Über erhaltenswerte Räume spricht auch Pierre Zaoui: Räume, in denen nichts nützlich oder verwertbar sein muss. "Heute wird alles zu Kapital", kritisiert er. "Humankapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital. Wir denken nur noch in Projekten: Ziel, Mittel, Zeit. Das ist eine Ideologie, die das Ereignis zerstört."

Zaouis aktuelles Buch heißt La Traversée des Catastrophes – "Die Durchquerung der Katastrophen". Darin geht es um Ereignisse jenseits aller Projektemacherei: um das Sterben, die Krankheit, den Verlust der Liebe. Ähnlich wie Belhaj Kacem kritisiert Zaoui die traditionelle Philosophie , die vom Übel nur spricht, um es wegzudefinieren. Für sie ist das Leiden Teil der Natur oder bloß Einbildung, göttliche Prüfung, Preis des Fortschritts – alles Denkfiguren, die es erlauben, schnell von diesem unangenehmen Thema zu Erbaulicherem überzugehen, zum Kosmos, zum Jenseits, zur Seele oder zum Sinn der Geschichte.

Nein, sagt Zaoui, der Gedanke an das Schlimmste muss festgehalten werden. Und zwar so, wie es wirklich ist: nicht "der Tod im Allgemeinen", sondern der eigene oder der eines geliebten Wesens. "Du musst hinabsteigen", lautet Zaouis Maxime.

All das erläutert ein Familienvater, der auf einem unaufgeräumten Balkon voller Sportsachen und Kinderspielzeug sitzt und beste Laune ausstrahlt. Nur sein Konsum großer Mengen schwarzen Kaffees und unzähliger Zigaretten erinnert noch an das Klischee des Existenzphilosophen, der in Abgründe blickt. "Sie dürfen das Leben eben nicht durch sein Ende definieren", erklärt er. "Wir leben nicht zum Tode, er bricht gewaltsam von außen über uns hinein. Nicht das Ende, das Ereignis zählt. Nicht das Verschwinden, sondern die Begegnung." Selbst im Allerschlimmsten treten Abstufungen auf, es gibt Pausen, Ablenkungen, ein Ende. In seinem Buch erinnert Zaoui an den Grafen Mirabeau, der auf dem Sterbebett liegend seinen Diener bat, ihn sexuell zu befriedigen: eine letzte Erektion gegen den Tod.

"Wir Philosophen dürfen über alles nachdenken, das ist unser Vorteil", sagt Zaoui. Und so befasst er sich heute mit individuellem Leid, morgen mit dem Klassenkampf und übermorgen mit dem Liberalismus; zurzeit schreibt er an einer "Ethik für Atheisten", außerdem redigiert er das Vierteljahresblatt Vacarme , eine der neuen intellektuellen Plattformen. Vacarme heißt auf Deutsch "Lärm". Das ist Ironie, denn die Zeitschrift verzichtet auf Krach und Geschrei, richtet sich gegen Unschärfe, Schlampigkeit, Gedankenlosigkeit der öffentlichen Rede.

Wie der erste Roman des 30-jährigen Victor Beauvais, erschienen im Frühjahr 2011. Der Ich-Erzähler ist, wie auch der Autor, Sprössling einer Intellektuellenfamilie und Absolvent einer Elitehochschule; er hat einen Lehrauftrag in Wirtschaftswissenschaften. Sowohl die Lehre als auch seine Doktorarbeit öden den Erzähler an, er simuliert das Arbeiten letztlich nur. "Machen das nicht viele so?", fragt Beauvais und lässt seinen Blick streifen; es ist Spätnachmittag, der blasse junge Mann mit den dünnen Haaren sitzt auf einer Bank im Park des Palais Royal, Pärchen flanieren vorbei. Sein Buch heißt Économie de l’amour , Ökonomie der Liebe.

Darin rechnet er auch mit den Wirtschaftswissenschaften ab. Beauvais hat sich, wie er sagt, "real existierende" Forschungsarbeiten vorgeknöpft, deren Lächerlichkeit sein Roman auf urkomische Weise entlarvt. "Die zugrunde liegende Mathematik wird nicht nur falsch eingesetzt, sondern ist oft selbst fehlerhaft" – und das nervt ihn besonders, denn Beauvais liebt die Mathematik. "Mein Verleger wollte, dass ich alle mathematischen Formeln aus dem Buch entferne. Da habe ich mich geweigert." Mit der Folge, dass der Leser sich entweder die Mühe machen muss, sie zu verstehen, oder in die Rolle der im Buch beschriebenen Studenten rutscht.