Die Gedanken sind frei heißt ein beliebtes Lied, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Gut ein Jahrhundert später machte in der hessischen Provinz der Justizrat Friedrich Kellner von der Freiheit des Denkens Gebrauch. Sein zwischen 1938 und 1945 verfasstes und soeben erstmals veröffentlichtes Tagebuch mit Alltagsbeobachtungen und Gesellschaftsanalysen löste eine neue Debatte darüber aus, wie viel die Deutschen vom Judenmord wissen konnten und wussten.

In den Geschichtswissenschaften musste erst ein Generationswechsel eintreten, um dies zu erforschen. Denn nicht nur Kellners Notizen belegen: Das Wissen über die Morde zirkulierte unkontrollierbar in der Gesellschaft. Um es geheim zu halten, waren die Anzahl der Opfer, Täter und Zuschauer, das geografische Ausmaß und die Brutalität der Völkermorde viel zu immens. Stufenweise, ihrer gesellschaftlichen Position und Vernetzung nach, erhielten etliche Deutsche Kenntnis von den Verbrechen. Auch versuchte die NS-Führung ihr Wissen partiell zu teilen, um Komplizenschaft zu fördern, nicht zuletzt mit Mitgliedern der weiteren Elite des Reiches.

Zu dieser gehörten Unternehmer und Bankiers. Da Wirtschaft und Politik (besonders seit dem Beginn des Krieges) immer enger miteinander verflochten waren, erhielten sie privilegierten Zugang zum Herrschaftswissen. Sie erfuhren von den Morden per Korrespondenz, im persönlichen Gespräch oder bei Besichtigungen an den Orten des Grauens. Europaweit waren sie in die Besatzungspolitik eingebunden, wie etwa beim Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Für die Unternehmen versprach die Kooperation mit dem Regime angesichts der Aufrüstungs-, Expansions- und Raubpolitik unternehmerische Stabilität und einen betriebswirtschaftlichen Mehrwert in gewaltigen Dimensionen. Nur einzelne Manager und Unternehmer wie Oskar Schindler (Krakau), Berthold Beitz (Boryslaw), Eduard Schulte (Breslau) oder Otto Weidt (Berlin) entschlossen sich angesichts des großen Mordens zu Rettungsaktionen für bedrohte Juden.

Nach dem Krieg war es auch in der Wirtschaft gang und gäbe, jedes Mitwissen abzustreiten. Der Frankfurter Bankier Hermann Josef Abs zählte zu den wenigen, die eingestanden, "von dem furchtbaren Geschehen in Majdanek oder Auschwitz [...] gewusst zu haben. Sich dahinter zu verschanzen, dass man nichts davon wusste, nehme ich nur wenigen ab."

In der Tat zeugen etliche Dokumente davon, wie genau deutsche Wirtschaftsführer über den Holocaust informiert waren. So erreichte Friedrich Flick und seine leitenden Mitarbeiter im November 1941 ein Rundschreiben des Hauptgeschäftsführers der Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie mit einem Reisebericht aus dem Osten. Die Herren erhielten nicht nur Kenntnis über den Zustand der eroberten ukrainischen Industrie, sondern auch über die Eskalation der Gewalt gegen Kriegsgefangene und Zivilisten: über das systematische Aushungern und Erschießen von Gefangenen und über die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung. Dnjepropetrowsk, Kiew, Kriwoi Rog und andere Städte seien "judenfrei [...]. Was nicht geflohen ist, wurde liquidiert."

Berichte von Mitarbeitern der Reichsbank und von Oswald Pohl, dem Verwaltungschef der Konzentrationslager, vor dem Nürnberger Tribunal wiederum überliefern eine gespenstische Szene aus dem Jahr 1942. Da begleitete Reichsbankdirektor Hermann Waldhecker den ihm gut bekannten Pohl in die Berliner Gewölbe der Bank. Sie öffneten verschiedene Koffer und betrachteten die Beute: Eheringe, Uhren, Monokel, Schmucknadeln, Broschen und andere Wertsachen ermordeter Juden. Ein Teil davon wurde im Folgenden vom Berliner Pfandhaus veräußert.

Große Firmennamen tauchen auf: Siemens, Wintershall, Allianz

In Nürnberg musste sich 1948 auch Heinrich Bütefisch verantworten, Vorstandsmitglied der IG Farben und der Braunkohle Benzin AG in Berlin. Er hatte in Vorstandssitzungen über die Errichtung von Konzentrationslagern entschieden und nach eigener Aussage zumindest zwei davon besucht. Als Leiter des Auschwitzer Synthese-Werkes, unweit von Birkenau gelegen, erhielt Bütefisch wöchentliche Berichte von den IG-Mitarbeitern. Darin fanden sich Klagen über den Mangel an SS-Wachmannschaften im Lager des IG-Farben-Werks, über den verheerenden Krankenstand der Häftlinge und ihre geringe Produktivität. Bisweilen wurden "heilsame" Gewaltmaßnahmen gegenüber den Sklavenarbeitern vorgeschlagen oder der Bau von Leichenhallen.

In vielen Unternehmen harmonierte das ökonomische Interesse mit der politischen Überzeugung. Dass Firmenangehörige und leitende Unternehmensmitarbeiter KZs besuchten und bisweilen an Mordselektionen mitwirkten, ist aus den Büchern des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi bekannt.

In manchen Unternehmen versuchte man das Wissen über das systematische Morden auch zu nutzen. Ein makabrer Rechtsstreit der Dresdner Bank mit dem Reich dokumentiert, wie dieses Wissen in die privatwirtschaftliche Handlungslogik übersetzt wurde. Als Anfang 1942 die jüdische Witwe eines 1930 verstorbenen Bankdirektors deportiert worden war, wies das Oberfinanzpräsidium Berlin die Bank an, die von dem Institut gezahlte Rente der Frau nunmehr an das Reich zu überweisen. Bis in das Frühjahr 1945 stritt die Rechtsabteilung des Kreditinstituts für seine Interessen und argumentierte, dass die Rentenansprüche der Frau erloschen seien: Aufgrund der Deportation sei der Tod der Frau anzunehmen, falls nicht eine "Lebensbescheinigung" vorgelegt werde.

Flick, Waldhecker, Bütefisch sowie zwei Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank, Emil Meyer und Karl Rasche, gehörten zu einer besonderen Gruppe von Wirtschaftsführern. Zusammen mit mehr als dreißig weiteren Unternehmern und Bankiers – unter ihnen Rudolf Bingel von Siemens, August Rosterg von Wintershall, Richard Kasselowsky von Oetker und Kurt Schmitt von der Allianz – suchten sie auf exklusive Weise die Nähe zur politischen Spitze: im Freundeskreis Heinrich Himmler. Auf Wunsch der Unternehmer hatte der Persönliche Stab des Reichsführers-SS in Berlin Mitte der dreißiger Jahre diesen Herrenklub etabliert. Im "Haus der Flieger", das Hermann Göring unterstand (heute tagt hier das Berliner Abgeordnetenhaus), kam man zunächst sporadisch, von 1938 an dann allmonatlich in repräsentativen Klubräumen zusammen. Mit Vorträgen und Abendessen währten die Runden oft bis Mitternacht. Wenn Himmler hier redete, sprach er zu "alten Freunden".