21 Mitglieder hat der Nachkriegs-Stadtrat von Misrata – ausschließlich Männer. Gefragt, warum nicht auch Frauen in der Stadtvertretung säßen, antwortet ihr Vorsitzender Ismail Forthia, es habe ja bis vor Kurzem noch Krieg geherrscht, und da habe man die Frauen "nicht in die erste Reihe stellen" wollen. Die "Ladies" hätten eine bewundernswerte Rolle gespielt im Befreiungskampf, wirklich großartig seien sie gewesen. Sie hätten die Männer gedrängt zu kämpfen, sie ermutigt, für sie gekocht, sie verarztet. Sicher, man wolle sie einbinden in die Politik, keine Frage, schon bald werde es weibliche Mitglieder im Rat geben. Mittlerweile, sagt Forthia, hätten sich in Misrata um die 20 Frauengruppen zusammengeschlossen, sie träfen sich regelmäßig, um über ihre Interessen zu beraten. Der Dekan der medizinischen Fakultät der Universität von Misrata, Hussain Asherkaci, berichtet, dass Frauen sich auch organisierten, um Opfern von Vergewaltigungen durch Gadhafi-Soldaten zu helfen. "Davon gab es hier viele", sagt er, "und jetzt gibt es Frauen, die andere zu Hause besuchen und versuchen, mit ihnen über ihre Leiden zu sprechen." Zwei oder drei andere Frauengruppen kümmerten sich um Kinder, die von den Bombennächten traumatisiert seien.

Aber nirgendwo in Misrata ist auch nur eine Frau auf der Straße zu sehen. Das mag daran liegen, dass Freitag ist, der muslimische Feiertag, und der wird in der Regel zu Hause verbracht. Doch auch dort ist es für männliche Besucher unmöglich, mit Frauen zu reden. Nichts zu machen, bedauern die Mitglieder des Stadtrates, die Frauen seien das nicht gewohnt, sie würden sich erschrecken, wenn ein fremder Mann zu ihnen nach Hause komme. Ein Gespräch will trotz mehrerer Bitten keiner der Männer vermitteln. Die "religiösen Beschränkungen", von der die junge Inas sprach, sie bedeuten im konservativen Libyen eben auch gesellschaftliche Traditionen, die zwar mit dem Islam gerechtfertigt werden, oft aber eher einem, vorsichtig gesagt, unrevolutionären Gesellschaftsbild geschuldet sind.

Franziska Brantner, deutsche Europaabgeordnete der Grünen, die dieser Tage in Libyen unterwegs war, sagt: "Natürlich steht das Ende des Krieges im Vordergrund – aber Frieden und Demokratie wird Libyen nicht ohne seine Frauen finden." Sie wolle deshalb, sagt Brantner, auf EU-Ebene dafür sorgen, dass die Frauenrechtsaktivistinnen die Unterstützung fänden, die sie forderten. Die Frauen brauchen nicht zuletzt Geld und praktische Organisationshilfe, um ihren Bewegungen Gewicht zu verleihen.

Auf dem Märtyrerplatz von Tripolis, wo junge Leute noch immer jeden Abend bei Musik und Mandeltee ihre Revolution feiern, ist ein Bereich für unbegleitete Frauen reserviert. Bewaffnete Rebellen bitten jeden, der dem Bereich zu nah kommt, höflich, Abstand zu halten. Masara und Srour Adell Buak aber bewegen sich mitten durch die Menge, im Geleit ihres Vaters. Die beiden Schülerinnen sind 17 und 19 Jahre alt, sie verteilen Flugblätter für ihre Frauenrechtsbewegung. Sie heißt "Die, die nichts haben", nach einer Sure im Koran.

Unterschiedliche Rechte für Männer und Frauen? Auf gar keinen Fall!

Masara und Srour sagen, es gehe ihnen zunächst einmal darum, anständig lernen zu können. Die Schulen des Landes, schildern sie in angestrengtem, konzentriertem Englisch, das sie sich selbst beigebracht haben, müssten dringend reformiert werden, die Lehrer seien oft schlecht, der Unterricht chaotisch, viele Schüler kämen ohne jede Leistung durch. Dass sie politisch aktiv werden müssten, sagen die beiden, hätten sie begriffen, als ein Entwurf für eine neue libysche Verfassung kursierte, der Männer- und Frauenrechte in getrennten Kapiteln aufgeführt habe. "Das kann doch wohl nicht sein!", entfährt es ihnen. Mit den Männern in allen Reformbestrebungen zusammenzuarbeiten, sei ihnen "sehr wichtig", sagen sie laut und tippen auf die Stelle im Flugblatt, wo genau das steht.

Der Vater hört dem Gespräch zu und lächelt. Hat er denn keine Sorge, wenn sich seine Töchter im noch instabilen Libyen so exponieren? Doch, sicher, antwortet Adel Mohammed Buyuk, aber vor allem sei er stolz auf sie. Zwei Generationen von Libyern, erinnert der 48 Jahre alte Hotelangestellte, seien mit der täglichen Angst aufgewachsen, das Falsche zu sagen. Dass seine Töchter so plötzlich ganz anders denken, dass sie furchtlos Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung einforderten, das scheint ihm fast wie ein kleines Wunder. Jetzt, sagt er, müssten in der Tat die Männer sich ändern; sie müssten sich "geistig entwaffnen", wie er es nennt. Eben wie sie es in Europa getan hätten, sagt Buyuk. Dort habe man doch begriffen, dass Frauen sich nicht auf Heim und Herd beschränken dürfen, sondern dass sie zur Zivilgesellschaft beitragen müssten. "Denn die Zivilgesellschaft, die macht ein Land doch aus, oder?"

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