Wie geht es ihm? Das war die ewige Frage. Das wollten die Journalisten von Federico Lombardi jeden neuen Tag als Erstes wissen. 31 Grad bei der Abreise in Rom, 23 Grad in Berlin, 25 in Erfurt – wie hält der Heilige Vater, immerhin auch schon 84 Jahre alt, das eigentlich durch? Ist das noch vertretbar oder nicht zu heiß? In Freiburg, Sonne über dem Schwarzwald und 27 Grad, wartete der Sprecher des Papstes die allfällige Bulletin-Frage gar nicht mehr ab. Vielleicht war sie ihm inzwischen zu dumm geworden, vielleicht war ihm selber auch nur zu warm. "Es geht ihm gut", diktierte Lombardi, Jesuit und Mathematiker, den schwitzenden Reportern beim täglichen Briefing um 15 Uhr zweisprachig in die Notizbücher, "rein gesundheitlich war die Reise des Papstes also ein voller Erfolg!"

Und wie war sie sonst so? Was heißt eigentlich Erfolg bei einer apostolischen Reise ? Gilt die Zahl der Teilnehmer bei den Gottesdiensten als Gradmesser, ihre Frömmigkeit? Oder die Atmosphäre? Vor allem, was sagt der Papst dazu?

Wenn der Oberhirte aus Rom für jemanden zu sprechen ist, dann am ehesten für die Vatikanisti. Kaum jemand ist näher am Pontifex als die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Journalisten. Vatikanisti halten nichts davon, ein Stück vom Berg zurückzutreten, um ihn aus der Entfernung besser betrachten zu können. Sie gehen ran. "Vatican-accredited media personel" ist die offizielle Bezeichnung – sie selber nennen sich gern Vamps. Sie reisen mit, um die Worte des Papstes in alle Welt zu verbreiten. Vamps werden von der Polizei eskortiert, ihnen flattern die Ausweise und Passierscheine um den Hals. Wenn sie kommen, öffnen sich alle Schranken, dann ist der Weg frei. Manchmal, wenn ihr Bus mit den getönten Scheiben als Erster der päpstlichen Wagenkolonne durch die gesperrten Straßen fährt, werden sie fotografiert, die Passanten applaudieren. Manche Vamps machen das seit Jahren gern mit.

Rom, Flughafen Ciampino. Wellblech und Ryanair. Etwas abseits ist Alitalia Flug AZ 4000 geparkt. Blaulicht ohne Zahl biegt auf das Rollfeld. Vorneweg ein schwarzer Mercedes mit dem päpstlichen Wappen, Türen werden aufgerissen, Männer mit Sonnenbrillen und schwarzen Anzügen springen heraus. Was wie der Versuch einer Geiselnahme aussieht, markiert den Beginn einer neuen Pilgerreise des Papstes. "Wo Gott ist, da ist Zukunft!" Das ist das offizielle Motto, Deutschland in vier Tagen. Wie geht es ihm?

Vor knapp einer Woche, beim Wort zum Sonntag für das Deutsche Fernsehen, hat der Papst davon gesprochen, dass seine Reise "nicht als Show" missverstanden werden dürfe , es könne keine Rede sein von einem touristischen Ausflug. Unendlich müde hatte er dabei gewirkt. So gar kein Anschein von Vorfreude oder Reisefieber in seinem Gesicht. "Keine Show" – das hätte Johannes Paul II. seinen Jüngern nicht versprochen. Gemessen am apostolischen Maßstab ließ es der Papst aus Polen richtig krachen. Auf dem Rückflug von Mexiko 1979 zum Beispiel bekam ZEIT-Reporter Hansjakob Stehle mit, wie der Papst aus Polen die irritierte Stewardess beim Frühstück mit der Bitte um Wodka und ein bisschen Pfeffer überraschte. "Das hilft, wenn Sie sehr erschöpft sind, liebes Fräulein. Natürlich nur ein ganz kleines Gläschen!"

Das ist mit Benedikt nicht zu machen. Immerhin will er während des Fluges nach Berlin für ein paar Minuten die Vatikanisti hinten im Flugzeug besuchen. Der bloße Gedanke an eine Plauderei mit dem Papst sorgt hier für Alarm. Es wird geschoben und gedrückt, wer nicht zum ersten Mal dabei ist, hat reichlich Klebeband in der Tasche, um den Rekorder an den Lautsprechern in der Kabinendecke zu fixieren. Rai Uno hat sich bis an den grauen Vorhang vorgearbeitet, auch der ARD-Hörfunk steht mit seinem blauen Mikrofon nicht schlecht. Dann schiebt sich ein Pulk Menschen von vorn der Touristenklasse entgegen. Und dann ist er leibhaftig zu sehen, steht mit den roten Schuhen auf dem grauen Teppich des Airbus A320, der Papst, der Nachfolger des Apostel Petrus. Ein kleiner Mann, man hat ihn sich größer vorgestellt. Eine schmächtige Gestalt, gemessen an all den wohlbeleibten Kardinälen, die hinter ihm stehen. Wie mag es ihm gehen?

Anzusehen ist es ihm nicht. Die rechte Hand mit dem goldenen Ring hält den Zeigefinger der Linken umschlossen, die weiße Soutane hat sich ein Stück in den grauen Kabinenvorhang gedrückt. Freude steht in den Gesichtern der Männer hinter ihm, mit sichtlichem Behagen registrieren sie die Blitzlichtkanonaden, die roten Lampen der Kameras. Allein der Papst macht den Eindruck, als wäre er ungern im Bild. Doch dann ist er dran, er beginnt zu sprechen, leise, wie Professoren es gern tun. Er erwähnt seine Liebe zu Deutschland, dass eine Muttersprache für immer verbinde, egal was passiert. Weil der Rest im Lärm der Triebwerke untergeht, drücken die Vatikanisti jetzt mit Macht von hinten nach vorn. Stative verkeilen sich, die ersten Klebestreifen hängen von der Decke – trotzdem ist der Augenblick nicht frei von Zauber.