Am vergangenen Montag zeigte der Mitteldeutsche Rundfunk wie immer seine beliebte Ratgebersendung Hier ab vier . Um 17 Uhr begann der Themenschwerpunkt: "Vorsicht, Fettnäpfchen. Unangenehme Situationen meistern". Es war genau das richtige Programm für diesen Tag und für diesen Sender. Denn die Lage, in der sich die ohnehin schwer ramponierte Anstalt seit Anfang der Woche befindet, ist: mehr als unangenehm. Und das Fettnäpfchen? Es ist eigentlich ein Fass. Eine ganze Mannschaft mächtiger Männer badet darin.

An jenem Montag tagte der Rundfunkrat des MDR, bestehend aus Vertretern von Politik, Kirche, Verbänden. Das Gremium sollte einen neuen Intendanten wählen. Es tat das Gegenteil: Die Männer und Frauen jagten einen Intendantenkandidaten vom Hof , als wäre der ein Fernsehclown.

Zwölf Stimmen gab es für Bernd Hilder. 29 gegen ihn. 28 Stimmen hätte der Kandidat gebraucht, um gewählt zu werden. Er bekam eine Zweidrittelmehrheit – gegen sich. "Das ist eine Klatsche", sagt fast jeder Rundfunkrat, den man danach fragt.

Es ist vor allem eine Klatsche für die Sächsische Staatskanzlei, für deren Chef Johannes Beermann und für Stanislaw Tillich, den Ministerpräsidenten. Die Genese von Hilders Nominierung und Scheitern ist ein Lehrstück darüber, wie man mit Machtpositionen schachert – nach Art einer Teleshopping-Show. Das Wahlergebnis des Rundfunkrates ist auch ein Schlag gegen eine CDU-geführte Landesregierung, für die großspurige Medienpolitik der Hebel zu nationaler Bedeutung werden sollte.

Die Geschichte beginnt mit Udo Reiter, 67. Nach über zwei Jahrzehnten Führungsarbeit hatte der mächtige wie müde Gründungsintendant – manche sagen: endlich – im Mai 2011 seinen Amtsverzicht erklärt. Es war seine Reaktion auf eine Kaskade von schmierigen Geschäften und zweifelhaften Verbindungen in der Anstalt, deren bisheriger Höhepunkt die Affäre um Ex-Unterhaltungschef Udo Foht darstellt. Reiters Nachfolger, hieß es, solle aufräumen, er solle aus der Anstalt der Gesetzlosen wieder eine Anstalt öffentlichen Rechts machen. Bernd Hilder, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung (LVZ) , war zuerst einmal Reiters Wunschkandidat, so betont es der Politiker Beermann.

Aber Hilder war gewiss auch der Kandidat der sächsischen Staatsregierung. Die Episode zwischen Hilder und der Macht in Dresden, erzählt ein politischer Insider, habe vor etwa drei Jahren begonnen; in Hilders Leipziger Wohnung.

Er soll dort zwei Prominente zum Essen empfangen haben. Der eine heißt Udo Reiter. Der andere Stanislaw Tillich. Jemand, der damals nah dran war, sagt: Dort, am Tisch, habe man Bernd Hilder zum Kronprinzen des MDR erkoren.

Wie kam er zu dieser Ehre, was sollte ihn als Intendant qualifizieren? Führungserfahrung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat der Zeitungsmann nicht. Selbst Wohlmeinende sagen, Personalführung sei nicht unbedingt Hilders Sache. Und die LVZ gilt nicht gerade als innovatives Blatt.

Den Ruf des Kandidaten hat man auch in der MDR-Redaktion zur Kenntnis genommen. Als Hilders Scheitern in der Intendantenwahl auf den Fluren des Senders bekannt wurde, brach Feierlaune aus, und ein Mitarbeiter berichtete: "Der MDR ist dabei, sich sendeunfähig zu trinken."