht haben, müssten dringend reformiert werden, die Lehrer seien oft schlecht, der Unterricht chaotisch, viele Schüler kämen ohne jede Leistung durch. Dass sie politisch aktiv werden müssten, sagen die beiden, hätten sie begriffen, als ein Entwurf für eine neue libysche Verfassung kursierte, der Männer- und Frauenrechte in getrennten Kapiteln aufgeführt habe. "Das kann doch wohl nicht sein!", entfährt es ihnen. Mit den Männern in allen Reformbestrebungen zusammenzuarbeiten, sei ihnen "sehr wichtig", sagen sie laut und tippen auf die Stelle im Flugblatt, wo genau das steht.

Der Vater hört dem Gespräch zu und lächelt. Hat er denn keine Sorge, wenn sich seine Töchter im noch instabilen Libyen so exponieren? Doch, sicher, antwortet Adel Mohammed Buyuk, aber vor allem sei er stolz auf sie. Zwei Generationen von Libyern, erinnert der 48 Jahre alte Hotelangestellte, seien mit der täglichen Angst aufgewachsen, das Falsche zu sagen. Dass seine Töchter so plötzlich ganz anders denken, dass sie furchtlos Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung einforderten, das scheint ihm fast wie ein kleines Wunder. Jetzt, sagt er, müssten in der Tat die Männer sich ändern; sie müssten sich "geistig entwaffnen", wie er es nennt. Eben wie sie es in Europa getan hätten, sagt Buyuk. Dort habe man doch begriffen, dass Frauen sich nicht auf Heim und Herd beschränken dürfen, sondern dass sie zur Zivilgesellschaft beitragen müssten. "Denn die Zivilgesellschaft, die macht ein Land doch aus, oder?"

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