Die politische Urszene des Norbert Lammert ereignet sich vor 28 Jahren, mitten in der Flick-Parteispendenaffäre 1983. Die Republik rumort, Helmut Kohls "geistig-moralische Wende" steht auf dem Spiel. Die Regierung, noch nicht einmal ein Jahr im Amt, sieht aus wie eine Betrügerbande. Eines Abends trommelt Unions-Fraktionschef Alfred Dregger eine außerordentliche Sitzung zusammen. Kohl und Strauß tauchen auf. Sie schwören ihre Leute auf eine Änderung des Parteienrechts ein, fordern einen Passus, der die Beschuldigten freispricht: eine Schnelländerung der Rechtslage. Wortmeldungen werden nicht erwartet. Aber dann hebt der Abgeordnete Norbert Lammert, es ist seine erste Wahlperiode, den Finger – und spricht sich dagegen aus. Es herrscht Totenstille. Die Sitzung nimmt ihren Lauf. Beim Herausgehen flüstert ein Kollege ihm zu: "Das war gut für uns, dass du den Mund aufgemacht hast. Aber vermutlich nicht gut für dich."

Lammert begreift an diesem Abend, dass, wer das politische Handwerk erlernt, auch seine Kenntnisse über die menschliche Natur vertieft. Der Kanzler streicht ihn aus seinem berühmten "Herberger-Notizbuch", in das er sich die Namen vielversprechender Nachwuchskräfte notiert. Heiner Geißler wird später in einem seiner Bücher schreiben, der Niedergang der CDU habe von dieser Sitzung ihren Ausgang genommen. "Es wäre damals wahrscheinlicher gewesen, dass der Betrieb einen wie mich aussondert", meint Lammert heute. "Dass es tatsächlich nicht geschah, spricht aber für den Betrieb." Seither ist er auf Abweichungen von der Parteilinie abonniert. Seither kämpft er allerdings auch gegen die Rolle eines unberechenbaren Enfant terrible, gegen das Zerrbild vom Chefnörgler.

Seit er 2005 zum Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt wurde, brachte er das Regierungshandeln immer mal wieder ins Stottern. Er lehnte die zweite Föderalismusreform ab, er beklagte die Steuererleichterungen für Hoteliers und erinnerte an die Rechte des Bundesrats bei der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke wie auch beim anschließenden Ausstieg aus der Kernenergie. In der eigenen Fraktion führt das zu Ärger. In der CDU nennen sie ihn auch den "Gegenpapst". Ein gewisser Unfehlbarkeitsnimbus umgibt ihn, weil er erstaunlich oft recht hat.

Als die Finanzkrise vor drei Jahren einem Höhepunkt entgegenstrebte und das erste Rettungspaket für die Griechen geschnürt werden musste, geriet Lammert plötzlich auch Menschen in den Blick, die den Bundestagspräsidenten nie wahrnehmen oder sich gar nicht mehr für Politik interessieren. Er fragte: Selbst wenn die Regierung über Europa verhandeln darf, kann sie ohne Zustimmung des gewählten Souveräns deutsche Steuergelder in beliebiger Höhe riskieren?

Damals hatte es noch etwas Betrieblich-Praktisches, für die Beteiligungsrechte des Bundestages zu streiten. Heute hat sich das zugespitzt. Der Bundestag hat an diesem Donnerstag über den Rettungsschirm entschieden , es wird noch viel mehr Geld fällig, und es wird sichtbar, dass Deutschland weitere Souveränitätsrechte auf Europa wird übertragen müssen, auf etwas, das kein Staat ist und im Verständnis seiner Mitglieder auch keiner sein soll. In dieser Lage fragen sich nicht nur seine Leute, was Lammert mit dem Engagement fürs Parlament beabsichtigt. Will der Bundestag die Selbstabschaffung der Nation verhindern oder, im Gegenteil, die politische Vertiefung Europas gestalten? Ist Lammert ein Euro-Skeptiker, oder strebt er die Vereinigten Staaten von Europa an?

Er ist darüber zu gewisser Prominenz gelangt, solide gebildet und seriös, die Medien nicht suchend, sie aber auch nicht meidend. Seine Zeit brach an, weil Bundespräsident Christian Wulff die historische Situation unkommentiert lässt und die Kanzlerin Europa ganz offensichtlich nicht erklären kann. Lammert nutzt sein Repräsentationsamt so politisch, wie es nur geht. Dabei wirkte es, als gerate er in den verzankten letzten Wochen in ein riskantes Schillern. Es war auch verzwickt: Die FDP, sogar gewichtige Unions-Fraktionskollegen wie Wolfgang Bosbach sprachen sich gegen den Euro-Rettungsschirm aus, die Opposition war dafür. In dieser unpäpstlichen Lage war es schwer zu erkennen, ob Lammert gerade mal wieder abweicht – und wenn ja, von welchem Kurs eigentlich?